Wenn die Vernunft schläft…

Der Schlaf (oder der Traum?) der Vernunft gebiert Ungeheuer, befand Goya (1746–1828) und schuf ein höchst eindrucksvolles Werk (1799), um diesen Gedanken zu illustrieren. Die Gravour zeigt Goya „schlafend an einer Art Tisch, umgeben von unheimlichen nächtlichen Wesen… Ein größeres der eulenähnlichen Wesen hat mit seinen Krallen eine der Schreibfedern ergriffen, scheint sie ihm reichen zu wollen und ihn anzusprechen“ (Wikipedia)

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer – Wikipedia

Goya, Der Schlaf der Vernunft gebiert Monster. Quelle: Wikipedia

Schreib! krächzt das Eulenwesen. Schreib auf, was du siehst!

Ist es gefährlich, wenn die Vernunft schläft? Oder ist die Vernunft (raison, ratio) gefährlich, wenn sie sich selbst absolut setzt, und dann träumend Ungeheuerliches hervorbringt?

Ein Streit entbrannte unter den Interpreten, was mit dem Satz El sueño de la razón produce monstruos gemeint sei.

Im Zeitalter der Aufklärung, in dem das Werk entstand. wurde die erste Interpretation wie selbstverständlich akzeptiert, und sie ist bis heute die vorherrschende geblieben: Die Vernunft (raison) beschützt uns vor den fantastischen Ungeheuern.

Freilich: Die Zeit der Aufklärung endete im Terrorregime der französischen Revolution, in der Herrschaft der Guillotine, dieser rationalen Hinrichtungsmaschine, erfunden, um die Masse der zu Tötenden bewältigen zu können. Wir wissen inzwischen, dass der Erfindungsgeist in dieser Hinsicht noch einmal mit den Gaskammern übertroffen wurde. Adorno/Horkheimer beschrieben diese Doppelgesichtigkeit der Ratio als „Dialektik der Aufklärung“ (1944): „…so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie“,  in eine Mythologie, die im Positivismus des Faktischen kulminiert, welcher die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse als notwendige darstellt und „die den Einzelnen […] gegenüber den ökonomischen Mächten vollends annulliert“ (zitiert nach Wikipedia)

Zum Glück leben wir heute in einer aufgeklärten friedlichen Welt, in der die Ratio wacht und die Ungeheuer uns nichts anhaben können. Oder… vielleicht … könnte es sein, dass unsere so wunderbar aufgeklärte Menschheit gerade dabei ist, die ungeheuersten aller Verbrechen auszubrüten?

Ich sah auf meinem Regal die Eulen, die Goya noch plagten, lieb und schlafselig geborgen unter einem sanften Spinnennetz. Spinnen am Abend…. Die Eulenuhr tickt schon lange nicht mehr. Sie ist stehengeblieben.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Wenn die Vernunft schläft…

  1. Lopadistory schreibt:

    Ja, es wäre denkbar, dass an den ungeheuerlichsten aller Verbrechen gearbeitet wird …

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  2. Ja darüber denke ich auch so oft drüber nach liebe Gerda. Genau so. Ja. Kann ich bestätigen.. 💓

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  3. wildgans schreibt:

    Dass wir in einer aufgeklärten friedlichen Welt leben, wer sagt denn das?
    Ach, wäre es nur so!
    Gruß von Sonja

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  4. Alexander Carmele schreibt:

    Ich lese die „Dialektik der Aufklärung“ immer wieder, aus so vielen Richtungen. Das Bild wird diese Lektüre nun begleiten, und Eulen, die nach Athen wollen – je älter ich aber werde, desto mehr stört mich der etwas unbeteiligte, auch pädagogische Ton in Horkheimer/Adornos Memorandum … und ich schleiche zurück zu Hermann Broch und Benjamin und warte sehnsüchtig auf diese Lichtblitze, die ich einst bekam, als ich Odysseus am Mast gefesselt und Juliette im unglücklichen Bewusstsein zu verstehen versucht habe. Die Zeit frisst arg an den einstigen Idolen … aber vielleicht wird’s Zeit sie wieder zu lesen! Hab Dank für die Inspiration. Viele Grüße und Eulen der Minverva!

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    • gkazakou schreibt:

      Hab Dank, Alexander. Ich erinnere mich eigentlich nur an die wichtigsten Aussagen, habe den Text seit „damals“ nicht wieder gelesen. Wegen „Odysseus an den Mast gefesselt“ hilf mir bitte auf die Sprünge. Das Thema interessiert mich, habe es auch als Legebild-Geschichte mit ironischem Bezug zu unserer damals neuen linken Regierung gestaltet (https://gerdakazakou.com/2015/08/13/wachs-in-den-ohren/), aber mir fehlt jetzt dein Bezug.

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      • Alexander Carmele schreibt:

        Ich habe mich nur auf diese seltsame, chtonische Stelle in dem Text bezogen, bspw. der hier:

        „Er hält den Vertrag seiner Hörigkeit inne und zappelt noch am Mastbaum, um in die Arme der Verderberinnen zu stürzen. Aber er hat eine Lücke im Vertrag aufgespürt, durch die er bei der Erfüllung der Satzung dieser entschlüpft. Im urzeitlichen Vertrag ist nicht vorgesehen, ob der Vorbeifahrende gefesselt oder nicht gefesselt dem Lied lauscht. Fesselung gehört erst einer Stufe an, wo man den Gefangenen nicht sogleich mehr totschlägt. Odysseus erkennt die archaische Übermacht des Liedes an, indem er, technisch aufgeklärt, sich fesseln läßt. Er neigt sich dem Liede der Lust und vereitelt sie wie den Tod. Der gefesselt Hörende will zu den Sirenen wie irgendein anderer.“

        Ich denke über dieses Bild immer wieder nach, auch in Bezug auf Kafkas Fassung von den stummen Sirenen. Dennoch stört mich mittlerweile sehr, lese ich es wieder, der unbeteiligte Ton – wahrscheinlich stammt er mehr von Horkheimer, vielleicht stimmt auch momentan etwas mit meinen Ohren nicht 🙂 Herzliche Grüße in die Sonne!

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    • gkazakou schreibt:

      Ah, ja! Nun kommen die Worte wieder hoch, danke! Und Kafkas schweigende (?) Sirenen. Welch ein Text, der kann einen wirklich das Gruseln ehren.

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      • gkazakou schreibt:

        „lehren“ (nicht „ehren“) natürlich

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      • Alexander Carmele schreibt:

        Ja, „Das Schweigen der Sirenen“, du hast vollkommen recht, hab’s nur aus dem Gedächtnis assoziiert – tatsächlich ein mysteriöser Text, der mich seit Jahrzehnten umtreibt. Gruseln ist tatsächlich das richtige Wort. Kafka hat so seine Art, einen in die Leere einer seltsam anmutenden Verzweiflung zu ziehen.

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    • gkazakou schreibt:

      wobei der Mensch in seiner Grandiosität (und manchmal mit dürftigsten Hilfsmitteln) vermeint, das Weltall herausfordern zu können und, vielleicht, erwachend, feststellt, dass es dieses gar nicht gibt.

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      • Alexander Carmele schreibt:

        Ich freue mich stets auf deine Antworten, Kommentare, da sie meine Gehirnzellen erfrischen und zum Lachen aufreizen 😀 Mir reichen tollkühne über mir herumziehende Wolken vollkommen. Das Weltall ist mir einfach eine Nummer zu groß!

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    • gkazakou schreibt:

      übrigens noch: Das Fragezeichen hinter „schweigende“sollte kein Hinweis auf den korrekten Titel sein, sondern war auf den Inhalt bezogen. Denn wir wissen ja nicht, ob die Sirenen schwiegen. Einiges deutet darauf hin, dass sie sangen (ihre Halsbewegungen etc), aber die Wahrheit entzieht sich uns, solange wir uns gegen sie schützen. Und schützen wir uns nicht, vernichtet sie uns (?)

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  5. Zeigt nicht unsere Flucht in die „Literatur“ unsere Hilflosigkeit…?

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    • gkazakou schreibt:

      Für mich ist es keine Flucht, lieber Joachim, sondern eine Vorsichtsmaßnahme. Was anerkannte Köpfe zu früherer Zeit angesichts ähnlicher Umstände gesagt haben, kann keiner Zensur verfallen und keine persönlichen Angriffe provozieren, aber zum Nachdenken anregen. Da kann jeder nehmen, was ihm passend erscheint, und ich bleibe außen vor. Aus demselben Grunde ziehe ich hier im Blog Bildsymbole der klaren Meinungsäußerung vor.
      Im „realen Leben“ äußere ich mich anders.

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  6. Träume sind oft so erschreckend und Goyas Traum, bedeutet er nicht, daß sich der Künstler getrieben fühlt wie von Ungeheuern und keine Ruhe mehr finden kann, wenn er nicht zeichnend sitzt?
    Die Leiden schaft, die Ungeheuerliches schafft?

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