Perseidenstrom, Sternenkarten, Gottfried Benn und der Logos

Heute ist Neumond, tiefste Nacht. Aber es werden Sterne fallen und ihre leuchtende Spur einen Atemzug lang in den nächtlichen Himmel schreiben. Natürlich sind es für Astronomen keine „Sterne“, es ist nur Sternenstaub oder Himmelsschrott, aber für unser Auge und für unser Herz sind es falling stars, und wir heften unsere heißen geheimen Wünsche an ihre leuchtende Spur.

Die „Sternenkarten“ machte ich vor Jahren. Es sind kleine Bilder (Anklicken: ca Originalgröße), die ich dieser Tage wieder zu Tage förderte.

Gottfried Benn, natürlich, wird mit dabei sein, heute Nacht.

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Aber nicht nur Gottfried Benn, sondern auch das Johannes-Evangelium wird dabei sein, denn ich werde wieder einmal nachsinnen über „das Wort“ (LOGOS), das am Anfang war, und darüber, was der LOGOS denn nun sei. Diese große uranfängliche Kraft, aus der alles hervorging und hervorgeht.

Εν αρχη ην ο λογος και ο λογος ην προς τον θεον και θεος ην ο λογος / ουτος ην εν αρχη προς τον θεον / παντα δι αυτου εγενετο και χωρις αυτου εγενετο ουδε εν ο γεγονεν /

Meine heutige Übersetzung „Zu Beginn war der LOGOS und der LOGOS war auf Gott hin ausgerichtet, und göttlich (Gott) war der LOGOS / – /  Alles entstand durch ΙΗΝ (LOGOS), und ohne IHN wurde nichts von dem, was wurde./ “

Was ich sonst noch zu LOGOS zu sagen habe, findet sich unter https://gerdakazakou.com/2016/12/30/griechisches-alphabet-des-freien-denkens und in meinen Einträgen zu Heraklit.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, Dichtung, die schöne Welt des Scheins, events, Leben, Meine Kunst, Mythologie, Natur, Psyche, Schrift, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

29 Antworten zu Perseidenstrom, Sternenkarten, Gottfried Benn und der Logos

  1. elsbeth weymann schreibt:

    Liebe Gerda,
    wunderbare Anregung ! Danke!! —-auch Deine diesbezüglichen Ausführungen auf dem älteren post.
    Wie sehr kann man den guten alten goetheschen Faust verstehen, dem eine Übersetzung von „Logos“ mit „Wort“ zu unzureichend, zu dünn war, so dass er es dann mit „Sinn…Kraft…Tat“ probierte.
    Die Dostojewski- Übersetzerin Swetlana Geier meinte einmal lakonisch „Übersetzen—ist unmöglich. –Aber sehr nützlich !“

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Wie recht die Übersetzerin hat! Zum Glück verstehst du den griechischen Text und sagst mir jetzt bitte, wie du «προς το θεό» übersetzt. (Logos übersetze ich lieber gar nicht). Liebe Grüße und klare Himmelssicht!

      Gefällt 1 Person

      • elsbeth weymann schreibt:

        Genau! Es hat mich sehr gefreut, dass Du bei προς τον θeον ( altgriechische Version) beachtest , dass hier eine BEWEGUNG, eine Richtung auf etwas hin ausgedrückt ist.Der Logos ist pure, immerwährende Dynamik. Im Wort und in allem Schöpferischen.Ich halte Logos auch für unübersetzbar, aber durchaus zu ahnen…

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Elsbeth! Ja, ich finde auch, im unübersetzten „Logos“ schwingt viel mehr mit als in „Wort“. Für mich vor allem auch „Verhältnis zwischen zwei Größen“ – in der Mathematik ist Logos das Verhältnis einer kleineren zu einer größeren Zahl, ein Bruch also. Logos würde dann in etwa das Verhältnis des Erschaffenen zum Erschaffer, des Geschöpfes zu Gott bezeichnen, darzustellen als Bruch, bei dem GOTT den Nenner bildet. Aber auch die Beziehungen ziwschen allem Erschaffenen – Ordnungen, Hierarchien, Verwandtschaften etc pp.
      Auch mit dem Wort ΑΡΧΗ (Arche) verbinde ich viel mehr als mit dem Wort Anfang, Beginn. Denn es bdeutet auch „Herrschaft“, also könnte man übersetzen: Als der Logos herrschte. Es ist zudem mit dem Wort Arche gleichlautend, mit dem nach biblischer Tradition die Menschheitsentwicklung erneut einsetze. Ich habe darüber schon oft nachgesonnen und auch das eine und andere dazu notiert.. Ein unerschöpfliches Thema.

      Gefällt 1 Person

  2. juergenkuester schreibt:

    Liebe Gerda!
    Das inspiriert mich, das regt an, wunderbar.
    Liebe Grüße, schönes Wochende
    Juergen

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  3. Graugans schreibt:

    Herzlichen Dank, liebe Gerda für Deinen Hinweis zur tiefsten Nacht … und ich liebe Deine Sternenbilder, bin ganz verzaubert und an Deinen Lippen häng ich sowieso, was Du da so über den Logos sagst, ach, das ist so ein wichtiges Lebensthema von mir, mit allen Fäden, die daranhängen und jeder zu einem eigenen Universum führt … würde gerne mit Dir heut Abend in einer kleinen einfachen Taverne sitzen und über diese unerschöpflichen Themen sprechen … solang, bis sie rings um uns die Stühle raufstellen und wir, abgefüllt mit Wein und Worten, in die morgendämmrige Gasse hinausschwanken … Sei gegrüßt, werde sicher heute Abend zum Sternen himmel hinaufschauen und an Dich denken!

    Gefällt 3 Personen

  4. Ulli schreibt:

    Ja, du hast einen wunderbar anregenden Artikel geschrieben, danke dafür und ganz besonders auch für deine Sternenbilder! So, wie du und Elsbeth die obige Debatte geführt haben bekommt für mich endlich der Satz: am Anfang war der Logos (statt Wort) einen Sinn. Ich erinnere mich an deinen älteren Artikel hierzu, werde ihn aber gleich noch einmal lesen, vielleicht habe ich ihn damals gar nicht richtig verstanden? Auf alle Fälle danke für die Weitung,
    herzlichst, Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Ulli, ich hoffte, dass es im Dialogischen besser klappt mit dem Verstehen, und freu mich jetzt sehr! Das Thema ist natürlich nicht erschöpft, es ist zu gewaltig, und auch ich verstehe nur sehr wenig von der dahinter liegenden Geisteswelt , nur ein winziges Zipfelchen, an das ich mich klammere wie das Kleinkind an Mutters Rockschöße.

      Gefällt 4 Personen

      • Ulli schreibt:

        Ich habe gerade begonnen ein Buch von einem Afrikaner zu lesen, er schreibt folgendes: „In der Kultur meines Volkes (er ist ein Dagara, geboren in Burkina Faso), besitzen wir kein Wort für das Übernatürliche. Am nächsten kommt diesem Begrieff noch unser Wort >Yielbonguradas Ding, das vom Wissen nicht gegessen werden kann<. Das Wort besagt, dass Leben und Kraft bestimmter Dinge auf ihrem Widerstand gegen das kategorisierende Wissen beruhen, das die Menschen allem überstülpen…"
        Bestimmt werde ich noch mehr von ihm zitieren, worum es aber jetzt geht ist, dass wir manches nicht treffend in Worte fassen können was aber dennoch existiert, so wie der Logos…

        Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Wundervoll, Yielbongura muss ich mir merken. Ich denke, Seele, Leben, Tod, Gott, Ich, Bewustsein und noch vieles vieles mehr, die Essenz der Dinge also, entzieht sich unserem gewöhnlichen Denken, widersteht der Kategorisierung und Analyse. Doch um das zu begreifen, muss ich mich mit eben diesem Denken (ein anderes habe ich nicht) bis an die Grenze des mit Verstandesmitteln Wissbaren begeben – an der mir das unzerstörbare, unaufessbare Yielbongura hoffentlich entgegenleuchtet.

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      • Ulli schreibt:

        Da stimme ich dir zu, dass wir all das bis an ihre Grenzen denken sollten, aber es gibt ja noch das Feld der Erfahrungen, diese zu machen zeigen uns doch all das, was sich den Worten entzieht. Zusammen ergeben sie eine Geschichte/ein Gedicht/ein Bild/ein Musikstück vor dem wir staunend, wissend (halbwissend) „stehen“, wir spüren Wahrheit und sind berührt-

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  5. kopfundgestalt schreibt:

    Eine uranfängliche Kraft. Wer hat sie erschaffen? Immer stösst man an dieses Mysterium.
    Ich kann (und möchte) dazu wenig sagen. Myriaden an Geister haben sich damit ja schon beschäftigt…
    Kann man Gedanken wiegen eigentlich? Wenn ja, was würden all die Gedanken wiegen, die sich an diesem und über dieses Mysterium ausliesen? Allerdings auch: Es gilt, das Denken zu wagen.

    Gefällt 3 Personen

  6. Das ist eine sehr schöne, gelungene Würdigung der Perseiden auf mehreren Ebenen, der künstlerischen, der poetischen, der affektiven und der faktischen (Beobachtung der Sternschnuppen). Deine Bilder sind sehr eindrucksvoll!.

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  7. kowkla123 schreibt:

    Liebe Gerda, schöner Beitrag wieder von dir, genieße den Sonntag und freue dich auf die kommende Woche.

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  8. PPawlo schreibt:

    Das ist ein faszinierender Beitrag! Und auch die Bilder sind voll starker Kraft und Dynamik!
    Nun habe ich schon länger einen Beitrag in der Warteschlange, der auch den Sternenhimmel im Visier hat. Er geht zwar nicht so tief (der reale Hintergrund tut’s allerdings) und die Bilder fallen vollkommen anders aus, aber das Thema ist nun mal durch dich da und ich bin gleich auch dabei. Ich verlinke dann gleich deinen Beitrag damit. Okay?

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  9. Pingback: Ein Blick nach oben/ A look above* | da sein im Netz

  10. www.wortbehagen.de schreibt:

    Wie schön, Dein Eintrag über die Perseiden, liebe Gerda
    In einer größeren Gruppe sassen wir gestern abend zusammen im Garten und schauten nach den Perseiden aus. Der Sternenhimmel war wundervoll, doch Sternenschnuppen hat leider keiner von uns entdecken können

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Mir ging es ähnlich, Bruni. Ich stieg auf unsere Dachterrasse und hielt geduldig bis weit nach Mitternacht Ausschau, aber es zeigten sich nur drei schwächliche Blitze, die vielleicht gar keine Sternschnuppen waren. Andererseits: der Höhepunkt ist erst heute Nacht, und zwar zwischen 2 und 3 Uhr in der früh. Und da wir Sommerzeit haben, wäre das gegen drei bis vier Uhr … Wenn ich wach werde, schau ich wieder.

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      • www.wortbehagen.de schreibt:

        Ich stand ein Weilchen draußen, war aber zu müde, um dann noch länger zu warten.
        Ich ließ Perseiden Perseiden sein und ging mit meinem Buch zu Bett…

        Gefällt 1 Person

  11. Pingback: Rote Amaryllis mit Spiegelung und Schatten (Parallelaktion 1*) | GERDA KAZAKOU

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