Ich hänge sehr mit den Kalenderblättern hinterher, nicht nur, weil ich anderweitig beschäftigt war, sondern auch, weil es mit der Präsentation des Kleeschen Skizzenbuchs nicht so einfach ist, wie ich dachte. Die Graphiken und die erklärenden Texte, die ich in leichter Abwandlung vom Original abzeichne, geben bildlich nicht viel her, und die Interpretationen, die ich mir dazu ausdenke, sind nicht leicht zu formulieren. Das, was am Ende den Text interessant macht, sind, finde ich, nicht die Kalenderblätter selbst, sondern die illustrierenden Bilder, die ich hinzufüge.
Aber sei es, wie es sei. Ich bin stur und bleibe dabei, die Juni-Kalenderblätter auf diese Weise zu füllen.
Beim letzten Eintrag vom 10.6. ging es ums Gleichgewicht, dessen Störung und seine Wiederhestellung.

Dieses Thema wird nun fortgesetzt mit dem „nicht symmetrischen Gleichgewicht“ – und betrifft so gut wie alle Gleichgewichtszustände, die real vorkommen. Denn streng symmetrisch sind sie fast nie. In der Malerei ist die strenge Symmetrie sowieso verpönt.
Zunächst zeichnet Klee eine Waage, die zwar im Gleichgewicht ist, doch auf der linken Waagschale befinden sich zwei gleiche Gewichte, auf der rechten ein größeres und ein kleineres Gewicht. Die sind zusammen gleich schwer wie die auf der linken Seite.
Wozu soll das gut sein? Nun, es ist in der Malerei (und nicht nur dort) von großer Bedeutung, wie „unsymmetrische“ Verhältnisse ins Gleichgewicht zu bringen sind. Ich zeichne beispielsweise auf einer Seite des Blattes kleine Gegenstände, auf der anderen einen Schrank im ansonsten leeren Raum. Kippt das Bild? Oder ich male auf der einen Seite eine leichte helle Szenerie, während ich die andere Seite in schweres Dunkel tauche. Geht das gut? Oder ich male links mit dem energetisch starken Rot, rechts mit passivem Blau. Wie kann ich zu einem Ausgleich kommen?
Was Klee dazu in seinem Skizzenbuch notiert, ist das folgende:
Ich zeichne dieselben Figuren und färbe sie ein wenig ein:
Leicht zu verstehen sind „Maß“ und „Gewicht“: Das Gleichgewicht wird hergestellt, indem man dem Kleinen einen großen Raum belässt und dem Hellen ein Stück Dunkelheit hinzufügt. Bei der dritten Figur „Charakter“ soll ein Gleichgewicht zwischen Rot und Blau hergestellt werden. Und was ist Klees Lösung? Er stellt dem Blau eine kleine gelbe Fläche zur Seite, damit es dem Rot standhalten kann.
Mir scheint, darin liegt ein großes Thema, das sich nicht auf die Malerei beschränkt, sondern etwas über die Harmonie überhaupt aussagt, und das ich jetzt noch nicht voll erfasse.
Um Gleichgewicht ringen wir in allen Lebensbereichen – und der Maler tut oft nichts anderes als eben dies: Wie kann er die Massen und Farben seines Sujets ins Gleichgewicht bringen? Endlose Beispiele könnte ich einfügen, beschränke mich hier aber auf eine kleine Übung, die ich mit Papieren machte, die mir Susanne Berkenkopf einst zuschickte. Ich schob ein grünes und eine rotes Papier auf einer Fläche hin und her und überprüfte, wo die Grenzen des Ungleichgewichts erreicht werden bzw wo sich ein zufriedenstellendes Gleichgewicht einstellt.
Dasselbe dann auch auf Zeichnungen, auf denen ich farbige Akzente setzte.


Danke für diese anregende Fortsetzung Ihrer Beschäftigung mit Klees „Pädagogischem Skizzenbuch“. Besonders interessant finde ich Deine Gedanken, dass das nicht-symmetrische Gleichgewicht weit über die Malerei hinausweist. Tatsächlich scheint Klee hier etwas Grundsätzliches über Wahrnehmung, Spannung und Harmonie zu formulieren: Ausgleich entsteht nicht durch Gleichheit, sondern durch die sensible Beziehung von Verschiedenem. Deine Papier- und Zeichenexperimente machen diesen Gedanken anschaulich und zeigen, dass Gleichgewicht kein statischer Zustand, sondern ein fortwährender Prozess des Abwägens ist. Gerade in einer Welt kultureller, religiöser und gesellschaftlicher Vielfalt wirkt diese Einsicht bemerkenswert aktuell.
LikeGefällt 2 Personen
Deine Zeichnungen dazwischen machen es zu Kunstwerken!
LikeGefällt 1 Person
Ich habe noch kein einziges Kunstwerk von Dir gesehen, liebe Gerda, bei dem ich das Gleichgewicht vermisste. Deine Skizzen sind oft sehr flüchtig, aber Deine Zeichnungen, vor allem auch die Schnipselbilder, sind voller Gleich- und Ebenmaß, so daß ich nichts zu mäkeln hätte, selbst wenn ich es unbedingt wollte 🙂
Klee muß ein ganz besonderer Mensch gewesen sein und mit außerordentlichen Gaben ausgestattet.
LikeGefällt 1 Person
Stimmt, Bruni. Ich bringe es, obgleich ich es oft möchte, nicht fertig, etwas zu malen oder zu zeichnen,was sich auf dem Blatt nicht harmonisch-ausgewogen anfühlt.
LikeGefällt 1 Person
Das wäre mir auch schon lange aufgefallen, liebe Gerda …
LikeLike