Montag ist Fototermin: Ephesus im Dom zu Lübeck

Im Juni war ich in Lübeck und natürlich auch im Dom. Besonders bewunderte ich da einige kunsthandwerkliche Details,  zum Beispiel dieses. Es gehört zu einer riesigen in die Wand eingelassenen Tafel. Merkwürdiges ist darauf zu erblicken:der bärtige Mann links trägt eine

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Zipfelmütze besonderer Art: eine phrygische Mütze. „Die phrygische Mütze war ursprünglich ein gegerbter Stier-Hodensack samt der umliegenden Fellpartie. Nach der Vorstellung der Griechen sollte ein solches Kleidungsstück die besonderen Fähigkeiten des Tieres auf seinen Träger übertragen“ (Wikipedia).

Die phrygische Mütze wurde zunächst wohl getragen, um die Kraft des Stiers auf den Träger zu übertragen. 300px-Artemis_Ephesos Die Göttin Artemis im Tempel von Ephesus ist über und über damit behängt – manche halten es für Frauenbrüste, aber es sind Stierhoden. Doch warum trug Orpheus sie als Mütze? Warum wurde der persische Gott Mithras  und später der Mithras-Sonnengott der römischen Legionäre mit ihr dargestellt?  In der Zeit der Französischen Revolution tauchte sie wieder auf – als Jakobinermütze. Und in unseren Zeiten seht ihr sie bei Heinzelmännchen und den allseits beliebten Gartenzwergen und Schlümpfen.

Alles schön und gut, sagst du. Du kommst vom Hundersten zum Tausendsten. Sag endlich, wer ist der Mann auf der Platte? – Wie du siehst, hält er einen Bogen in der Hand, der, so meine ich, eine Harfe symbolisiert. – Dann kann es eigentlich nur Orpheus sein! – Ja, stimmt, Orpheus, der thrakische Sänger und Stifter der orphischen Mysterien. Orpheus, der den Weg in die Unterwelt fand und zurückkehrte, während die Geliebte seiner Seele, vielleicht seine Seele selbst,  Euridike, zurückblieb. – Und was tut er hier auf der Platte im Lübecker Dom? Rätselhaft.

Dagegen ist der Mann ihm gegenüber leicht zu erkennen und einzuordnen: es ist Johannes der Evangelist, denn er trägt den Kelch mit dem Drachen oder der Schlange in der Hand. Die Legende sagt: der Hohepriester des Artemis-Tempels in Ephesus …., ja ja, schon wieder Ephesus, immer wieder Ephesus! …zwang ihn, aus einem Kelch mit vergiftetem Wein zu trinken. Johannes schlug ein Kreuz über dem Kelch und das Gift entwich in Gestalt eines Drachens. Doch wenn du tiefer hineinblickst, weißt du, was der Drache – oder die Schlange – sonst noch bedeutet. 190px-Johannes_El_Greco_1600 (El Greco). Es ist das Symbol der Transformation durch Tod und Wiedergeburt, und ist, wie du bei Ulli nachlesen kannst, dem Ostschild zugeordnet. https://cafeweltenall.wordpress.com/2016/09/01/das-ostschild/.

Im Osten, nämlich in Ephesus, musst du Johannes suchen. Dort lebte dieser feurige Geist – weniger als 600 Jahre nach Heraklit – und schrieb sein Evangelium. Das aber beginnt mit einem Lieblingswort von Heraklit: „Am Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott und göttlich war der Logos ….“  (Das Original ist auf Griechisch. Luther übersetzte „Logos“ mit „Wort“, was es ebenfalls bedeutet).

Als ich dieses Foto im Lübecker Dom aufnahm, ahnte ich nicht, dass es mich nach Ephesus führen würde. Denn Ephesos was not on my mind.

Mit neuem Blick betrachte ich nun weitere Fotos aus dem Dom und wundere mich, was sie wohl darstellen.

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IMG_7179  IMG_7181  und welche kryptische Botschaft sie den soliden Lübecker Bürgern bringen, die fromm und  und gesittet ihren Gemeindegesang anstimmen, nicht ahnend, wer ihnen dabei über die Schulter schaut.

Ein zeitgenössischer Künstler hat die große in die Wand eingelassene Metalltafel Stück um Stück abgerieben und als Druck in die Waagrechte gebracht. Spiegelverkehrt und mit umgekehrten Farbwerten kannst du so alle Einzelheiten wahrnehmen – wenn du dir die Zeit

nimmst. IMG_7195

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Antworten zu Montag ist Fototermin: Ephesus im Dom zu Lübeck

  1. putetet schreibt:

    Witzig, meine Frau fährt heute nach Lübeck. Somit erhält sie jetzt durch deinen Post ein wenig kulturelles Input🙂 LG Alexander

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  2. gkazakou schreibt:

    O da gibt es sehr Vieles! Ich war echt überrascht, denn ich kenne Lübeck aus meiner Kindheit. Gute Reise deiner Frau!

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  3. bruni8wortbehagen schreibt:

    Danke, liebe Gerda, für all Deine interessanten Infos. Wie oft begegnen wir diesen *Zipfelmützen und nie wäre ich auf die Idee gekommen, nach der Herkunft zu fragen.
    Ich stelle fest, neue Welten eröffnen sich und ich staune sehr und freue mich, es nun zu wissen aus berufenem Munde.

    Lieber Abendgruß von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      das ist das Schöne an diesen heute so bequemen Formen des Austausches: man lernt ganz nebenher und zwanglos Neues oder erinnert sich an Vergangenes. Man nimmt sich, was man haben will, man äußert sich, wie man will und wann man will, und es gibt keinerlei Prüfungen, ganz anders in der elenden Schule.:)

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    • gkazakou schreibt:

      Anders, liebe Bruni, mir war sie zu lang, und vor allem anders hätte ich sie mir auch gewünscht. Ich habe die letzten Schuljahre nur durchgehalten, weil ich viel geschwänzt, im Unterricht geschlafen oder mich anderweitig beschäftigt habe. Die kreativste Zeit im Leben verplempert. Ich wollte nach der 10. abgehen, was meine Mutter verhinderte. Ich weiß natürlich, dass mein Leben schwieriger geworden wäre ohne Abitur.
      Du hast die Schule früh verlassen?

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Ich habe sie nicht früher verlassen, aber mein u. der Lehrer Wunsch nach Gymi wurde ignoriert und meine Schule war dann weiterführend eine Handelsschule… Dorthin war der Weg preiswerter. Er reichte für mich – meinte mein Vater

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    • gkazakou schreibt:

      Ich verstehe. Am Ende hat dich das doch nicht gehindert, deine eigene Sprache zu entdecken u zu entwickeln. Hier regnet es jetzt stark, es tut der Erde gut, u mir auch. Sei herzlich gegrüßt! Gerda

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  4. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, mich verwirrt das Spiegelverkehrte … nicht bei der Figur mit der Mütze, das ist eher amüsant bis aufschlussreich, aber die Wandlung der Frau ist doch sehr frapant und ich frage mich gerade, ob Coyote hier seine Finger im Spiel hatte oder ich zu doof😉

    Ich frage mich oft, wenn ich durch fremde Städte wandere oder in Kirchen zu Besuch bin, was ich eigentlich da wirklich sehe, weil ich nicht bewandert bin, nicht in den christlichen, nicht in den islamischen, nicht in den griechischen Mythologien- durch dich darf ich lernen, hoffentlich behalte ich es mir!

    Faszinierend finde ich den gefügelten Stier, zudem schaut es für mich so aus, als würde Uroboros um ihn kreisen …

    herzliche Abendgrüße
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      grins anerkennend. Du hast dir tatsächlich die Zeit genommen, auf Einzelheiten zu achten. Kojote im Spiel, das gefällt mir. Die Frau ist allerdings keine Frau, sondern der Evangelist Johannes, vielleicht identisch mit dem Lieblingsjünger Jesu Johannes, den Leonardo bekanntlich so weiblich malte, dass daraus ein auflagenstarker Bestseller gebastelt wurde (Da Vinci Code). Er ist der einzige, der bartlos dargestellt wird – immer. Wer die beiden Bärtigen auf dem Abdruck sind, weiß ich nicht zu sagen. Der eine hält ja ebenfalls eine Art harfe im Arm, aber er trägt keine phrygische Mütze und schaut nicht nach oben, sondern senkt sein Haupt. Er hat, wie Orpheus, keinen Heiligenschein. Der daneben hält nicht den Kelch mit dem Drachen, sondern, so meine ich zu sehen, einen Phönix in der Hand..Das ist ein Auferstehungszeichen und wird meist mit Jesus selbst gleichgesetzt. Also könnte diese Gestalt Jesus sein. Der geflügelte Stier ist das Symbol des Evangelisten Markus. Alle vier Evangelisten haben Tiere zugeordnet. Das könnte dich interessieren, denn darin kommen sehr alte kosmische Vorstellungen zum Tragen.
      Schade, dass heute so wenig über diese Symbolsprache gelehrt wird, sie ist spannend und regt sehr zum Nachdenken an.
      Du musst das jetzt nicht alles behalten, aber wenn du mal wieder in eine Kirche gehst, wirst du vielerlei entdecken, was dich staunen lässt. Achte auf die Details! Wieviel Wissen ist seit dem Mittelalter verschwunden! Vielleicht wurde schon damals die Symbolik nicht mehr verstanden, aber jedenfalls war sie noch präsent. Heute gibt es in den Kirchen fast nichts mehr als diesen Kitsch, der nichts, aber auch gar nichts transportiert außer einem abgestorbenen und zur Routine verkommenen Glauben an unverstandene Dogmen.
      Wie war das Zusammensein mit den Kids? Zeigst du uns Fotos von ihren Schnipselarbeiten? Noch schöne erholsame Abendstunden wünsche ich dir!

      Gefällt 2 Personen

      • Ulli schreibt:

        Ich möchte gerne noch viel mehr von der alten Symbolsprache lernen, um zu verstehen, was ich sehe… bis hierher erst einmal danke, liebe Gerda.
        Die Kinder und ich gehen jetzt in den Wald und gerne zeige ich die Schnipselbilder …
        bis bald und hab einen schönen Tag
        herzlichst
        Ulli

        Gefällt 1 Person

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