Dora zum NeunundzwanzigstenVierten: Wachstum

Dora steht im Blumentopf an der Hauswand, in dem eine Zwiebel wächst. Sie sieht ein bisschen unglücklich aus. „Was machst du denn da?“ frage ich. –  „Ich messe mich“, kommt ihre Antwort. „Ich glaube, ich schrumpfe jeden Tag ein bisschen.“

„Wie kommst du denn auf die Idee?“ staune ich. – „Ich habe mich jeden Tag hier in den Topf gestellt, und jeden Tag ragt die Zwiebel höher über meinen Kopf.“

„Aber klar!“ antworte ich lachend, „die Zwiebel wächst eben“. „Genau! und ich wachse nicht mit, sondern schrumpfe“, kommt prompt Doras Antwort.  „Aber du schrumpfst doch nicht!“ widerspreche ich, frage mich aber sogleich, ob an Doras Aussage nicht doch etwas Wahres ist. Das Jahr schrumpft ja vielleicht tatsächlich. Nicht mal zwei Drittel seiner ursprünglichen Länge sind noch da. Bin jedenfalls ich gewachsen?  Nein, auch nicht. Auch ich schrumpfe. Mein Lebensraum schrumpft, und ich habe ein bisschen meiner „endgültigen“ Größe, die ich mit 17 oder so erreicht hatte, verloren. Nur meine Füße wachsen, wie ich gestern feststellte, als ich mir neue Schuhe kaufte. Oder haben sich die Schuhgrößen verändert und meine Füße blieben sich gleich? Wie dem auch sei….

Zwiebel am 26.4. und am 29.4., zwei Fotos montiert

Ein Mensch wächst, bis er ausgewachsen ist. Eine Zwiebel auch. Der Mond auch. Es kommt ein Moment der erfüllten Form, und schon beginnt die Umkehrung. Das ist das Leben.

Und was passiert, wenn der Mensch ausgewachsen ist? Wächst er dann nicht mehr? Oder wächst er anders? Wächst er an Erfahrung, an Wissen, vielleicht auch an Weisheit? Die Chance dazu hat er jedenfalls.

Die Zeit aber, wenn man sie als Maß und Zahl versteht, wächst nicht. Sie kriecht von morgen zu morgen zu morgen, wie Shakespeare seinen König Macbeth klagen lässt:  „Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow, Creeps in this petty pace from day to day, To the last syllable of recorded time…“

Du aber, kleine Dora, bist ein Jetzt in der Ewigkeit. Und du bist so groß wie gerade dieses Jetzt.

Falls du etwas tiefer über Zeit nachdenken möchtest, so kann ich einen Beitrag empfehlen, den ich heute bei Blütensthaub fand: https://naturlesen.wordpress.com/2022/04/23/sieben-generationen-wie-weit-reicht-unser-einfluss/?wref=pil. Er endet mit der Beschreibung einer Szene an einem Strand von Sri Lanka. Wie groß kann ein Moment sein? Ich zitiere:

Eine junge Frau führte uns „Am Strand gehen“ vor…. Sie wies auf das enorme Alter jedes Sandkorns hin und erklärte, dass die Schichten des feuchten Sandes unter dem trockenen Sand voller kleiner Lebewesen seien, so dass man vorsichtig auftreten müsse, um sie nicht zu töten. Sie fragte ob die Haut das Strahlen der Sonne fühle und wie das Rauschen des Meeres und das Mövengeschrei im Ohr klinge. Ob zu spüren sei, wie der Wind durch die Nase in die Lungenflügel dringt. Sie zeigte, wie es aussehen kann, wenn eine Person so auf dem Sandstrand geht, dass sie ganz und gar präsent ist. Die Kinder ahmten ihr Vorbild hingebungsvoll nach, und sie erklärte uns, dass das einzige Ziel ganz einfach sei: Es gelte, den gegenwärtigen Moment durch das eigene Sein vollkommen aufzunehmen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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5 Antworten zu Dora zum NeunundzwanzigstenVierten: Wachstum

  1. lachmitmaren schreibt:

    Derzeit wachsen die Menschen besonders nach meinem Eindruck: Die Hilfsbereitschaft gegenüber völlig Fremden. Die Anteilnahme am Schicksal anderer. All das scheint mir noch einmal deutlich zugenommen zu haben. Das ist sozusagen die Saat, die es braucht, um einen echten Veränderungswillen entstehen zu lassen. Weg von einem Gegeneinander zum Nutzen Weniger. Hin zu einem wirklichen Miteinander zum Wohle Aller. Und ja, das ist möglich. Selbstverständlich. Aber offensichtlich müssen die Menschen dafür erstmal aus einer gewissen Lethargie gerissen werden. Zu lange haben wir es uns bequem gemacht in einem „Die „da oben“ werden schon wissen, was sie tun. Und ich kleines „Rädchen“ kann ohnehin nichts ändern am Lauf der Welt.“ Diese Art von Bequemlichkeit löst sich mehr und mehr auf. Bequemlichkeit. Denn selbstverständlich hängt alles, was in dieser Welt geschieht, von uns allen ab. Der Spruch „Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin.“ hat nichts von seiner Aktualität verloren. Nur, dass wir bisher aus irgendwelchen Gründen nie damit begonnen haben, uns das WIRKLICH vorzustellen!

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  2. Ein sehr nachdenkenswerter und zugleich anregender Beitrag. Hab ich mit Gewinn gelesen.

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  3. Wenn wir jeden Moment mit unserem ganzen Sein empfinden, dann bedeutet es also, daß wir mit all unseren Sinnen vom Leben kosten?

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