Dora zum DreißigstenVierten: Mai-Erwartung

Der Mai liegt in der Luft. Er offenbart sich im Duft von Rosen und blühenden Gräsern, im sausenden Flug der Schwalben, in einer innigen Freude am Sein, die selbst mich alte Nörglerin erfasst.

Gegen Mittag drehe ich eine Runde im Feld hinter dem Supermarkt. Nur ein Grasweg quert ihn. Es ist eine Naturoase im Nirgendwo, wie es sie hier überall gibt.  Im Hintergrund die typische Stadtrandbebauung: Büro-, Schul- und Wohngebäude, Zäune, zerbröckelndes Gemäuer und eine aufgegebene Plantage mit verwilderten verkrüppelten Zitronen- und Orangenbäumen. Auch mit Will.i drehte ich hier meine Runden, wenn mein Mann im Supermarkt einkaufen war  – das Foto ist vom Dezember 2021.

Jetzt stehen wilder Raps, Malven und Hafer übermannshoch und bilden einen Insektendschungel.  Wie zu Hause – denke ich.  Aber das stimmt nicht. „Zu Hause“, das heißt in meiner Kindheitsheimat an der Ostsee, waren die Felder abgegrenzt, da wuchs kein wilder Hafer zwischen den Häusern, die Rapsfelder dehnten sich in klar begrenzten geometrischen gelben Feldern über das hügelige Land bis hin zum Horizont, schwarz-weiße Kühe grasten hinter ordentlichen  Zäunen … Aber der Duft, der war doch derselbe wie jetzt, oder? Und die Bienen summten genauso…

„Warte mal!“ schreit Dora, die zurückgeblieben war. „Ich habe ein Geschenk für dich!“ Noch ein Geschenk? Sie wedelt mit etwas Rotem.

Als sie näher kommt, erkenne ich: es ist Mohn, der jetzt überall prächtig blüht….Mohn blühte auch an den Feldrainen zu Hause, sogar in den Weizenfeldern gab es rote Tupfer, denn so streng wie in den dann folgenden Jahren wurden er und seinesgleichen noch nicht als „Unkraut“ verfolgt und ausgerottet.

Hier darf der Mohn überall sein, denn hier ist alles nachlässiger und ein wenig Ruine, und das ist es, was der Mohn liebt. Der Zementweg, der im vorigen Jahr aus welchem Grund auch immer rund um eine Gruppe von Oliven gebaut und nie vollendet wurde, beginnt bereits, still an seinen Rändern zu bröckeln…., für Dora eine erwünschte Rollerbahn.

Was dem Mohn und Dora recht ist, soll mir billig sein.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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11 Antworten zu Dora zum DreißigstenVierten: Mai-Erwartung

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Herrlich in Kombination mit Dora!❤️🐞🍀

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  2. Der Osten damals war doch auch die Kornkammer, hat meine Großmutter immer erzählt.
    Meine Großmutter kam aus der Gegend Groß Kreutz (Havel). Meine Urgroßvater hat Pferde gezüchtet. Kennst Du die Gegend? Ich war leider noch niemals dort.

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    • gkazakou schreibt:

      Ich bin an der Ostseeküste von Holstein aufgewachsen, nördlich von Timmendorfer Strand. Vom Osten kenne ich wenig, nur fuhr ich als Kind öfter nach Mecklenburg zu meiner Oma und Tante und deren Kindern. Später war ich einmal auf Usedom, der Geburtsinsel meines Vaters.

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      • Ich habe gerade gegoogelt, die Ostsee Küste inklusive Flußmündungen ist sagenhafte 964 km lang! Am Timmemdorfer Strand habe ich mit Begeisterung Beachvolleyball gespielt. Da finden ja sogar Weltmeisterschaften statt. Schin als Kind habe ich im Meersburger Strandbad damals den ganzen Sommer durch Beachvolleyball gespielt. Die haben damals einen schönen Platz mit Sand gestaltet. Mensch Gerda, da bist Du in einer traumhaft schönen Gegend direkt am Wasser aufgewachsen. Im Wasser bist Du sicher in Deinem Element! Ich war auch eine Wasserratte!😁😉

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      • gkazakou schreibt:

        Danke, Babsi, diesen Kommi habe ich erst jetzt gesehen. Ja, meine Heimat war sehr schön! Mein Vater und Opa (beide erlebte ich nicht) stammten auch von der Ostsee, aber von weiter östlich (Usedom und Wollin). Mein Vater war Architekt und leitete in Heiligenhafen deen Bau der Kasernen und einer staatlichen Wohnsiedlung, in die die Eltern dann auch einzogen. Wir drei Kinder wurden dort geboren. Dann kam der Krieg, und unsere Mutter blieb mit uns dort wohnen. So blieb uns die Flucht bzw die DDR erspart, denn der Vater wollte eigentlich nach Stolpe (Peenemünde) versetzt werden.

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  3. Kornblumen und Mohnblumen gibt’s bei uns noch zu sehen. Bei uns wird viel nach Demeter angebaut. Die blauen Kornblumen sind die Lieblinhsblumen meiner Mutti. Sie erinnern sie an ihre Kindheit. Sie ist ja in Berlin geboren und in der Mark Brandenburg aufgewachsen. Die Ostsee Gebiete sind auch eine so wunderschön Gegend. Ich habe mal 2 Wochen in Timmendorf Urlaub gemacht, daß war ein wunderschöner Urlaub mit einem fantastischen Klima! Hast Du Dora schon von Deiner Kindheit erzählt?

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  4. Ganz bescheiden, die Mohnblüten am Wegrand… Hier habe ich im Feld auch endlich schon welche gesehen, Gerda. Ihr seid ja schon weiter in der Jahreszeit 🙂

    Ein Zementweg, der still an seinen Rändern zu bröckeln beginnt 🙂
    Das klingt so wunderschön!

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