Die nächste Lektion II,24 zeigt ein Gestaltungsschema, mit dem Klee das Thema des „nicht symmetrischen Gleichgewichts“ zwischen in einer einfachen Grafik erläutert ( ).
oder auch als Kalenderseite
Worum geht es hier? In der oberen Figur (meine Wiedergabe) sehen wir eine Art Wippe a-b und in der Mitte einen neutralen Achsenpunkt c. Auf dem a-Ende der Wippe ist schweres Dunkel aufgehäuft, auf dem b-Ende lichte Helligkeit.
Was passiert? Die a-Seite senkt sich zu einem Punkt A, die b-Seite hebt sich zu einem Punkt B. Um Gleichgewicht zwischen beiden herzustellen, hängt Klee ein kleines dunkles Viereck unter den lichten Balken, der sich daraufhin senkt. Perfekt!
Manchmal will man Bilder mit gestörtem Gleichgewicht malen und versucht sich in extremen Anordnungen – doch ist es gar nicht so einfach, den eingeborenen Gleichgewichtssinn zu überlisten. Fast immer gibt es irgendwelche kleinen Elemente, die dann doch für Ausgleich sorgen.
Versuch einmal, längere Zeit auf einem Bein zu stehen, ohne zu schwanken. Also ich kann das nicht. Immer brauche ich den zweiten Fuß als Behelf. Er saust automatisch Richtung Boden, und sei es auch nur mit der Zehenspitze, damit ich nicht umfalle.
Klees zweite Figur macht deutlich, warum das so ist: hier steht die Achse der „Wippe“ senkrecht, der obere Teil kippt nach links und die Figur droht umzufallen. Stell dir vor, die „Wippe“ sei ein Mensch. Was tut er, wenn ein Gewicht auf der einen Schulter ihn umzureißen droht? Er stellt einen Fuß (das kleine dunkle Viereck) nach links, verbreitert so seine Basis und steht fest.
Hier ist es umgekehrt: die Kaffeetasse reicht als Ausgleich offenbar nicht aus.

Auch dies ist keine wirklich sichere Vorgehensweise, um das Gleichgewicht beim Servieren des Kaffees zu halten. Wo liegt der Fehler?

Weitere noch fraglichere Versuche: https://gerdakazakou.com/2024/05/19/von-dicker-luft-und-wie-man-am-elegantesten-einen-kaffee-serviert-legebilder/


Klee hat auch in anderen Hinsichten durchaus physikalisch geprägte Gedanken zum Ausdruck gebracht. Er sagt zum Beispiel: Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. Das ist genau der Weg der modernen Physik. Oder an anderer Stelle in seiner Schöpferische Konfession (1920): Früher schilderte man Dinge, die auf der Erde zu sehen waren, die man gern sah oder gern gesehen hätte. Jetzt wird die Relativität der sichtbaren Dinge offenbar gemacht und dabei dem Glauben Ausdruck verliehen, daß das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel ist, und daß andere Wahrheiten latent in der Überzahl sind.
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Ja, danke, das sind sehr wichtige und berühmte Einsichten Klees. Sichtbar wird uns nur ein winziger Teil der Wirklichkeit. Er bemüht sich darum, etwas mehr, als das, was die Augen sehen, zur Erscheinung zu bringen. Damit meint er nichts Metaphysisches, sondern durchaus Gesetze des Physischen, die durch geistige Tätigkeit erfasst werden. Denn für ihn zerfällt die Wirklichkeit nicht in Physisches und Metaphysisches, sondern sie ist eins.
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Die Kaffeetasse auf dem ganz und gar wundervollen Bild ist nicht zum Servieren gedacht, sondern zum Jonglieren, deshalb muß sie nicht waagerecht sehen… Sollte in ihr ein Kaffee serviert werden, dürfte sie nicht schräg stehen.
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