14.3.2021 Will.ie will WAS werden? Unterhaltung über die Zukunft der Erde.

Die Zeit verfliegt, Will.ie ist schon 73 Tage dito ca 21 Jahre alt und volljährig. Verständlich, dass ich anfange, mir Sorgen zu machen, was aus ihr werden soll. Über ihren Berufswunsch hat sie ja schon allerlei halbreife Gedanken geäußert, angefangen beim „schnellen Geld“ durch Beteiligung an einem Casino der Rothäute, dann Kriegsberichterstatterin, Tierärztin und ich weiß nicht was noch. Ja, auch Katzenpflegerin war dabei, aber das war wohl eher auf Max΄ Mist gewachsen.

Was also soll aus ihr und damit aus diesem Jahr werden? Welche besonders wichtigen Aufgaben müssen angepackt werden? Und wie ich so grübele, fällt mir eine Blognotiz ein: die Vorsitzende der deutschen Grünen namens Baerbock (nennt man die männlichen Bären tatsächlich Bock?) sei letztes Jahr ins Forum der Young World Leader aufgenommen worden. „Junge Weltführer“, die sich vorgenommen haben, „diese Welt zu einem besseren Ort zu machen“ – das klingt gut und bedeutend. Vielleicht wäre dieses Forum etwas für meine Will.ie? Sie ist ja irgendwie zuständig für die ganze Welt, hat schon drei Hautfarben und zwei Geschlechter inkarniert, war in Afrika, Asien und Amerika, in Europa sowieso…

Neugierig geworden, schaue ich nach, wer denn da alles so dazu gehört und was man machen muss, um aufgenommen zu werden. Aha, unter 40 muss man sein – gut, das ist sie. Und sonst? Mann oder Frau, weiß, schwarz, gelb, rot – egal.  Jeder ist willkommen. Aber es sind doch jährlich nur so um die 115 – also muss doch jemand die Auswahl aus den vielleicht 2 Milliarden Menschen dieser Altersgruppe treffen, oder? Hat Will.ie da überhaupt eine Chance? Was braucht sie, um in diese illustre Gruppe reinzukommen?

Dass die Young World Leaders vom Weltwirtschaftsforum des Herrn Schwab ausgesucht werden, macht mich ein wenig stutzig. Sicher kommen da nur Leute rein, die sich bereits „bewährt“ haben, und nicht irgendsoein Springinsfeld wie meine Will.ie. Was haben die Menschen, die da aufgenommen wurden, wohl schon geleistet?  Kann das evtl auch meine Will.ie schaffen?

Ich schau mir, um etwas klarer zu sehen, als erstes die Vision dieses Forums an: „The Forum of Young Global Leaders accelerates the impact of a diverse community of responsible leaders across borders and sectors to shape a more inclusive and sustainable future.“ (In google-Übersetzung „Das Forum junger globaler Führungskräfte beschleunigt die Auswirkungen einer vielfältigen Gemeinschaft verantwortungsbewusster Führungskräfte über Grenzen und Sektoren hinweg, um eine integrativere und nachhaltigere Zukunft zu gestalten“.)

Und ihre Prinzipien? Generosity, Authenticity, Respect, Impact. – Letztere wird definiert als „We operate as a force for good and stand for something larger than ourselves. We imagine a better world and take personal responsibility to act. We capitalize on diverse talents and networks to achieve more together than we could alone. We overcome barriers that elsewhere stand in the way of progress.“

Das klingt doch großartig! „Großzügig, respektvoll, authentisch, einschlägig“ – Menschen, die sich nicht nur um sich selbst kümmern, Menschen, die Verantwortung übernehmen und vernetzt handeln, damit die Welt ein besserer Ort wird. Begeistert blättere ich weiter, schaue mir an, wer da aufgenommen wurde: Was sind das für Leute? Und staune! Mich strahlen schöne selbstbewusste Gesichter an, gebildete, kluge, international versierte, erfolgreiche junge Menschen. Finanzleute natürlich, aber auch Künstler, Politiker, Erfinder und „Gründer“ jeder Art und Sorte, aus allen Kontinenten. Ja, schau selbst hier. Mir kommt die Zeile aus Shakespeares „Sturm“ in den Sinn: „O, schöne neue Welt, wo solche Menschen sind!“, aber ich verdränge den Gedanken schnell, dass es sich am Ende um eine Illusion* handen könnte. Will ich denn nicht auch an das Gute im Menschen und an eine glückliche Zukunft unserer Mutter Erde glauben? Ach wie großartig wäre es, wenn Will.ie es schaffen würde, dort aufgenommen zu werden!

Beim Spazierengehen durch die Felder erzähle ich Will.ie von meinen Hoffnungen und Recherchen. „Wäre das nicht fein?“ frage ich sie begeistert. „Was, meinst du, willst du bis zu deinem 40. Jahr tun, damit du Mitglied dieser erlauchten Gruppe wirst?“

Will.ie aber lässt die Augen über das weite Land schweifen, hinüber zum Berg, hinunter zum Meer, und sagt: „Ich werde Bäuerin…

… oder auch Bauer. Ist mir egal. Gestern hab ich mich richtig wohl gefühlt, mit den Tieren, der Erde, den Bäumen, der Zusammenarbeit der Frauen, dem gemeinsamen Singen, dem Spiel der Kinder. All diese bedeutenden Führungsfiguren, von denen du da redest, kommen und gehen. Sie sind wie Luftgespinste. Am Ende ist doch nur das wichtig, was schon am Anfang wichtig war und immer wichtig bleibt: die Erde zu bestellen und mit ihren Kreaturen in Einklang zu leben. Das also werde ich tun.“

(Die Bilder gehören zu meinem Eintrag vom September 2015: „Am Beginn“)

Da stehe ich nun mit meiner Recherche und bin sprachlos. Was soll ich ihr nur sagen? Dass sie Recht hat? Oder dass der Traum von einer Rückkehr zu einem vorgesellschaftlichen Naturzustand ohne Herrschaftsstrukturen, in dem die Menschen glücklich ohne Zwietracht oder Animositäten im Einklang mit sich und der Natur leben, auch nur eine Illusion ist?**


*Alles, was auf der Bühne geschieht, ist nichts als Illusion, sagt Prospero in Shakespeares Drama „Tempest“: „Our revels now are ended. These our actors, / As I fortold you, were all spirits, and / Are melted into air, into thin air, / And, like the baseless fabric of this vision, / The cloud-capped towers, the gorgeous palaces, / The solemn temples, the great globe itself, / Yea, all which it inherit, shall dissolve; / And, like this insubstantial pageant faded, / Leave not a rack behind. We are such stuff / As dreams are made on, and our little life / Is rounded with a sleep.“ – Auf Deutsch etwa: „Das Fest ist nun aus.  Unsere Schauspieler waren, wie angekündigt, nichts als Geister und zerflossen in Luft, in dünne Luft. Genauso wie das haltlose Gespinst dieser Vision werden sich die Wolkenkratzer, die prächtigen Paläste, die ehrwürdigen Tempel und der große Erdball selbst mit allem Ererbten und Überkommenen auflösen. Kein Fetzen bleibt zurück. Wir sind aus einem Stoff, aus dem die Träume sind, und unser kleines Leben ist von Schlaf umfangen.“ (eigene Übertragung)

**Bei der Landung auf der Insel bricht einer der Schiffbrüchigen aus in „eine überschwängliche Lobpreisung der Utopie eines gewaltfreien Gemeinwesens durch die Rückkehr zu einem vorgesellschaftlichen Naturzustand ohne Herrschaftsstrukturen, in dem die Menschen glücklich ohne Zwietracht oder Animositäten im Einklang mit sich und der Natur leben.“ (Wiki, Shakespeare, Sturm). Diese Utopie war zu Shakespeares Zeiten von Montaigne formuliert worden und wurde dann später von Rousseau aufgegriffen.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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11 Antworten zu 14.3.2021 Will.ie will WAS werden? Unterhaltung über die Zukunft der Erde.

  1. Werner Kastens schreibt:

    Ich bin überzeugt: Ziele brauchen Führung, bloß wer hält die auf Position?

    Gefällt 1 Person

  2. gkazakou schreibt:

    Wen, Werner, willlst du auf Position halten? die Ziele oder die Führung?

    Gefällt 1 Person

  3. Leela schreibt:

    eine schöne Geschichte. Die Bilder gefallen mir auch sehr gut. Sind sie aus Papierschnitzeln hergestellt?

    Gefällt 1 Person

  4. lachmitmaren schreibt:

    Es ist schon interessant, wer alles an diesem mehrjährigen Young Global Leadership Program schon teilgenommen hat. Dass Baerbock (und wohl auch Ska Keller) dazu gehören, wusste ich bis vor Kurzem nicht (Melina machte mich aufmerksam). Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum ich im Bund so wenig von dem wahrnehme, was ich unter echter Oppositionspolitik verstehe. Und warum die Partei der Grünen von einer Umweltschutzpartei zu einer Partei mutiert zu sein scheint, die in meinen Augen in großen Teilen mit dem Label „Klimaschutz“ versehene Wirtschaftspolitik betreibt (die nicht unbedingt dem Klima – und selten der Umwelt dient) und oft mehr Wert auf die hübsche Verpackung, als auf den Inhalt zu legen scheint. Aber ich hänge natürlich gewissermaßen auch dieser „vorgesellschaftlichen Naturzustandsutopie“ an, und bin deshalb sicher etwas sehr streng. … .

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    • gkazakou schreibt:

      Tja, da stehen wir nun mit unserem Einmaleins, liebe Maren. Ich denke, ich habe das Panorama angedeutet, das Shakespeare bereits in seinem Drama „Sturm“ ausspannte, um es dann in Luft aufgehen zu lassen. Illusion das eine wie das andere. Aber nun leben wir ja auf dieser Bühne, müssen handeln, Was kann unsere Richtlinie sein – wenn nicht das eigene Herz?

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  5. Führungsfiguren sind wie Luftgespinste. Das denke ich auch, liebe Gerda.
    Deine will.ie hatte eine wundervolle Idee! Sie möchte Bäuerin werden, mit Natur und Menschen gleichzeitig arbeiten! Weit ist sie mit ihren Gedanken, dank Dir.
    Könntest Du nicht das reale Jahr betreuen? *schmunzel*.

    Gefällt 2 Personen

  6. Johanna schreibt:

    Deine Will.ie entwickelt sich prächtig 😊

    Gefällt 1 Person

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