Tomaten in Kunst, Politik und Leben, mit ein wenig Mythologie.

Kunst: „Heute gilt es als Kunst, wenn jemand drei Tomaten an die Wand schmeißt und sagt: das ist Kunst“ – sagt P und schimpft auf die Documenta, die er vor 10 Jahren in Kassel gesehen hat. Danach hatte er genug von der modernen Kunst. Meine Gegenreden fruchten wenig.

Politik. „Das waren noch friedfertige Zeiten, als höchstens mal eine Tomate auf einen Politiker flog!“ – seufzt K und schimpft auf die Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstrierenden, bei denen sein Auto durch einen Molotow-Coctail getroffen und abgefackelt  wurde. Ich verstehe seinen Zorn, das Auto war gegen solche Schäden nicht versichert (gegen „höhere Mächte“ lässt sich nichts versichern).

Leben: Mir gegenüber sitzt A, eine Nachbarin. In ihrem Schoß hält sie vier Tomaten, die sie für sich zurückbehalten hat. Die anderen sind in der Tüte, sie hat sie uns vorbeigebracht und geschenkt. Sie hat sie bei einem alten Mann gekauft, der einen kleinen Bakze (Bauerngarten) bepflanzt und den sie durch gelegentliche Käufe „unterstützt“. Es sind schöne sonnenreife Früchte, rot glänzen sie aus dem Schwarz ihres Kleides hervor. Ich frage sie, ob ich sie fotografieren darf. Ja. Aber nicht ihr Gesicht. Es ist ein ehemals schönes Gesicht, jetzt von allzu vielen schwarzen Gedanken zerfurcht und zermartert. Sehr zornig ist sie und sie schimpft viel auf die Menschen und ihre Verhältnisse. Aber niemals würde sie eine Tomate nehmen, um sie an einer Wand oder einem Politiker zu zerschmettern. Nein. Denn was können die Tomaten für den Unsinn der Menschen?

Darin stimme ich ihr zu: auf den westlichen Inseln der Seligen wuchsen am Baum des Ewigen Lebens die Goldenen Äpfel, bewacht von den Hesperiden und einer großen Schlange – Herakles hat ein paar davon einst unter gewaltigen Schwierigkeiten geraubt. Pommodores nannten die Eroberer Amerikas die Goldfrüchte, die wir heute als Tomaten eher gering schätzen, weil sie uns so leicht – billig, glatt und rot – in den Schoß fallen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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24 Antworten zu Tomaten in Kunst, Politik und Leben, mit ein wenig Mythologie.

  1. kunstschaffende schreibt:

    Recht hat sie! Was meinst Du liebe Gerda, wie weit darf Kunst gehen, ist es relativ? Wenn ich jetzt herginge und einen Scheissh…………. vor dem Bundestag absetzen würde und behaupten würde, dass ist Kunst, wer entscheidet dann, dass es Kunst ist, ich?

    Ich finde, diese Frage könnte man Mal diskutieren!😉

    LG Babsi

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Babsi, das diskutiert man doch schon überall die ganze Zeit, und besonders verliebt in diese Diskussion sind Kunstbanausen – und gelegentlich auch Vertreter des Kunstmarkts Ich hab eigentlich keine Lust, meinen Senf dazuzugeben. Aberwenn du möchtest? Schreib doch was dazu. LG Gerda

      Gefällt 2 Personen

  2. wildgans schreibt:

    Tomaten werfen oder Runzeln kriegen, das ist hier nicht die Alternative. So.

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  3. Hedwig Mundorf schreibt:

    Ja, es ist wohl so, „Kunst liegt im Auge des Betrachters“, und Tomaten werfen auf Politiker gehört sich zwar auch nicht, aber war zumindestens nicht so zerstörerisch, angsteinflößend und aggressiv. Da gefällt mir die Geschichte von A. hingegen ausnehmend gut. Liebe Grüße in den sonnigen Süden

    Liken

  4. mmandarin schreibt:

    Sehr beeindruckend, die roten Früchte im Schoß der Frau ohne Gesicht. Ich sehe förmlich ein Ölgemälde vor mir mit diesem Motiv. Sehr archaisch. Marie

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    • gkazakou schreibt:

      Ein feiner Kommentar, liee Marie! Ja, archaisch, und ein Ölgemälde, das dachte ich auch. Und hatte Lust, es tatsächlich einmal zu malen, ganz altmeisterlich. aber vielleicht doch mit Kopf und Händen, in denen sich so viel ausdrückt.

      Gefällt 2 Personen

  5. mmandarin schreibt:

    Schade, dass die Frau das Gesicht nicht zeigt…aber ich kenne diese Scheu….

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  6. Meermond schreibt:

    Kunst ist für jeden etwas anderes. Und ebenso die Tomate.
    Für mich ist beides jedenfalls ein Genuss!

    Gefällt 1 Person

  7. Ulli schreibt:

    Das ist ein wunderbares Foto und auch ich würde bei allem Zorn nie eine Tomate an die Wand werfen, dann nehme ich lieber einen Teller… und das auch nur in meinen vier Wänden, wer kann etwas für meinen Zorn? Ich bin am Ende immer selbst verantwortlich für meine Gefühle und Reaktionen, aber wem erzähle ichdas?!
    herzlichst
    Ulli

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  8. Ach, die von Dir genannten Tomaten. ….Ein Symbol für vieles, das an sich eigentlich gut ist, aber sich in der Hand eines Mutwilligen oder Unguten verändert.

    Gefällt 2 Personen

  9. www.wortbehagen.de schreibt:

    Meinem ganzen Empfinden widerstrebt es, Tomaten oder auch Eier zu werfen, egal auf wen.
    Ich schlucke auch schwer, wenn ich erhobene Fäuste über der Menge sehe.
    Gewalt, die sich verschieden ausdrückt. Nein, das alles bin nicht ich!

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  10. gkazakou schreibt:

    Manchmal denke ich, Shakespeare hat das für dich geschrieben: „der Stoff aus dem die Träume sind.“

    Gefällt 1 Person

    • www.wortbehagen.de schreibt:

      🙂 , ein Träumerin, die fest auf der Erde und in der Realität steht, liebe Gerda
      Da wäre ich sehr stolz, hätte er etwas für mich geschrieben
      Schmunzelgrüße von mir

      Gefällt 1 Person

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