Die Zeichnung: Träger für Projektion und Suggestion im Gruppenprozess

Es kommt oft vor, dass die Gegenstände, die sich in meinem Atelier herumtreiben, bei meiner therapeutischen Arbeit eine Rolle spielen. Dann wirken die beiden Funktionen, die der Raum erfüllt (Ulli nannte es „Spagat“), auf erfreuliche Weise zusammen. Ich möchte das heute mal dokumentieren.

Folgendes geschah gestern:

img_9900 Ich hatte eine kleine Gruppe zu Besuch, um „Satz-Aufstellungen“ zu machen. Ich werde jetzt nicht erklären, was das ist, aber den Satz nennen, um den es ging: „Ich schiebe es ständig auf, meine Sachen und Themen in Ordnung zu bringen„. Eine Teilnehmerin, die das Wort Themen „darstellte“, schritt auf die halb verdeckte Zeichung auf meiner Staffelei (oben) zu. Sie zog sie hervor, betrachtete sie, stellte sie auf den Kopf, drehte sie um und zeigte sie uns: „Ein Kabelsalat in meinem Kopf, ich möchte die Kabel gerade ziehen und nebeneinander anordnen“.
Schau mal, was du auf der Zeichnung siehst, und lies erst dann weiter.

img_9974Hier als Kabelsalat:

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Und welche Themen assoziierte die Klientin? Die schwarzen Linien – selbstironisch lachend – als ihr finanzielles Chaos, die grauen Linien im Hintergrund – grimmassierend – als das schon etwas verblichene Beziehungsmuster der Herkunftsfamilie, und die roten Linien – zögernd, dann aber insistierend, als Sexualität und Kinderwunsch. Immer deutlicher, immer konkreter wurden die Projektionen, die sich allmählich über die tatsächliche Linienführung zu legen schienen – und es war, als verändere sich das Bild und wir sähen schließlich alle dasselbe … Die Projektionen füllten die Lücken, schufen Gegenstände, agierten.

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Wir wissen alle, dass jemand, der ein Geklekse betrachtet, durch Projektion Bilder schafft.  Der eine sieht einen Hahnenkampf, der zweite einen Sonnenuntergang an der Adria. Der Rohrschach-Test beruht zB darauf. Jeder schafft das Seine. Doch hättet ihr für möglich gehalten, dass in einer Gruppe, über einen halb bewussten Prozess des Austausches, die Projektionen des Einen gültig werden können auch die alle Anderen? Dann wird die Projektion zur Suggestion. Ein auch im politischen Kontext interessantes, manchmal gefährliches Phänomen.

Das innere Ordnungsbild der Klientin setzte sich schließlich auch in der Anordnung der Stühle durch, die zuvor wild durcheinander gestanden hatten. Auf dem Drehstuhl würde sie selbst als Matrone sitzen, auf dem Hocker der Partner, auf den anderen Stühlen ihre Lieben – die (noch ungeborenen, aber erwünschten) Kinder und Kindeskinder. Nicht sie selbst, sondern eine andere Teilnehmerin schaffte diese Ordnung, einem inneren Bild folgend, das nicht ihr eigenes war.

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„Der Krieg ist endlich vorbei“, sagte die Klientin aufatmend, als sie auf dem Drehstuhl Platz nahm. Endlich waren die Dinge so, wie sie sie sich erträumte.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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28 Antworten zu Die Zeichnung: Träger für Projektion und Suggestion im Gruppenprozess

  1. kormoranflug schreibt:

    Beim Therapiemalen kommen schöne Werke heraus. Das könnte ich meinen Kunden empfehlen. Als Kormoran lebe ich davon den Müll und die Verwickelungen der Kunden zu entwirren, in übersichtliche Bahnen zu lenken mit Behörden die Schritte abzugleichen und die Schritte dem Kunden näher zu bringen. Kaum fliege ich eine Runde bringen Sie kurz mal alles wieder in eine andere Richtung durcheinander- aber gegenüber mir geben sie sich als die schlauen Bosse.

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  2. Tanja im Norden schreibt:

    Wirklich nachvollziehen kann man den Prozess, den Du da beschreibst vermutlich nur, wenn man so etwas einmal selbst erlebt hat. Richtig vorstellen kann ich es mir trotz Deiner plastischen und lebendigen Schilderung glaube ich nicht. Ich kann mir schon grundsätzlich vorstellen, dass so etwas stattfinden kann, aber wie sich das anfühlt bleibt mir leider verschlossen.

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    • gkazakou schreibt:

      es freut mich, dass du meine Darstellung plastisch nennst, liebe Tanja. Im übrigen hast du recht. Es ist sehr schwer, sich von Nicht-Erlebtem eine Vorstellung zu bilden. Ich habs halt mit Bildern näherzubringen versucht. Aber das trifft es nicht wirklich.

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  3. Susanne Haun schreibt:

    Sehr interessant, Gerda, meine Freundin macht ebenfalls Aufstellungen und benutzt Karteikarten und natürlich auch die Stühle. Ich finde die Ergebnisse, die wir erarbeiten immer wieder interessant, 🙂

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    • gkazakou schreibt:

      Karteikarten? Wozu denn das? Na ja, jeder macht es auf seine Art. Und das ist auch gut so. Es ist eine Methode, die sich in ständiger Entwicklung befindet und tausend Rätsel aufgibt. Ich habe nach 20 Jahren Aufstellungspraxis immer noch nicht begriffen, was da eigentlich passiert. Ich mach das ja fast täglich und bin immer wieder fassungslos, wie die Seelenzustände eines anderen Menschen mir vollkommen deutlich vor Augen treten, sobald ich in sein „Feld“ trete. LG Gerda

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      • Susanne Haun schreibt:

        Sie schreibt Eigenarten und Definitionen für die virtuellen Personen auf den Stühlen darauf, die wir ausgearbeitet haben.
        Ich denke, Gerda, dass du für diese Arbeit auch sehr viel Einfühlungsvermögen in die Person brauchst aber dennoch Distanz hst, die du zum Sehen der Seelenzustände brauchst.
        LG Susanne

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    • gkazakou schreibt:

      Danke! Ich arbeite ganz anders.Was deine Freundin macht, ist wohl systemische Therapie, die mehr über das kognitive Verstehen geht, während man sich beim Aufstellen einfach ins „Feld“ der anderen Person oder eines Begriffs stellt und über seinen eigenen Organismus (Bewegung, Gefühle) intuitiv „abliest“, was es damit auf sich hat. Ich spreche hinterher drüber, andere tun das nicht. LG

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  4. Christiane schreibt:

    Ich habe auch eine Aufsteller-Freundin und bin gelegentlich Gast bei ihren Aufstellungen. Mir war sofort klar, was du beschreibst; ich finde es sehr gelungen 😉

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    • gkazakou schreibt:

      Was findest du gelungen, liebe Christiane? Meinen Versuch, etwas schwer Beschreibliches durch Bilder zu transportieren? .

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      • Christiane schreibt:

        Ja, und deine Beschreibung dazu. Besagte Freundin bereitet gerade einen Vortrag zum Thema Aufstellungen vor, eine Einführung, und ich bin die, die ihr sagt, das ist alles viel zu abstrakt, wer es nicht kennt, kann es sich SO gewiss nicht vorstellen.
        Dagegen empfinde ich deine Art, den Prozess hier zu präsentieren, als wirklich gelungen und (fast schon leicht) nachvollziehbar.
        Liebe Grüße
        Christiane

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  5. lieberlebenblog schreibt:

    Ich find es total spannend! Gerne mehr davon!
    Herzliche Grüße!

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  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    ich bin perplex, bemerke ich doch, wie empfänglich ich hier bin und sehe auch, wie das Bild sich verändert und ich fast Gegenständliches/Figuratives zu erkennen glaube. Na sowas *lach*

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  7. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,
    ich kenne solche Gruppenprozesse gut, wo das Eigene zum Gemeinsamen wurde, ich fand das immer sehr, sehr spannend, manchmal wohltuend, manchmal sah ich die Gefahr, die darin steckte. Spannend daran finde ich eben, dass wir Menschen eben nicht so unterschiedlich sind, wie man uns glauben machen will, dass wir auf der Ebene der Gefühle schnell ein gemeinsames Feld entdecken können. Plus dem, was wir ja in dieser Woche schon mehrmals betrachteten, dass ich alle Menschen bin, wie schwer es auch an manchen Stellen wirklich zu verstehen ist!
    Ich habe in dem Bild natürlich wieder etwas anderes gesehen, ich sah ein Frauengesicht, ihr Körper kniete konturlos … so, nu mach was draus 😉 oder ich…
    herzlichste Abendgrüsse an dich
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Was sind eigentlich „Gefühle“ – wenn man mal von den gewöhnlichen Sinneseindrücken absieht? ich meine, es sind „Felder“, meinetwegen auch Schwingungen, Energien, Kollektivseele – nenn sie, wie du magst -, die unabhängig vom einzelnen Menschen existieren genauso wie Flüsse und Bäume, nur eben auf einer anderen Ebene. Wir können uns auf sie einschwingen, unwissentlich oder auch bewusst. Ich habe heute, bei einer Klientin, versucht, das zeichnerisch zu klären: in der Mitte sie selbst (das Ich), rundum diverse Ringe von Energien: Wut, Scham, Freude, Trauer, Liebe … Das Ich kann sich damit verbinden, tut es auch ständig, meist unbewusst als Reaktion, aber es lässt sich auch bewusst üben, als Aktion.
      Manche Menschen werden von den anderen als „aggressiv“ wahrgenommen, die sind ständig mit „Wut“ verbunden, andere gelten als „traurig“ und senden nichts als Traurigkeit, andere haben ein „fröhliches Temperament“, wieder andere, sehr wenige, leben in ständigem Einklag mit „Liebe“ und alle fühlen sich wohl in ihrer Nähe. Die meisten von uns schwingen mit sehr vielen verschiedenen Energien, mal sind es hohe, mal niedrigere. Du fühlst, schreibst du in einem anderen Text, weder Hass noch Grausamkeit. Andere fühlen das sehr wohl, denn es gibt auch diese Felder. Wenn sich eine Gruppe auf das gemeinsame Feld „Liebe“ einigt, dann fühlt jeder der Teilnehmenden „Liebe“. Einigen sie sich auf „Hass“, so fühlen sie grad dies. Und gehen die Menschen auseinander, bleibt nur ein Erinnerungsrest, Denk mal an all diese gewaltigen Massen im Nazi-Reich, die schrieen: Krieg, Krieg, Hass, Hass. Sie vergaßen es danach. Und andere Gefühle docken sich an ihn/sie an. LG Gerda

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  8. Liebe Gerda,
    beim Betrachten deiner einfachen, so scheinbaren Figur- und Gegenstandslosen, dahin gekritzelten Zeichnungen, kam mir der Verdacht der Willkür. Vielleicht auch List insoweit, als dass das menschliche Auge und Gehirn absichtlich getäuscht werden sollte. Unser Kopf ist voll von Gedanken, die an der Oberfläche schwirren, ich nenne es, verschüttet im Unterbewusstsein. Ich kämpfte mit deinen Strichen. Ich sah doch nur Striche, da war ich mir doch sicher. Doch plötzlich kamen ganz andere Bilder zustande. Folglich fiel mir das Bild einer alten, gebeugten Frau ein. Wenn ich mit meiner Hand über das Abbild strich, für einen Moment die Augen, schloss und schnell wieder öffnete, sah ich eine wunderhübsche, junge Frau. Das ging im Wechselspiel.
    Ich fühlte mich befreit. ich erkannte, dass was ich sah, war nicht nur das Spiegelbild meines Denkens, oder missachteter Gefühle, sondern auch eine gestalterische Vorgabe, einer anderen Person. Warum solltest du dich solcher Techniken, nicht bedienen, dachte ich. Warum nicht, diese sanfte verdeckte, nicht bloß stellende Art und Weise, einen Menschen an seine Probleme heran zu führen, ohne ihn ohne Schutz, der Scham zu überlassen. Sich finden in einem Bild, in einer Gruppe, nicht allein zu sein mit seinem inneren qualvollen Schmerz. Welche Kraft gewinne ich und kann sie abgeben an mein Umfeld. Ich freue mich und bin dankbar.
    LG. Monika

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  9. ele21 schreibt:

    Wollte gerade ein „like“ geben – aus mir unerfindlichen Gründen ging das nicht – so kommt es auf diesem Weg: „gefällt mir“ !

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  10. Maren Wulf schreibt:

    Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen: die Projektion ebenso wie die Suggestion und auch, dass die eine für die andere aufräumt. Nicht nur, weil ich einige Erfahrung mit Gruppendynamiken habe, sondern auch und besonders wegen deiner sehr gelungenen Visualisierungen.

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  11. wildgans schreibt:

    Aufatmung flog durch den Raum, entspannt loslassend konnten sie gehen, so denke ich mir das…

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