Ljuba und Andriy: ein ukrainisches Märchen (abc-etüde)

Dieses Märchen fiel mir heute morgen beim Aufwachen ein.  Es ist mein vierter Beitrag zu Christianes abc-Etüden.

Interpretationshilfe: Ljuba = Donbas, Andriy = West-Ukraine

abc.etüden 2022 10+11 | 365tageasatzaday

Ljuba war ein nettes kleines Mädchen, das gern auf den blühenden Wiesen ihrer Heimat spielte. Es war genügsam und fleißig. Als ihr Vater starb, wurde sie mit Andriy, einem entfernten Vetter, verheiratet. Man führte sie an einen Altar und ließ sie schwören „Bis dass der Tod uns scheidet“.

Für Ljuba begann eine harte Zeit. Andriy schlug sie bei jeder Gelegenheit, demütigte und vernachlässigte sie. Sie musste in der Fabrik arbeiten und ihren Lohn bei Andriy abliefern. Für sie selbst blieb nur das Kraut im Garten und ab und zu ein Ei von der Henne.

Den Andriy, der ein rauer ungehobelter Geselle war, verlangte es nach Höherem. Er suchte die Gesellschaft der Herren, die mit Frack und Zylinder in feinen Kaleschen vor den städtischen Clubs vorfuhren. Andriy schmiss sich an sie ran und erbot sich zu allerlei Dienstleistungen. Doch es nagte ihm eine Wut an der Leber, denn er fühlte, dass sie ihn für einen Lakaien und nicht für Ihresgleichen hielten. Kam er betrunken nach Haus, beschimpfte er Ljuba und zwang sie, die Beine breit zu machen, damit er sich Entlastung verschaffte.

Ljuba litt. Sie wollte heim zu ihrer Mutter. „Ehe ich dich gehen lasse, schlage ich dich tot!“ schrie Andriy. „Aber warum? Du liebst mich nicht, hast mich nie geliebt. Lass mich gehen!“ flehte Ljuba. Doch nichts half. Sie war sein Besitz, basta. Er konnte mit ihr tun, was er wollte.

Da schrieb sie an ihre Verwandten: „Kommt, holt mich hier raus!“ Und sie kamen und forderten, Ljuba freizugeben. Doch Andriy holte seine neuen Freunde aus den Clubs. Die stellten sich breitbeinig hin und drohten: „Wenn ihr Ljuba mitnehmt, bekommt ihr es mit uns zu tun. Ljuba gehört dem Andriy. Bis dass der Tod sie scheidet“. Und  ihr Mund unter ihren Zylindern verzog sich zu einem feinen bösen Lächeln.

298 Wörter

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Ljuba und Andriy: ein ukrainisches Märchen (abc-etüde)

  1. Christiane schreibt:

    Auch ohne die politischen Zuweisungen hätte mir der Inhalt der Etüde unmöglich gefallen können, liebe Gerda. Bin ich ein Idealist, weil ich mir wünsche, dass der Mensch nicht des Menschen Wolf ist? Wahrscheinlich.
    Bittere Mittagskaffeegrüße 😏🌞☕🍪🌼👍

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Cristiane, als ich heute aufwachte, dachte ich: wäre die Ostukraine eine Frau, die in einer Zwangsehe mit einem brutalen Mann, der sie misshandelt, leidet – würden nicht alle mitfühlenden Herzen rufen: gebt sie frei? Nun aber sind sie unter ein internationales Gesetz geworfen, das sie an einen ungeliebten Partner bindet, „bis dass der Tod sie scheidet“. Und so erzählte ich diese Geschichte.

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    • gkazakou schreibt:

      Sie sind relevant, selbst wenn sie das Gechehen nicht beeinflussen. Es ist wichtig, dass es sie gibt.

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    So etwas gibt es haufenweise, überall in der Welt. Was hilft? Beten vielleicht?
    Dein Kunstwerk hat natürlich Aussagekraft.

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, überall in der Welt gibt es Zwangsehen zwischen Völkern, Auch wenn die Minderheit von der Mehrheit übel misshandelt wird, gibt es keine Gnade: sie müssen zusammen bleiben. Es gibt natürlich etliche Ausnahmen; zB das Kosovo, der Sudsudan oder der türlkisch besiedelte Teil Zyperns oder Taiwan, das sich von China trennen will….

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  3. Werner Kastens schreibt:

    Ich fühle mich bei Deinem Text erneut unwohl, liebe Gerda, weil es sich mir aufdrängt „der böse Russe“. Aber es sind doch die Führer, die all das in Szene setzen, nicht die Menschen. Die wollen sich doch gar nicht an den Hals!

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    • gkazakou schreibt:

      Lieber Werner, wieso „böser Russe“? Die Menschen wolllen sich nicht an den Hals, sagst du. Da stimme ich dir zu. Aber es gibt Ausnahmen, leider und das sind die ukrainisch-nationalistischen Politiker und die Nazi-Kampfverbände, die in die Ukrainische Armee integriert wurden Es sind Freiwilligenverbände, seit Jahren gefördert und finanziert von CIA und Co. Sie kontrollieren auch die Armee selbst, die „unzuverlässig“ ist, da viele ukrainische Soldaten russisch sind.
      Die russischen Bewohner in Ostukraine (also fast alle) werden seit Jahren schwer diskriminiert, ihre Dörfer werden von diesen Verbänden beschossen, sehr viele Menschen, vor allem Frauen und Kinder, wurden getötet (ZDF: „In dem seit 2014 andauernden Konflikt um die abtrünnigen Gebiete Luhansk und Donezk starben nach UN-Schätzungen bisher mehr als 14.000 Menschen“), Leider hat die Kiewer Regierung es zugelassen oder auch gefördert, dass Nazi-Verbände die russische Bevölkerung der Ostukraine seit Jahren terrorisieren. Kiew hat ihnen den Gebrauch ihrer Sprache verboten, hat sie ohne Rente krepieren lassen…, Sehr viele Zivilisten sind vor den nach Russland oder auf die Krim geflohen… und die Welt schaute weg.

      Ich habe diesen Menschen einen Namen gegeben: Ljuba, was ein russischer weiblicher Vorname ist. Der Vetter Andriy ist eine Personifikation der Westukraine.

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      • Werner Kastens schreibt:

        Liebe Gerda, danke für Deine Ausführungen

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      • Werner Kastens schreibt:

        Ich habe davon jetzt zum ersten Male von Dir gehört. Unsere Presse erwähnt diese Verwerfungen in keinster Weise und die Darstellung beschränkt sich auf gute Ukrainer und böser Putin. Von Nazi-Verbaenden spricht nach hiesiger Lesart nur Putin, wobei ihm das als vorgeschobenes Argument für den Einmarsch unterstellt wird.
        Und wenn der CIA dort insgeheim mitspielt, dann ändert sich für mich das Bild völlig und viele Tote gehen dann auf deren Konto und ich könnte mich geradewegs übergeben.

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    • gkazakou schreibt:

      Lieber Werner. üer den Rechten Sektor und Formationen wie das Asov-Regiment hat sogar der Spiegel schon mal berichtet. Aber man hat das nicht als ernste Gefahr für das Land angesehen. In keinem Land der Welt ist es erlaubt, Nazi-Symbole offen zur Schau zu stellen, in der Ukraine aber werden Nazi-Kollaborateure hoch geehrt. Der Einfluss des CIA ist ein (naheliegende) Vermutung, beweisen könnten es wohl nur andere Geheimdienste.
      Ich habe schon mal vom Asov-Regiment berichtet (https://gerdakazakou.com/2022/03/07/die-griechen-von-mariupol-ukraine/), denn in Mariupol terrorisieren sie die Bevölkerung und lassen es nicht zu, dass Zivilisten sich in Sicherheit bringen.
      Hier ein Video über das Asov-Regiment auf englisch. https://youtu.be/GoqZ8gPKKis

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  4. Peter Klopp schreibt:

    Welch ein schreckliches Ende! Gewiss hast du noch eine Fortsetzung auf Lager. Die arme Frau darf doch ihre Hoffnung nicht verlieren. Steht so mit der Ukraine?!

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  5. alicemakeachoice schreibt:

    Oh, das ist grausam. Da hoffe ich aber sehr auf eine Fortsetzung mit gutem Ende.
    Liebe Grüße
    Alice

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.22 | Wortspende von Ich lache mich gesund | Irgendwas ist immer

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