Dora zum FünfundzwanzigstenFünften: Gerümpel und Graffiti

„Was willst du mit diesem alten Gerümpel? Warum fotografierst du es?“ fragt mich Dora erstaunt. Wir befinden uns im Zentrum von Kalamata, um Rohrgeflecht als Sonnenschutz für die Dachterrasse zu kaufen.  Wind und Wetter haben das alte zerrissen und langsam abgetragen.  – „Och, ich mag so was!“, antworte ich ausweichend und fotografiere eine Hausfront, die von einem abenteuerlichen Gerüst umgeben ist. Die Renovierungsarbeiten wurden offenbar vor langer Zeit eingestellt, aber das Gerüst blieb stehen.

„Und was magst du daran?“, möchte Dora, jetzt schon neugieriger, wissen. Nun muss ich nachdenken. „Die irren Formen, glaub ich. Dies Zusammengestückte. Und die Materialien, aus denen die Häuser gemacht sind und die man normalerweise nicht sieht… Es ist, als ob man hinter die Fassaden schaut, die die Menschen aufbauen, um die Wahrheit zu vertuschen. Hier sieht man endlich mal durch“ – „Das ist doch Quatsch“, meint Dora streng. „Fassaden bauen sie, damit ihnen nicht jeder in die Suppe spucken kann.“ – „Hm, ja. Sicher. Ich versuche ja auch nur zu verstehen, was mir an diesem Gerümpel gefällt.“ – „Und? Weißt du es jetzt?“ – „So und so. Zum Ersten stimmt das, was ich eben sagte: Es ist so viel Wahrheit in diesen zerborstenen und halbwegs wiederhergestellten  Wänden. Man spürt die Vergänglichkeit, und wie sehr der Mensch bemüht ist, trotzdem ein bisschen Stabilität in sein Leben zu bringen.  Die alten Griechen sagten: Lebe so, als würdest du morgen sterben, und baue für die Ewigkeit.

„Hihi, Ewigkeit ist gut!“ schreit Dora. –

„Also da ist dies Gefühl der Brüchigkeit“, fahre ich fort, ohne auf ihren Einwurf einzugehen. „Und dass im Leben nur der erfüllte Moment zählt. So wie bei diesem Graffiti!“ und ich zeige auf ein Wandbild, das von Skitsofrenis stammt.

Daneben gibt es ein anderes Graffiti vom selben Künstler, das von der Graffiti-Konkurrenz durch Aufsprühen von Brille und Schnurrbart entstellt wurde. Es zeigt den Dichter Odysseas Elytis und eine Gedichtszeile: Λάμπει μέσα μου κείνο που αγνοώ. Μα ωστόσο λάμπει. “ Zu Deutsch etwa:  Es leuchtet in mir jenes, was ich nicht kenne. Und dennoch leuchtet es.  Ich habe es schon früher einmal gezeigt, da war es noch intakt:

Und wie so oft denke ich an Ransmayrs „Letzte Welt“: Nichts bleibt, wie es war. In meine Gedanken hinein höre ich Dora krähen: „Guck mal, da ist noch einer! Ganz verhüllt ist der! Nur Nase und Mund gucken raus, gruselig!“ Ob für ihn auch die Elytis-Zeile gilt: Es leuchtet in mir jenes, was ich nicht kenne. Und dennoch leuchtet es?

Währenddessen wandert mein Blick weiter über die Fassaden der Häuser und die Mühsal der Menschen. Darüber, gleißend in der Hitze, das fast grausame Blau des Himmels. O ja, ich mag diese Welt, auch wenn sie die letzte sein sollte.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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4 Antworten zu Dora zum FünfundzwanzigstenFünften: Gerümpel und Graffiti

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Dora stellt ziemlich gute Fragen, finde ich. Ich hätte ihr etwas anders geantwortet.

    Gefällt 1 Person

  2. Ulli schreibt:

    Ich mag deine Antworten. Und alles andere auch.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  3. Du liebst was Du siehst, liebe Gerda und wenn ich mir die so ganz besonderen Graffitis ansehe, verstehe ich Dich gut.

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