Impulswerkstatt, Foto No 2: Zaun

Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt, Bild 2,

Dein Foto, liebe Myriade, besticht durch die goldene Farbe. Und auf diese Farbe haben die Teilnehmenden bisher vor allem reagiert. Ich aber?

Mein Auge verfolgt die kunstvollen gläsernen Formen, steigt auf und ab, bleibt an den blumigen Trichtern hängen – doch im Grunde ist es auf der Suche nach Lücken. Denn wie kunstvoll auch immer:  es ist ein Zaun. Und Zäune brauchen, wie Morgenstern richtig feststellt, Lücken, sonst sind sie „ein Anblick hässlich und gemein“.

Ich selbst habe Zäune noch und nöcher fotografiert, auch goldene.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2020/09/img_5018-e1600546436666.jpg

Wie denn auch nicht! Unsere Welt ist von Zäunen durchzogen, Zäune begleiten unseren Weg, wir sind von Zäunen umstellt, Zäune trennen, Zäune grenzen ab, schließen ein und aus. Nur wer den Schlüssel hat, darf durch. Als Jugendliche liebte ich es, Zäune zu überwinden. Eine Drahtschere in der Tasche hat mir schon so manchen Umweg erspart. Eine Lücke in einen Zaun zu schneiden ist der erste Schritt in die Freiheit…

Immer ist das nicht möglich, natürlich. Wir leben in einer kontrollierten Welt, in der Dein und Mein deutlich getrennt sind und die Freiheit sich auf den Wegen zwischen Zaun und Zaun bewegt. Das muss auch der Hund begreifen, der hinter dem Zaun steht und dem ich gut zurede: „Schön hast du es hier“, sage ich zu ihm. „Andere Hunde haben es weit schlechter. Denk mal an die armen Brüder und Schwestern, die kein Zuhause haben und sich von Müll ernähren müssen. Freiheit ist nicht alles“.

„Wuff“, antwortet er und wedelt mit dem Schwanz. „Du hast zwei Katzen als Gesellschaft“, sage ich.“Und die Kanarienvögel machen dir Musik. Der Wein ist über und über rot und schmückt deinen Käfig. Du bist wohlgenährt und gepflegt. Immer gibt es frisches Wasser in deinem Napf, und Futter steht auch immer bereit. Sag selbst, wer könnte es besser haben?“

Daraufhin sagt der Hund nichts. Er schaut mich ein wenig misstrauisch an, als wollte er prüfen, ob ich es vielleicht ironisch meine. Dann seufzt er tief, wedelt noch mal müde mit dem Schwanz und zieht sich zurück in seine Hütte, um den Rest des Tages zu verträumen.

(nachzulesen hier)

Max ist inzwischen tot, und sein Platz hinter dem Zaun ist leer. Die Katzen freilich gehen immer noch ein und aus, wie es ihnen beliebt.

Anderswo sind es die Hunde, denen der Zaun wurscht ist. Aber die Ziegen müssen drinnen bleiben. Wo kämen wir hin, würden Zäune uns nicht Grenzen setzen! Dann würde alles durcheinander wuseln, und ehrlich! Zäune – diese sehr menschliche Erfindung – sind uns unentbehrlich geworden. Ohne sie würde jeder in unser Eigentum trapsen und Mord und Totschlag würden herrschen. Oder etwa nicht?

 

 

 

Avatar von Unbekannt

About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Architektur, Erziehung, Fotografie, Impulswerkstatt, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Natur, Philosophie, Politik, Psyche, Serie "Mensch und Umwelt", Tiere abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Responses to Impulswerkstatt, Foto No 2: Zaun

  1. Avatar von Ulli Ulli sagt:

    Ich mag hier die zaunlosen Grundstücke sehr und davon gibt es noch erstaunlich viele in den Dörfern. So habe ich es allerdings nur noch einst in Sapmiland erlebt. Dort war es Sitte, dass mensch als Fremde=r, wenn sie/er nicht eingeladen war, nicht direkt auf die Haustür zu gehen durfte. Es ging immer auch ein Weg seitlich vorbei.

    Freilich, auch hier sind die Tiere hinter Zäunen und das ist gut so.

    Herzliche Grüße, Ulli

    Gefällt 5 Personen

  2. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Eine schwierige Frage. Man kann ja über Zäune philosophieren, aber ohne kommen wir doch nicht aus. Ich möchte keinem übel gelaunten Stier auf der Straße begegnen oder meine Hühner täglich im ganzen Dorf suchen müssen 🙂 Aber jedenfalls ist das auf dem Foto gar kein Zaun sondern der Hintergrund eines Schaufensters und wir müssen uns – zumindest in diesem Zusammenhang- gar nicht wirklich über für und wider von Zäunen unterhalten 😉
    Danke für den Beitrag an die Gerda mit der Drahtschere ❤

    Gefällt 1 Person

  3. Oder etwa nicht?

    Wenn ich eine Kamera installieren würde, würde ich nichts auf dem film sehen.
    Nur einen Waschbären, der mal eine große Keramik umwarf.

    Like

  4. Max ist tot… Es klingt so traurig …
    und doch geht das muntere Durcheinander weiter…

    Like

    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ja. Überall. Inzwischen habe ich schon so viele Tiere sterben sehen bzw verloren, dass es nicht mehr ganz so weh tut. Max war ein ganz Lieber, aber leider durfte er nie spazierengehen.

      Like

  5. Ich erinnere mich. Du hattest es in einem Deiner älteren Beiträge mal geschrieben

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Bruni | Wortbehagen Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..