Horizonte. Spruchweisheiten zu Myriades Impulswerkstatt Bild No 3

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2021/09/03/einladung-zur-impulswerkstatt-september-oktober-2021/

Sitzt du im Riesenrad und saust durch die hoch aufragenden Baumgipfel und knapp an den Lampen vorbei? Oder schaust du vom sicheren Boden aus hinauf, leicht schwindelig nur, weil die Lampen schief stehen, vielleicht auch besorgt, weil ein Zusammenstoß zwischen den Lampen und dem gewaltigen Rad nur eine Frage der Zeit zu sein scheint?

2015, als unser damaliger Ministerpräsident Alexis Tsipras urbi et orbi verkündete, er werde die Finanzmärkte an seinem Finger herumschleuern und tanzen lassen, da fühlte er sich wohl als gewaltiger Dompteur oder … als Achse des Riesenrades vom Prater.

Nun sind die Griechen freilich eine Seefahrernation, und für solche Situationen haben sie einen besonderen Spruch bereit:  «Ή στραβός είναι ο γιαλός ή στραβά αρμενίζουμε»  –  „Entweder der Horizont ist schief  oder wir segeln schief“. Und so fiel mir damals angesichts des grenzenlosen Illusionismus „der ersten Regierung der Linken“ dieses Bild ein:

Auch heute treibt viele die Frage um, ob der Horizont schief ist oder ob vielleicht etwas an unserem Kurs nicht stimmt? Der Horizont, sagen die einen, sei das Virus.  Es sei das Unverrückbare, das Reale, das Wirkliche, das, was sich nicht um Definitionen schere. Das Virus, das killt. An ihm müsse man seine Fahrt ausrichten, alles andere sei gefährlicher Illusionismus.

Ist das wirklich so? fragen andere.  Wird der nie erreichbare Horizont nicht eher durch die unersättliche Gier und Gewinnerwartung der Großmächtigen gesetzt, während wir Kleinen uns in einem künstlichen Sturm abstrampeln, hin und hergeworfen zwischen Wellenbergen – da kommt schon der vierte, noch größere, schreit man uns zu, und wir klammern uns ängstlich an den Mast unserer immer schwächer werdenden Hoffnung, dass nach dieser vierten keine fünfte Welle mehr komme.

Wieder andere sagen: Nur einen unverrückbaren Horizont gibt es, und der wird durch  unsere Erde selbst vorgegeben. An ihm müssen wir unsere Fahrt ausrichten. Nicht das Virus, nicht die Gewinnerwartungen des Kapitals, sondern allein Allmutter Natur muss uns als Orientierung dienen. Mit ihr im Einklang zu segeln, ist die einzig vernünftige Wahl. Studiere  ihre Strömungen, Gezeiten, ihr geheimes Leben. Studiere den Stand der Gestirne, die Küsten des Lichts. Sie gibt dir Holz und Hanf für dein Boot, sie gibt dir Wasser und Brot und Gesundheit.  Höre auf sie, folge ihren Anweisungen.

Wenn du dich ihr anvertraust, wirst du, vielleicht schreckensbleich von überstandenen Stürmen,  deinen Hafen einst sicher erreichen.

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Anderen wieder ist auch das dummes Zeug. Dein Innerer Kompass allein, sagen sie, bestimme deinen Kurs. Achte auch auf die himmlischen Zeichen. Der große Horizont ist seit Ewigkeiten gesetzt. Er ist nicht von dieser Welt, denn die ist vergänglich. Du sei bestrebt, im Einklang zu leben mit den geistigen Mächten, die alles Sein durchwesen, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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33 Antworten zu Horizonte. Spruchweisheiten zu Myriades Impulswerkstatt Bild No 3

  1. Karin schreibt:

    Liebe Gerda, die Hybris der Menschen geht mit dem, was die Erde ihr bietet und bieten möchte, so verschwenderisch, zerstörend um, dass inzwischen nicht nur die Welt bezüglich des Virus ins stürmische Fahrwasser gerät – nein das Wasser, unser aller Existenzgrundlage, aus dem wir einst hervorgegangen sind, verschmutzen wir, bringen es zum Versiegen, stören den Kreislauf , wir werden irgendwann auf dem Trockenen sitzen und dann ist unser Boot nur Sandstürmen ausgesetzt. Wir in unserem Alter haben noch sichere Häfen um uns, wir können uns den Gezeiten überlassen, aber die Nachfolgenerationen, um die ist mir angst. Wenn ich meinen kleinen entzückenden Enkel sehe, mit welcher Zuversicht und mit welchem Selbstverständnis er seine Welt erobert, wie er dem Leben , der Natur vertraut, dann ahne ich, was er uns eines Tages fragen wird.
    Wir haben einst unsere Eltern gefragt, wie konntet ihr den 2. Weltkrieg , Hiroshima, all die Kriege zulassen und wir werden uns fragen lassen müssen, ihr seit doch sehenden Auges in die Umweltkatastrophe heineingegangen – uns wird schwindlig werden, weil wir keine Antworten haben.

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  2. Verwandlerin schreibt:

    Mal wieder Stoff zum Nachdenken von dir. Danke dafür!

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  3. finbarsgift schreibt:

    Wundervolle philosophische Gedanken mit feinen Legebildern unterlegt.
    DAS KANN NUR GERDA.
    Tollllll 🌻🌻💐💐🌻🌻
    Hab einen schönen Tag und Wochenende,
    herzliche Grüße vom Lu

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  4. Leela schreibt:

    Tolle Legebilder und das große Spektrum der Wahrnehmung der gegenwärtigen Situation durch die Augen der unterschiedlichsten Betrachter. Selbst sehe ich die unersättliche Gier der Großmächtigen und ihre Bereitschaft hierfür alle Menschenrechte über Bord zu werfen und wünsche mir stattdessen, dass uns Allmutter Natur endlich als Orientierung dient. Gleichzeitig ist da aber die Befürchtung, dass auch die Gier der Mächtigen in den Sternen steht und ihren Lauf weiter nehmen wird bis das Schiff gegen die Felsen knallt. Ein Ende der Ewigkeit wird dies nicht sein, die Sterne werden sich weiter drehen… wir werden sehen… vielleicht haben ja jene Recht, die jetzt schon das Paradies auf Erden sehen… mir fehlt dazu die Phantasie… Ich sehe Schwarz/Weiß und gehe jetzt die Zwischentöne suchen…

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  5. kopfundgestalt schreibt:

    An irgendwas glauben muss man. Gerda.
    Da führt kein Weg vorbei.
    Man kann natürlich wählen, was man glaubt. Und Dinge fleissig zusammensuchen, die diesen Glauben unterstützen, was immer das jeweils sei.

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    • gkazakou schreibt:

      So, meinst du? Den umgekehrten Weg nennen wir den wissenschaftlichen. Ein „Glaubensatz“ (Hypothese) fordert dazu heraus, ihn durch Fakten zu widerlegen. Die „Fakten“ bedürfen ihrerseits der Überprüfung…. Und dies immer so fort. Nicht um Bestätigung, sondern um Falsifizierung geht es dabei.

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  6. kopfundgestalt schreibt:

    Der wissenschaftliche Weg, ja, der wäre hier ein guter, Gerda 🙂

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  7. Myriade schreibt:

    Ja, die Meinung, die man zu einem Thema vertritt, hängt natürlich von der eigenen Lebenssituation ab und vor allem von den eigenen Prämissen.Es macht einen Unterschied, ob jemand die Welt vom Standpunkt des eigenen Reichtums oder der eigenen Armut aus betrachtet, es macht einen Unterschied, ob man gebildet oder ungebildet, vernünftig oder emotional, religiös oder nicht ist, fanatisch oder gelassen etc etc
    Was nun die Ansichten angeht, die du schilderst, so hast du dich auf extreme Standpunkte beschränkt und gemäßigte Meinungen und die Sicht der Wissenschaft weggelassen. Ich finde das Bild sehr unausgewogen.
    Was mir allerdings sehr gut gefällt, sind deine Legebilder. Vielleicht sehe ich darin ganz anderes als du, wahrscheinlich sogar, aber das ist ja nur ein Beweis für die vielseitige Interpretierbarkeit deiner Kunst.
    Vielen Dank für den Beitrag, der mich inhaltlich nicht anspricht, optisch aber sehr !

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  8. Deine Legebilder sind ganz wundervoll, liebe Gerda!

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