Sein und Schein in der Malerei

Jedes abstrakte Bild hat in sich die Potenz, Konkretes zu gebären. Drum sehen auch die meisten in abstrakten Figurationen  irgendeine Person, einen Gegenstand, eine Situation… Viele können sich erst dann mit dem abstrakten Bild anfreunden, wenn sie etwas gefunden haben, das sie „kennen“.

Jetzt zeig ich euch erst mal mein letztes (abstraktes) Oeuvre, das ich „Chiffre“ nenne.

Es handelt sich um eine Zeichnung mit Kohle auf Papier, auf die ich zwei Packpapierestücke geklebt  und das Ganze mit einer zweifarbigen Pinsel-Zeichnung übergangen habe. Das ist die „Wahrheit“, ist das „Sein“ des Bildes: Papier, farbige Striche und Flecken…

Was danach kommt, ist die Illusion – die Welt des schönen Scheins. Dafür habe ich ein wenig nachgeholfen, und zwar so:

Das dunkle Gekrakel habe ich ein wenig nach oben hin ergänzt, habe den „Ölfarben-Filter“ von Fotoshop eingesetzt,   habe einen Bildausschnitt gewählt, den „Hintergrund“ der „Figur“ vereinheitlicht und ein wenig gedreht, damit sie aufrechter sitzt. Was entstanden ist, ist eine Szene mit einem konkreten Inhalt. Der Beschauer kann, wenn er will, sich in die Figur hineinversetzen. Vielleicht bist du es jetzt, die (der) dort in einem Rollstuhl oder Sessel sitzt. Du wendest den Kopf in die Tiefe des Bildes und träumst dich inmitten bläulicher Pflanzen hinaus in den verbleichenden Abend.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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26 Antworten zu Sein und Schein in der Malerei

  1. Myriade schreibt:

    Und viele, viele andere Möglichkeiten gibts natürlich auch ….

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  2. Ulli schreibt:

    Manchmal mag ich die offenen Räume, manchmal mag ich die konkreten Bilder, die immer och genau Spielraum für (meine) Resonanz geben- liebe Gerda, das hast du wunderbar dargestellt, Chapeau und herzliche Grüße am samstäglichen Feierabend
    Ulli

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  3. kunstschaffende schreibt:

    Dein bearbeitetes Bild ist wunderschön! Ja es könnte eine Frau im Rollstuhl sein und im Hintergrund sehe ich ein Gesicht, dass ein Auge auf die Frau im Rollstuhl hat.
    Es hat eine mystische Stimmung, die viele Fantasien zulässt!
    Es gefällt mir sehr gut!

    ❤liche Grüße Babsi

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  4. kunstschaffende schreibt:

    Ohweia, wünsche Dir gute Besserung!

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  5. finbarsgift schreibt:

    Welch bezaubernde Konkretisierung!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

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  6. chris schreibt:

    Das geht mir beim betrachten von Wolken oft so.
    Das Auge (Gehirn) findet immer irgendetwas
    Gegenständliches. 😉 Das Ergebnis deiner
    kleinen Krakelei ist am Ende übrigens
    ganz nett geworden, vor allem weil
    genug Blau dabei ist… 😀

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  7. kopfundgestalt schreibt:

    Wieder sehr kraftvoll und spannungsreich!
    Für mich wichtig ist die Textur eines abstrakten Bilds, es muss mir formal gefallen.Linien und Strukturen sollten (bei meinen Dingen) in Spannung stehen.
    Konkrete Gestalten können auftauchen, werden aber normalerweise nicht gesucht.

    Ich hatte unlängst drei Vögel aus Keramik vorgestellt. Diese waren ursprünglich reine Formen. Meine Partnerin meinte, ich solle ihnen geben, in Form einer Art Kopf. Das war sicher ein Plus, ansonsten wäre es für manchen eine „leere“ Übung geworden. So nach dem Motto: Schön, aber was soll das darstellen?

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  8. ralphbutler schreibt:

    Hat dies auf Blütensthaub rebloggt.

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  9. kowkla123 schreibt:

    mache dir einen schönen Tag

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  10. mmandarin schreibt:

    Eigentlich mag ich mich gar nicht entscheiden, etwas erkennen zu wollen. Wenn jemand neben mir ausruft, schau mal, das Schaf, der Elefant …der Mensch dort, bitte ich darum zu schweigen und mir meine eigenen Räume zu lassen, denn schon bin auch ich geneigt, die gleichen Dinge zu sehen. Ich lasse gerne einfach nur das Gesamte auf mich wirken. Deine Bilder bieten, je nach persönlicher Verfassung so viele Möglichkeiten. Und das ist es gerade, was ich so schätze. Liebe Grüße Marie

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    • gkazakou schreibt:

      ja, das verstehe ich sehr gut. Kunst sollte, meine ich die im täglichen zweckgebundenen Leben angeeigneten Sehgewohnheiten aufbrechen. In einem weißlichen Etwas ein Schaf zu sehen und somit die Form zu schließen, verengt die Wahrnehmung. Und die Benennung (Schaf) öffnet den ganzen Sack an Assoziationen, die jemand beim Wort Schaf hat – und führt damit weit weg vom reinen Sehen.
      Aber wie so oft schon betont: die Sache ist zweischneidig. Viele sehen gar nicht hin, wenn sie nichts „erkennen“ können. Drum ist der Künstler versucht, einen Hinweis zu geben, was sich dort auf dem Bild womöglich finden ließe. Einige moderne Maler setzen einen Ortsnamen (Montauk), ein Datum (Februar), eine sinnfreie Formel (124M) als Titel ein, andere wiederum erfinden abstruse Titel, die mit dem Bildinhalt einen schwer erkennbaren Zusammenhang haben (zB Picassos diverse Nackte), und schließlich gibt es die Minimalisten, die o.T. für ausreichend halten.

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