abc-etüde (philosophische Kata-Strophen)

Christianes Schreibeinladung zu Wörtern von Veronika haben mich zu ein paar philosophischen Kata-Strophen angeregt.

 

Tractatus morales

Heinz befühlt die Zwiebel und beschaut
Den Keim an der Spitze, die glatte Haut.
Das wird eine Tulpe, gewiss, doch welcher Art?
Wird sie rot sein und gelb, gefiedert und zart?
Er möchte es wissen, er holt sich ein Messer
Zerhackt die Tulpenzwiebel, dann sieht er es besser.
Zerhackt auch den Keim, doch das, was er sieht
Ist so anders als wenn eine Tulpe erblüht.

Das Ei, das er findet im Nest an der Küste
War das von der Möwe? wie gern er es wüsste!
Würde sie fliegen? Würde sie Nester bauen?
Er zerbricht das Ei, begierig, um nachzuschauen.
Doch was er da findet, ist keine Möwe im Sturm
Ist ein nacktes Wesen, ein armseliger Wurm.

Kurzweilig findet er solche Rätselfragen
An denen er rätselt an trüben Tagen.
Gelöst hat er freilich keine bis jetzt.
Hat nur so manches Leben verletzt.
Hinter all seinem Suchen versteckt sich, ganz klar
Die letzte Frage, die niemand zu lösen imstande war,
und die ihn umtreibt: Was ist nach dem Sterben?
Bist du dann tot auf Gedeih und Verderben?
Oder wirst du vielleicht noch einmal wiederkommen
Nachdem du eine neue Gestalt angenommen?

Was, wenn du auferstehst?
Was wenn du wieder gehst
Auf den alten Straßen
Den bekannten Gassen
Und niemand dich kennt
Und alles dich trennt
Denn körperlos
Ein Schatten bloß …
Was willst du denn hier
Was nutzt es denn dir?

Du bist zwar auferstanden
Doch hast du das Leben verstanden?

Und die Moral von der Geschicht?

Willst du die Wahrheit des Lebens erfassen

Musst du das Messer zu Hause lassen.

Legebild zu „Tractatus morales“ (c) gerda kazakou, 12-4-19

als Zugabe drei Bearbeitungen:

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu abc-etüde (philosophische Kata-Strophen)

  1. finbarsgift schreibt:

    Beeindruckend und bedenkenswert, liebe Künstlerin, dein tractatus morales, garniert mit feinen Schnipselbildern …
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 4 Personen

  2. Ulli schreibt:

    So wahr, wie schön, liebe Gerda, mit Gewalt und Messern kommen wir der Wahrheit nicht näher, ein bisschen still sitzen und der Tulpe beim Wachsen zuschauen bringt uns dem Ganzen schon ein kleines Stückchen näher. Doch, oh Weh, wer nimmt sich schon die Zeit in diesen modernen Tagen? 😉
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  3. Das ist genau der Grund, warum ich manche Gedichte oder Romane nicht gerne mit Schülern lese. Sie müssen „ganz“ bleiben, um zu wirken. Und deine Legebilder sind wunderbar!

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  4. Christiane schreibt:

    Das Problem ist, dass man erst lernen muss, was zum Zweck der Erkenntnis seziert werden darf und was nicht. Wehe den Kaputtmachern, die behaupten, alles nur um besagter Erkenntnis willen zu tun. Und Geduld, ach, Geduld kommt häufig schon gar nicht mehr vor.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  5. Myriade schreibt:

    Erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ ist ebenso verlockend wie wahrscheinlich vergebens. Mit der Aufschneidevariante kann man manches erkennen, aber ob es die Zerstörung wert ist ….

    Gefällt 1 Person

  6. kowkla123 schreibt:

    Liebe Gerda, echt beeindruckend,
    an diesem Wochenende bleibe ich zu Hause und mache es mir gemütlich

    Gefällt 1 Person

  7. wholelottarosie schreibt:

    Ja, liebe Gerda, manche Rätsel kann man nicht lösen.
    Vielleicht momentan nur nicht, vielleicht dann doch irgendwann, vielleicht aber auch niemals.
    LG von Rosie

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  8. Werner Kastens schreibt:

    Aufschneiden und reparieren bzw.verändern: kennen wir doch schon aus der Gentechnik. Aber ob es wirklich zum Segen der Menschheit wird, das wissen wir noch lange nicht.

    Gefällt 1 Person

  9. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Eine mehr als nachdenkenswerte Etüde, liebe Gerda.
    Und wie sehr stimme ich Dir zu

    *Willst du die Wahrheit des Lebens erfassen
    Musst du das Messer zu Hause lassen.*

    Mit Geduld geht es weit besser, da können wir zusehen, wie das Leben wächst.

    Gefällt 1 Person

  10. vro jongliert schreibt:

    Und die ganze Zeit denke ich mir: „Jetzt warte doch mal ab und schau, was kommt!“
    Mehr Geduld und Vertrauen wohl auch. Selbst wenn wir alles bis ins Kleinste zerlegen – kennen wir es dann wirklich?
    Schön hast du meine Worte verpackt.
    Veronika

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  11. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.19 | Wortspende von Agnes Podczeck | Irgendwas ist immer

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