Montag ist Fototermin: Rätselhaftes.

Rätselhaftes lässt sich fotografisch leicht erzeugen – indem man ungewöhnliche Ausschnitte der Realität wählt. Dann kann unser Hirn die übliche Objektergänzung nicht vornehmen (Wiedererkennen!) und wir fangen an zu rätseln. Hier zum Beispiel stellen sich fast automatisch Fragen:  Natur oder Technik oder gar Kunst?

Wir suchen in unserem Hirnkasten nach erinnerten Bildern, die diesem ähneln. War da nicht was? Vielleicht zieht eine Erinnerung herauf, und das Bild komplettiert sich ein wenig:

Aha, ja,  anscheinend eine Pflanze, doch welche? Hm, hm, hm. Nee,  da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen:

Im wirklichen Leben können wir immer nur Stückwerk wahrnehmen. Winzige Ausschnitte aus dem Gesamt. Und versuchen, uns einen Reim drauf zu machen. Wir ergänzen Fehlendes mithilfe unserer Erinnerung, unserer Erfahrung. Jede Art von Fehlern schleicht sich da ein, jede Art von Vorurteilen, weil es an begründeten Urteilen fehlt. Gut ist es da, den Urteilsprozess nicht abzuschließen, sondern offen für Korrektur durch weitere Erfahrung zu halten. Manchmal fällt uns das „Erkennen“ ganz besonders schwer, weil der Bildausschnitt verschwommen ist, absichtlich oder nicht.

Die meisten Menschen mögen Rätsel, aber nur, wenn eine Chance besteht, dass sie die Antwort finden. Und vor allem wollen sie sicher sein, dass es eine Antwort GIBT und dass es auch JEMANDEN gibt, der diese Antwort kennt oder kennen kann. Zum Beispiel bei den großen und kleinen Welträtseln, mit denen wir uns doch ganz gern befassen: Gibt es Antworten? Und wer kennt sie? Der Kirchenmann, der Guru, der Gelehrte, der Astrophysiker, der Biologe? Der Psychologe? das inspirierte Medium? Big Brother im Hintergrund, der uns absichtlich im Dunkeln tappen lässt? Der Nachbar mit seinem Common sense? Ich selbst durch mein Bauchgefühl, meine Intuition? Der eine glaubt diesem, der andere jenem, aber ganz ohne Glauben geht es offenbar nicht.

Und was ist das nun? fragst du vielleicht. Nun, das sind Rätsel, deren Auflösung ich  vergessen habe. So gehts manchmal: Vieles möchten wir wissen, aber das, was wir als Individuen oder als Menschheit schon einmal wussten, haben wir bereits vergessen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, Fotografie, kleine Beobachtungen, Leben, Natur, Philosophie, Politik, Psyche abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

24 Antworten zu Montag ist Fototermin: Rätselhaftes.

  1. Linsenfutter schreibt:

    Interessante Ausführungen. Das läßt Raum für eigene Gedanken.
    LG Jürgen

    Gefällt 1 Person

  2. Ule Rolff schreibt:

    Die Fotos mit den „vergessenen Lösungen“ sind oft besonders schön, weil man von vornherein wegen der überraschenden Schönheit eines speziellen Teilbereichs fotografiert hat. Und nach einer Weile bleibt nur die Schönheit und wird zur Bedeutung. Oder zum Rätsel, wenn man sich denn unbedingt über das gegenständliche Motiv Gedanken machen möchte. Das ist wahrscheinlich ein Grundbedürfnis, verstehen zu wollen.

    Gefällt 3 Personen

  3. Johanna schreibt:

    Das macht Spass und ist gleichzeitig grösste Philosopie! Ja manchmal ist man zu nah an etwas dran oder der Ausschnitt ist zu klein, als dass wir das Ding/die Dinge wirklich erkennen können…. doch der Ausschnitt lässt sich immer weiter ausdehnen…. wo hört dann der Bildausschnitt bzw das Erkennen auf? Nicht umsonst hat unser Gehirn (unser Ich?) die Gabe der Mustererkennung mit in die Wiege gelegt bekommen, so als sollten wir uns gerade in dieser Erkenntnis üben??

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Interessant, was du da sagst, Johanna. Mustererkennung. Das ist ja in der Natur, bei der Orientierung und Ernährung sehr hilfreich. Auch wenn es sich um Muster in gesellschaftlichen Kontexten handelt, ist es brauchbar, um schnell die angemessenen Verhaltensweisen zu produzieren. Doch als Erkenntnispfad? Wie schnelll verfestigt sich da ein einmal „erkanntes“ Muster zu einem Vorurteil, wird zum Stereotyp und ist kaum noch auszurotten?

      Gefällt 2 Personen

      • Johanna schreibt:

        Ja da hast Du Recht, dass im gesellschaftlichen Kontext es sich leicht zu Stereotypen entwickeln kann. In der Beobachtung der Natur bzw Naturgesetze vielleicht weniger leicht. Aber in beiden Fällen kann die Erweiterung des Bildausschnittes wieder eine Korrektur herbeibringen …

        Liken

  4. hanneweb schreibt:

    So viele rätselhaft interessante Bilder, wobei wir so eine schöne Fächerpalme auch bei uns im Garten stehen haben. Müssen sie aber leider im Herbst immer ins Haus holen, was bei euch wahrscheinlich nicht so ist. Ganz toller Beitrag, liebe Gerda!
    Liebe Grüße von Hanne

    Gefällt 1 Person

  5. Verwandlerin schreibt:

    Ein echter Gerda-Beitrag: Kunst und Philosophie. Danke für die Gedankenanregung!

    Gefällt 1 Person

  6. TeggyTiggs schreibt:

    …haben wir eine Sache erst einmal ganz analysiert, erkannt und wissen genau, warum, weshalb dies und das sich so verhalten…bleibt da noch Raum für Bewunderung?
    …bleibt da noch ein Staunen? …und geht nicht mit dem völligen Erkennen das Interesse verloren?

    …besteht der Zauber nicht gerade im Unbekannten und sind wir nicht deshalb von der Natur so fasziniert, weil sie sich nicht unserer völligen Kontrolle unterwirft?

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Er kommt drauf an, liebe TeggyTiggs, wie mans sieht, finde ich. Es gibt, so meine ich, den Zustand gar nicht, den du beschreibst: . „eine Sache ganz analysiert, erkannt und wissen genau, warum, weshalb dies und das sich so verhalten“ – denn in Wirklichkeit wissen wir ja gar nichts. Wenn ich einen Schmetterling.anschaue, wie er, selbst leicht wie ein Blütenblatt, sich auf einer Blüte niederlässt und darüberhinaus vielleicht auch noch weiß, woraus sein Flügel besteht und wie sich das Licht darin bricht und dass er aus einer Puppe kam und zuvor eine Raupe war und Blätter fraß und vorher ….und wenn ich das alles mir vor Augen führe, komme ich ja aus dem Staunen nicht mehr heraus.

      Gefällt 1 Person

  7. Susanne Haun schreibt:

    Ich mag besonders das quadratische, abstrakte, liebe Gerda. Ich muss nicht wissen, was es darstellt. Es passt sich meiner jeweiligen Lebenssituation an, in der ich es betrachte.
    Einen schönen Dienstag von Susanne

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Susanne. Ich muss auch nicht wissen, was es darstellt. Ich habs hier allerdings als Analogie für die verschwommene, vielleicht absichtlich verwischte Situaton genommen, in der wir gegenwärtig leben – und da möchte ich doch gern wissen, worum es geht und wer was darstellt. 😉

      Gefällt 1 Person

      • Susanne Haun schreibt:

        Da hast du recht, Gerda. 🙂 🙂 Es ist so oder so alles undurchsichtig und es sieht ja so aus, als ob in Deutschland die Restaurants wieder schliessen müssen…….
        LG Susanne

        Gefällt 1 Person

  8. Gisela Benseler schreibt:

    Rätselhaft, Bilder und Worte. Wer aber mit der Natur lebt, findet dort die Antworten. Dazu brauchen wir keine Gurus. Wir müssen nur selbst schauen lernen. Immer wieder neu, als sähen wir es zum ersten Mal.

    Gefällt 2 Personen

  9. bluebrightly schreibt:

    The first photo had me wondering, but as soon as I saw the second, I knew – because I have photographed that plant, too. You make such a good point about the mind filling in what’s missing and the tendency to think we „know“ something once we have named it and matched it with something in our minds. It’s good to remind ourselves that there’s always more to see, more to wonder about.

    Gefällt 1 Person

  10. Bruni Wortbehagen schreibt:

    Ein toller Beitrag, liebe Gerda, der unsere Gedanken wachrüttelt. Wir versuchen uns an Lösungen und ich rätsele herum. Die ersten Bilder bringen nach und nach die Lösung, aber dann wissen wir nicht mehr, was wir tatsächlich sehen, aber ich finde im dritten Bild von unten eine wundervolle geheimnisvolle Szene, die ich mir gerne genau so betrachte, wie ich sie sehe.

    Gefällt 1 Person

  11. gkazakou schreibt:

    Ja, Bruni, Biler brauchen keine Auflösung, sie sind gerde in ihrem Geheimnis schön. Anders ist es bei der Politik.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.