„Mann am Tavernentisch“ – Nachtrag zu gestern

Mich beschäftigt noch immer die gestrige Zeichnung – und zwar wegen des Stilbruchs, den die nachträgliche Bearbeitung des Kopfes zur Folge hatte. Meine Absicht war, ein bisschen mehr Ähnlichkeit mit dem Modell herzustellen – und das ist mir auch halbwegs gelungen. Durch diese Intervention wurde der Zusammenhang der Zeichnung freilich gestört.

Hier zuächst mal die beiden Köpfe in hoher Auflösung, so dass du, falls du möchtest, anklicken und die Strichführung sehen kannst.

Bei dem ersten Kopf ist der Rhythmus der starken Bleistiftstriche derselbe wie bei der Zeichnung des Umfeldes.  Die schwächeren suchenden Striche treten dagegen zurück. Dadurch  entsteht ein einheitlicher fast geometrisch geordneter Bildeindruck.

Der zweite nachgearbeitete Kopf hat insgesamt eine weichere, unentschlossenere Linienführung. Es fehlt ihr die Überzeugung, dass der Strich gerade so und nicht anders gesetzt werden muss. Diese Weichheit und Unentschlossenheit steckt nun auch das Umfeld an, das ich gar nicht verändert habe.

Woran liegt das wohl? Ich versuche eine Deutung:

Der erste Kopf entstand vor dem natürlichen Modell, der zweite vor dem erinnerten. Beim ersten zeichne ich, was sich mir äußerlich zeigt,  beim zweiten taste ich mich am inneren Bild entlang. Erinnerung weicht das Bild auf, macht es unscharf, aber auch persönlicher.

Der Ausdruck des abgebildeten Menschen dominiert in der Regel das Gesamtbild, denn mit ihm können wir uns identifizieren. Wir nehmen sozusagen seine Haltung an und betrachten mit seinen Augen das Umfeld. Ist er „zerstreut“, wirkt auch das Umfeld zerstreut. Ist er „konzentriert“, dann auch das Umfeld.  (Manchmal entsteht de Bildaussage gerade aus dem Konflikt zwischen beiden, so hier zwischen der statisch gezeichneten Frau und der bewegten Dingwelt auf dem Tisch).

Beim ersten Bild ist das Architektonische des Umfeldes maßgebend für die Strichführung auch des Portraits, beim zweiten greift das Persönliche über in die Architektur des Umfeldes.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu „Mann am Tavernentisch“ – Nachtrag zu gestern

  1. kowkla123 schreibt:

    Schönes nachgereicht, alles Gute für dich, Klaus

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  2. wechselweib schreibt:

    Sehr interessante Überlegungen, liebe Gerda!

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  3. Werner Kastens schreibt:

    Für mein Betrachterauge hast Du da eine Transformation von Mann zu (gelockter und etwas abschätzig lächelnder) Frau vollzogen.
    Das Bildnis des Mannes gefällt mir besser. obwohl mich das kleid-ähnliche Gewand irgendwie irritiert.

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  4. Chrinolo schreibt:

    „Erinnerung weicht das Bild auf, macht es unscharf, aber auch persönlicher.“ – wie wundervoll du das erklärst und unseren Blick beim Betrachten schärfst. Das ist wirklich toll! 🙂

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  5. Ulli schreibt:

    -M- auf mich wirkt die erste Variante sehr viel leichter und weicher, hier geht das Porträt nahtlos zu dem Umfeld über, der Mann und die Dinge und mehr sind eins – bei der überarbeiteten Variante ist der Strich härter, genauer und damit grenzen sich der Mann und die Dinge voneinander ab – wenigstens sehe ich das so …
    liebe Grüsse
    Ulli

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  6. Ule Rolff schreibt:

    Diese Betrachtungen vertiefen noch einmal den Blick, Gerda. Deine Verknüpfung von Aktion und Refexion schätze ich immer sehr, ich lerne dadurch unendlich viel über das Betrachten von Kunstwerken.
    In der Darstellung auf meinem Smartphone ist in der zweiten Version die Umgebung durchaus erheblich verändert: sie hat einen leichte Schimmer von violett, der hervorragend mit dem veränderten Charakter der Person harmoniert. Damit geht die Stimmungsänderung in der Zeichnung für mich nicht allein von der Person aus.

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    • gerda kazakou schreibt:

      ein wichtiger Hinweis, Ule. Mir war natürlich bewusst, dass ich die Zeichnungen unter verschiedenen Lichtverhältnissen fotografiert habe, die erste drei Mal im Garten, die zweite einmal bei Lampenlicht, dadurch entstehen ziemlich unterschiedliche Amosphären. Beim Bearbeiten habe ich mal die eine, mal die andere Fotografie zugrundegelegt, darunter auch ein Licht-Schatten-Foto. Ich habe all das nicht erwähnt, weil der Eintrag sowieso schon so viel enthielt. Mir kam es dieses Mal drauf an, eine These zu formulieren: dass der Mensch auf dem Bild als Identifikationsfigur funktioniert und daher auch den Blick auf die Umwelt beeinflusst. Ob die These stimmt? Es wäre noch mehr damit zu experimentieren oder anhand von Werken anderer Maler zu diskutieren. Ist aber nicht so leicht, weil der Blick der Maler (und auch der Fotografen) normalerweise alles in ein Licht taucht (Einheit des Bildes).

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      • Ule Rolff schreibt:

        Der Mensch in einer Abbildung definiert den Interpretationsrahmen, das stimmt, glaube ich mit dir, in der überwiegenden Zahl der Fälle (mir fällt auch kein Gegenbeispiel ein).
        Bei der digitalen Vermittlung von Bildern gibt es leider ein erhebliches Problem, das mir erst in den letzten Monaten zunehmend bewusst wird: was du sendest und deine Empfänger sehen hängt massiv von der Qualität und der Einstellung des Monitors ab mit dem es betrachtet wird. Versuch mal den Handymonitor bei einem Bild abwechselnd deutlich heller und dunkler zu regeln: Farben und Details erscheinen und verschwinden ganz nach Licht. Und du weißt nie, wie deine Betrachter gerade schauen.
        Randbemerkung: Die Einheit des Lichts im Bild ist mit digitalen Bildbearbeitungswerkzeugen nicht mehr gewährleistet: du kannst durch Masken z.B. verschiedenen Bildbereichen verschiedene Lichttemperatur zuweisen – ein neues Experimentierfeld?

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    • gerda kazakou schreibt:

      Tja, so ist das mit den Farben, dem Licht. Ich hab ja auch schon viel damit rumprobiert, habe meine Zeichnungen unter verschiedenen Umständen abgelichtet und bin zu dem an sich ja eigentlich selbstverständlichen Ergebnis gekommen, dass ein Bild abhängig vom Licht, in dem es gesehen wird, so oder anders aussieht. Das gilt für Originale wie für deren Fotos. Ene Blume sieht ja auch nicht gleich am Morgen und am Abend, im Schatten oder in der Sonne aus. Wieso meinen wir, unsere Produkte seinen unabhängig davon?
      Wegen der Masken – mal sehen…. Danke für den Hinweis. So, nun gibts Essen: Spaghetti….

      Gefällt 1 Person

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