
Wenn mir nichts einfallen will, liebe Myriade, schaue ich in mein Archiv, ob ich da vielleicht eine Anregung finde. Und heute, am Sonntag, ist sowieso Archivtag. Ich gab also, ohne mir große Hoffnung zu machen, das Wort „Algen“ ein. Und siehe da! In jedem Jahr gibt es einen Text über/mit Algen.
Wenn ich esrecht bedenke, ist das so wunderbar nicht. Denn Algen gibt es überall, wo es Meer gibt. Algen sind daher untrennbar mit meiner Kindheit an der Ostsee verbunden, und ich vermute, dass auch die folgenden Strophen aus dem kleinen Welttheater davon inspiriert waren.
Im Februar 2023 fragt Trud, die ewig Fragende, wie sie der blinden Dichterin Domna den Anblick beschreiben soll, der sich vor ihnen auftut:
Trud
Wie soll ich nur die rechten Worte finden?
Wie dies beschreiben einer Blinden?
Riechst du den Meereswind mit Algenduft, dem Süßen?
Fühlst du den weichen Sand wohl unter deinen Füßen?
Hörst du den Möwenschrei durch Lüfte gellen?
Vernimmst das Meer auch, das mit seinen Wellen
den Strand bespült und kleckert klickert leise
auf seine unnachahmlich wunderbare Weise?
Schmeckst du wohl auch den salzig-bittren Wind
und fühlst die Böen, wenn sie stärker sind?

Als Dora sich am 1. Januar 2022 mir für ein ganzes Jahr zugesellt, gehen wir zum üblichen Neujahrsbummel an den Strand.
Dora hatte alles wunderbar eingerichtet: die Sonne schien (…), das Meer, das der Küste in stürmischen Nächten arg zugesetzt hatte, rollte zufrieden glänzend in seinem Bett – eine Menge Schwemmholz wartete darauf, von mir eingesammelt zu werden, um den Kamin anzuheizen (…), ein alter Mann erklärte uns geduldig, wie er die Algen, die er am Strand sammelte, als Bodendünger zubereitete …
Auch an anderer Stelle ist im Welttheater, März 2023. von Algen die Rede: Das Kind Clara und die Jugendliche ewig hungrige Jenny treffen die blinde Dichterin Domna, und die fragt besorgt:
Da seid ihr ja, ihr lieben Kleinen,
Ich hatte euch schon fast vergessen.
Wo wart ihr denn? Fast will mir scheinen
ihr hattet heut noch nichts zu essen?
Die pfiffige Jenny antwortet:
Genau! und so weit ich hier sehe
gibt es bei dir kein Omelett
Es bleibt zum Essen nur Kaktee
mit ein paar Algen ist΄s komplett.
Kaktus mit Algensoße – das Menu der Habenichtse. Zum Glück hat Göttin Hera ein Einsehen: Kinder brauchen eine ordentliche Mahlzeit.

Mein nächster Fund ist vom Januar 2024. Der Text ist überschrieben: Das Meer – die menschliche Seele.

Vorgestern leuchtete das Meer blau und war klar bis zum Grund. Die Strahlen der untergehenden Sonne machten es zum vergoldeten Spiegel. (…)
Heute Nacht verstärkte sich der Sturm und wühlte das Meer auf bis zum Grund Heute rollt es in schweren Wellen an den Geröllstrand, und mit ihm rollen Steine, Algen, Sand. Aus ist es mit der Transparenz.
Im Januar 2018 wieder Algen, diesmal am Strand der „Kuhbauch“ genannten Bucht von Gialova, an der messenischen Westküste:
Das Rund des „Kuhbauches“ mit seinem Rand aus Sand und glänzenden dunklen Algen wandern wir ab, ersteigen auch eine der hohen Dünen.

Im August 2018 schrieb ich Sommerpausenintermezzo-Kata-strophen über einen Unterwasserkönig, die folgendermaßen beginnen:
Nacht am Hafen,
alle schlafen
psss-schh-pssss schhh-pssi-schuu
es schläft der Pa, es schläft die Mu.
Doch den Unterwasserkönig,
den kümmert das herzlich wenig.
Schon taucht sein Algen-Haupthaarschopf,
sein silbern glänzender Schuppenkopf
aus dem schillernden Hafenbecken
lautlos, pl-pl, er will keinen wecken.

Im September 2017 besuchte ich das Burtzi von Methoni, einer venezianischen Hafenstadt an der Spitze des ersten Fingers der Peloponnes.
Die Lichtreflexe, die wie helle Tropfen an den Wänden funkelten, machten mir Spaß, erinnerten mich an die Schweißperlen, die hier früher flossen. Oder sind es Reflexe einer noch älteren Zeit, als in diesen Wölbungen, so vermute ich, das Christentum nach byzantinischem Ritus feierte? Heute ist das Gemäuer grünfleckig, vielleicht von Algen.


Im Mai 2016 machte ich einen Ausflug in Attika. Ich fuhr bei stürmischem Wetter über das Pendelikongebirge und …
Endlich die Küste, das Meer. Seine Frische, seine Bewegung, sein Rauschen. Der Wind treibt trockene Algen und Sand vor sich her.

Danke, liebe Myriade, dass dein Algenfoto mich zu dieser Rückreise inspiriert hat.
Man fragt sich, wie Du das schaffst, liebe Gerda 🙂
All das zu Papier zu bringen 🙂
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