Schreibfluss – und Badefreuden

Alles fließt? Das ist doch sehr die Frage! Dieser Tage, als ich keinen Computer hatte und mit einem Finger auf dem Smartphone rumtippte,  kam mein Denken leicht ins Stocken. Und so lag ich mehr als sonst auf dem Sofa (es war auch heiß) und stellte mir vor, was ich schreiben wollte. Dabei machte ich eine für mich interessante Entdeckung: Ich schrieb in Gedanken von rechts nach links und in Spiegelschrift! Na so was?!

Ich bin Linkshänderin, wurde aber in der Schule auf rechts getrimmt. Also schreibe ich normalerweise mit der rechten Hand.  Ich schreibe aber nicht gut. Meine Buchstaben taumeln, als ob sie ständig gegen einen starken Wind oder Strom ankämpfen müssten. Vor meinem geistigen Auge aber entwickelten sich die Wörter in Spiegelschrift, weich und widerstandslos, wohlgeformt  und recht stark nach links geneigt, als würden sie von einem Strom mitgerissen. Ich war fasziniert.

Um zu sehen, was an meiner Entdeckung dran sei, setzte ich mich hin und schrieb mal mit der Linken in Spiegelschrift, mal mit der Rechten normal. Hier seht ihr das Ergebnis (Bleistift und Kugelschreiber auf Schreibmaschinenpapier A4).

IMG_7663

Und noch einmal, etwas näher dran.IMG_7664

Wenn man bedenkt, dass meine linke Hand das Schreiben nicht gewohnt ist, ist es schon erstaunlich, wie ruhig und gelassen die Spiegelschrift dahingleitet. Dagegen meine Normalschrift: das Blatt rechts oben! Das ist von einer ganz anderen Persönlichkeit geschrieben, das kämpft sich durch, ruhelos, voller Widerspruch. Das bin Ich, wie ich mich kenne: gegen den Strom schwimmend. Aber vielleicht bin ich „in Wirklichkeit“ ja doch auch die andere, die, wenn man sie nicht in ihrem natürlichen Fluss gehemmt hätte, froh mit dem Strom geschwommen wäre?

Nun, egal. Jetzt tippe ich wieder. Eigentlich schade. Das Schreiben mit der Hand hat doch eine besondere Qualität, steht dem Denken näher. Und nun gar in Spiegelschrift! (Spiegeln = Reflektieren).

Und damit es noch was zu sehen gibt: ein paar Skizzen aus einem Skizzenblock vom August 1987. Fast dreißig Jahre sind seither vergangen, aber die Badefreuden sind jetzt so aktuell wie damals. (Feder, Tinte und Aquarell)

IMG_7678 - Αντίγραφο

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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15 Antworten zu Schreibfluss – und Badefreuden

  1. Myriade schreibt:

    Für mich ist das Schreiben mit der Hand auch dem Kopf und dem Herz näher als das Tippen.
    Meine Mutter schwört, dass ich immer Rechtshänderin war. Es stimmt nicht ganz, ich bin ziemlich zweihändig. Irgendwann im Teenageralter habe ich beschlossen links zu schreiben, was erstaunlich einfach ging. Spiegelschrift habe ich dabei auch immer wieder ausprobiert, mit beiden Händen.
    Ganz spannend finde ich es auch mit der anderen Hand – in meinem Fall die linke – zu zeichnen. Da kommen auch sehr bemerkenswerte Dinge heraus. Das Maximum in dieser Richtung habe ich einmal in einem Kurs erlebt: ein Ding mit einer Hand zu ertasten und gleichzeitig mit der anderen Hand blind zu zeichnen. Man sieht also weder das Objekt noch das Papier auf dem man zeichnet. Eine sehr schwierige Übung aber auch mit interessanten Ergebnissen.

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    • gkazakou schreibt:

      Aha, auch du bist eine Zweihändige! Herzlich willkommen im Club! Interessant die Übung, die du beschreibst, werde ich mal ausprobieren. Das Blindzeichnen von Konturen, zB der eigenen Hand, ist auch spannend. Man zeichnet, ohne aufs Blatt zu schauen, sieht aber das Original.
      Mir ging es jetzt mehr um die Frage, wie meine beiden Hirnhälften arbeiten und welche Wirkung .es aufs Denken und Fühlen hat, wenn ich die Schreibrichtung umdrehe

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      • Myriade schreibt:

        Hirnforschung ist ja ein weites Feld sowohl in der westlichen Wissenschaft als auch bei den Buddhisten, denn schließlich ist meditieren nichts anderes als sich selbst beim Denken und Fühlen zuzusehen.

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  2. Mion schreibt:

    Ich kann auch gut mit links schreiben. Zwar nicht so schnell, wie mit rechts, aber konzentriert…vielleicht ist dies meine h
    gewünschte/wahre Natur? Komisch, wie oft ich schon auf der Suche nach Entschleunigung und Konzentration auf das Wesentliche war…. Auch so manche Dinge mach ich, ohne darüber nachzudenken, mit links. Spiegelschrift habe ich noch nicht ausprobiert aber ich kann sie problemlos lesen. Mmh…vielleicht sollte ich wieder mehr schreiben…hab ich früher gerne und oft gemacht. Danke für die Inspiration! 💜
    Gute Nacht wünscht
    Mion

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    • gkazakou schreibt:

      Du kannst Spiegelschrift problemlos lesen? Nee, das kann ich nicht. Schreiben ja, ganz flüssig und ohne drüber nachzudenken, aber nur mit der linken Hand. Mit der rechten geht es nicht. Ich schreibe schlecht mit der Linken in Normalrichtung und mit der Rechten in Spiegelschrift. Es scheint, dass ich im Hirn die Richtung einfach umdrehe – und es fließt.

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  3. mmandarin schreibt:

    Spannende Anregung, versuche heute mal alles mit Links zu machen.. Puh, komme schon jetzt ins Schleudern…..Marie

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  4. Sabine Oetjen schreibt:

    Hier ist noch jemand der zum rechts schreiben erzogen wurde:))
    Ich habe mich aber durchgesetzt (Trotzkopf) und bin eine überzeugte Linke. Ich bin fest davon überzeugt das dieses umerziehen blanker Unsinn ist und noch dazu schädlich für das Gehirn.
    Wenn ich mit der rechten Hand schreibe sieht das änlich aus wie bei Dir Gerda. Die Buchstaben kämfpen gegen ein Sturm, ducken, drängen und fallen erschöpft um.
    Links sieht das ganz anders aus, alles ist im Fluß und die Wörter neigen sich elegant und mit Grazie. Ich zeichne und male auch mit links. Es fühlt sich einfach richtig an.
    Liebe Grüße von Bine die heute mal nicht unter den Linden sitzt weil das Wetter so schlecht ist.

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    • gkazakou schreibt:

      Also das ist jetzt hoch interessant für mich. Du schreibst links, aber in Normalrichtung und nicht in Spiegelschrift, und es fließt sehr gut? Nun, das kann ich wohl nicht mehr lernen. Ich mache alles außer Schreiben mit links, was manchmal nicht einfach ist, da Scheren, Töpfe und Klinken etc für Rechtshänder gemacht sind.

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  5. Sabine Oetjen schreibt:

    Ja :))) das kenne ich auch. Seltsamerweise komme ich mit einer Schere für die linke Hand nicht zurecht. Also schneide ich mit der linken Hand mit einer Rechthänderschere. Leider überleben das die Scheren nicht lange. Ich kenne einige Linkshänder die ganz normal schreiben also keine spiegelschrift. Viel wichtiger ist aber das Gehirn. Wenn Du einen Linkshänder umerziehst kann das Auswirkungen auf das Gehirn haben. Bei uns ist es nämlich mit der Anordnung im Gehirn genau anderes herum wie bei einem Rechtshänder.
    Fazit wir sind schon eine besondere Spezies und ganz ehrlich ich bin stolz drauf. Auch wenn es im Alltag manchmal schwierig ist.
    Liebe Grüße von Bine unter den Linden

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  6. Sabine Oetjen schreibt:

    Vielleicht weil wir anders sind als die anderen. Nicht angepaßt an die Welt der Rechtshänder. Unabhängig, frei und auch ein bischen Sturkopf, wiel vieles ja für uns schwerer zu handhaben ist.
    Außerdem sagt man uns nach wir wären kreativ, einfühlsam und emphatisch.
    Ich finde das ist eine ganze Menge vorauf man stolz sein kann🙂
    Bine

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  7. Sabine Oetjen schreibt:

    Siehst Du wir befinden uns in illusterer Gemeinschaft :)))
    Schöne Träume auf Deiner Terasse wünsche ich Dir
    Bine

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    • gkazakou schreibt:

      Klar! Leonardo da Vinci zum Beispiel…..Wichtig ist vor allem, wer nicht zu unserer hehren Gesellschaft passt: die Angepassten, die Abhängigen, Unfreien, die allzu Nachgiebigen, die Unkreativen, die Hartgesottenen und Gefühllosen…. 😉 Farbige Träume! G

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