26.1.2021 Will.i und die vier Dimensionen der Wirklichkeit

„Was machst du da?“ fragt mich Will.i, als ich vor einem Bau stehenbleibe, hinter dessen Schaufenstern nichts zu sehen ist. Offenbar ist der vorige Mieter ausgezogen und ein neuer, der hier sein Geschäft eröffnen möchte, hat sich noch nicht gefunden. „Da gibt es nichts zu sehen“. –  „Doch“, sage ich, „eine Spiegelung. Schau mal!“

„Und was willst du mit der Spiegelung? Wenn du dich umdrehst, siehst du das richtige Haus und zwar viel besser.“ – „Ja, freilich“, sage ich. „Da sehe ich dasselbe Haus im Raum, das sich hier auf der Fläche spiegelt.  Man könnte hingehen, vielleicht auch drumrumgehen, denkst du. Ich denke das auch. Und warum? Weil ich es weiß. Mit meinem Auge sehe ich es eigentlich nicht. Denn mein Auge funktioniert ein wenig so wie der Spiegel hier, nur ist das Haus im Auge viel kleiner und steht auf dem Kopf.  Im Hirn dreht sich das Bild, das sich in meinem Auge spiegelt,  automatisch um,  weil ich weiß, dass es andersherum gehört.  Und weil ich zwei Augen habe, sehe ich zwei Bilder aus verschiedenem Winkel. Die kombinieren sich in meinem Hirn und so entsteht eine dritte Dimension, der Raum. Auf dem Foto verliert das Haus seine dritte Dimension, da gibt es dann nur zwei Dimensionen: oben-unten und rechts-links. “

Will.i sieht mich zweifelnd an, und ich merke, wie schwer es ist zu erklären, wie das Sehen funktioniert. Weiß ich es denn selbst? Ich versuche es dennoch erneut: „Auf einer Spiegelfläche hast du nur zwei Dimensionen: links-rechts und oben-unten. Fahr mal mit der Hand über die Scheibe. Kannst du um das Haus herum? Nein, es gibt keinen Raum. Aber du glaubst trotzdem, dass es einen Raum gibt. Du siehst es halt so, weil du es weißt. Du kennst den Raum, weil du in ihm herumspazierst. Ich kenne ihn auch, weil ich einen Körper habe.“

„Ich habe aber keinen Körper, oder?“ – „Ja und nein, kleiner Will.i. Bei dir ist es noch mal ein wenig anders, denn du gehörst hauptsächlich zur vierten Dimension.“

„?“ „Ja, du bist Zeit, mein kleiner Will.i. Du wächst anders als wir Menschen. Du veränderst dich anders. Und du veränderst die Dinge dieser Welt auf eine Weise, die wir nicht gut verstehen. Ich hoffe, durch dich zu lernen, wie sich die Dinge ändern, wenn man die vierte Dimension dazu nimmt.“

Ich fürchte, ich hätte dem Will.i besser von Zwergen und Riesen erzählt, da hätte er mehr verstanden. Aber als ich das Foto von dem „richtigen“ Haus mithilfe eines 3-D-Programms auf einen Kasten projiziere, so dass es aussieht, als sei es nun ein Bild im TV – da wird er sehr nachdenklich.

Es arbeitet in ihm. „Die Häuser und Menschen und Autos im Fernseher sind also nicht wirklich?“ „Doch, doch, als Bilder sind sie schon wirklich, aber eben nur als Bilder. Die wirkliche Wirklichkeit kannst du so nicht erleben. Die wirkliche Wirklichkeit erfährst du anders.  Ihr begegnest du am besten im Tun, mein Will.i.. Komm, wir überqueren die Straße und kaufen in der Bäckerei ein Brot. Aber pass auf! Die Autos kommen aus beiden Richtungen angerast, also schau erst nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links, nach rechts, nach links und auf gehts! “

ps. Ich habe eben gegoogelt, um zu erfahren, wie denn Kindern in Will.is Alter das Sehen erklärt wird. Offenbar ist es in der 3. Klasse Lehrstoff. Ich fand diverse Arbeitsblätter dazu, zB dies: https://www.sachunterricht-grundschule.de/Das-Auge-Arbeitsblatt.htm#.

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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21 Antworten zu 26.1.2021 Will.i und die vier Dimensionen der Wirklichkeit

  1. lachmitmaren schreibt:

    Also, ich fand deinen Unterricht deutlich gelungener als dieses Arbeitsblatt … ;-). Der Aufbau des Auges scheint mir nicht viel über das Sehen zu vermitteln. Genau so wenig, wie das Wissen um den Aufbau des Körpers allein etwas über das Leben vermitteln kann (oder allein das Wissen um den Aufbau eines Virus etwas über Gesundheit oder Krankheit aussagen kann… .).

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Maren. So sehe ich es auch. Mein „Unterricht“ ist natürlich ebenfalls fragwürdig, denn ich würde einem ca 8jährigen Kind wohl kaum versuchen, die gerade gefundene Sicherheit in der Weltwahrnehmung wieder zu untergraben. Leider tun das die elektronischen Medien in einer Weise, gegen die keine Erziehung ausreichend gegensteuern kann. ,

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      • lachmitmaren schreibt:

        Du gehst mit dem „Kind“ raus, lässt es Dinge selbst entdecken und schaust, was es von selbst für Fragen stellt. Scheint mir irgendwie gelungener als Auswendiglernerei, ohne den Nutzen erkennen zu können … .

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Für eine 3. Schulklasse finde ich den Lehrstoff aber viel zu schwierig. Wollen wir Erwachsenen es eigentlich so genau wissen? Und wenn wir es wissen wollen, kommen wir dann in allem zu genau dem gleichen Ergebnis?

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    • gkazakou schreibt:

      Stimmt, Gisela. Ich war überrascht und auch entsetzt, als ich diese Aufbereitung zum Thema „Sehen“ im internet fand. Es war nicht die einzige, alle waren so. Mehr oder weniger detailliert stellen sie den anatomischen Aufbau des Auges dar, als ob das für ein 8jähriges Kind in irgendeiner weise relevant wäre, wenn es etwas übers Sehen erfahren soll. Die Kinder werden tatsächlich mit in ihrem Alter vollkommen nutzlosem Wissen vollgestopft, fürchte ich.

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  3. Jules van der Ley schreibt:

    In NRW ist Perspektive Im Kunstunterricht der 9. Klasse vorgesehen. Versuchsweise haben wir das Thema in der 7. versucht zu unterrichten, mit wenig Erfolg. Vor der 9. ist die Konstanzleistung des Gehirns zu dominant. Ein Teller wird immer als rund gesehen, obwohl er perspekrivisch eine Ellipse ist. Die perspektivische Darstellung erfordert, von der Wahrnehmung zu abstrahieren und zu erkennen, dass unsere räumliche Wahrnehmung eigentlich eine Falschnehmung ist.

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    • gkazakou schreibt:

      Lieber Jules, herzlichen Dank für deine wichtige Information. Ich wusste das nicht, es entspricht aber meinem inneren Gefühl. Freilich weiß ich nicht, wie sich inzwischen die Wahrnehmung der Kinder unter dem Einfluss von Bildschirmmaterial, von dem sie tagtäglich in entsetzlicher Menge umgeben sind, verändert hat. Vielleicht können sie überhaupt nicht mehr das perspektivische Sehen, wie wir es kennen, erlernen. Das lernt man ja wohl weniger durch Konstruktionszeichnungen im Unterricht als dadurch, dass man zB eine Allee oder einen Feldweg entlanggeht und sich wundert, dass in der Ferne alles so klein ist und beim Näherkommen wächst. Oder dass die Winkel am Haus sich verändern, wenn man drum herumgeht. Nur als Projektion auf dem 2-dimensionalen Blatt Papier oder dem Bildschirm ist Perspektive kein erfahrungsbasiertes Wissen mehr, sondern eine Kopfgeburt. .

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  4. Melina/Pollys schreibt:

    Liebe Gerda, in den Arbeitsblatt fand ich nichts von deiner so mir scheinenden Wichtigkeit, bzw. Wissen, dass man anfangs erst mal alles verkehrt herum sieht. Zumindest hab ich das so gelernt, dass der Mensch/Hirn sich allmählich erst daran gewöhnt zu sehen wie wir dann später sehen. In einem Naturkundemuseum gab es da mal einen Kasten wo das genau erklärt wurde. Also Deine Erklärung fand ich auch besser als dieses Arbeitsblatt.

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  5. nandalya schreibt:

    Zu schade, dass unsere Aiko deine Geschichten noch nicht lesen kann. Wir müssen ihr noch mehr Deutsch beibringen. Verstehen würde sie dich.

    Dankeschön für diese Worte und Grüße aus der Elfendimension 😊

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  6. Ein interessanter Beitrag und eine gute Diskussion. Wie herum das Gesehene auf der Netzhaut abgebildet wird ist übrigens egal. Selbst wenn man eine Umkehrbrille trägt, sieht man es nach einiger Zeit „richtigherum“. Ich hatte mal eine Augenoperation, nach der das operierte Auge 36 h nach der Operation alles schräg sah, sodass es abgedeckt werden musste. Als ich dann etwas keck die Rollen der Augen vertauschte und das gesunde Auge abdeckte, brauchte ich keine 5 Minuten um mit dem schrägen nun alles richtigherum zu sehen. Als ich dann die Abdeckung wieder tauschte erlebte ich noch mal dasselbe Spiel.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Joachim. Ich nehme an, das „Richtigsehen“ hat unmittelbar mit unserer Erfahrung zu tun, wie ja das „Sehen“ von Objekten überhaupt? Das Hirn arbeitet eben die eingehenden Impulse entsprechend unserer Erfahrung um. Allerdings scheint diese erfahrungsbasierte Verarbeitung von Impulsen der Außenwelt nicht erst individuell erworben, sondern phylogenetisch angelegt zu sein. Wie anders ließe sich erklären, dass man etwa halbjähriger Sohn, als ich mit ihm in der Kinderkarre an einem Obstand vorbeikam, nach einer roten Tomate griff und vergnügt in sie hineinbiss? Es war das erste feste Essen, das er zu sich nahm, vorher bekam er nur Brustmilch.

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  7. Ja, das sehe ich auch so. Die Geschichte mit deinem Sohn ist wirklich frappierend und zeigt, das er irgendwelche „Vorerfahrungen“ in sich trug. Vielleicht spielte auch noch die Farbe Rot eine Rolle.

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  8. Es scheint mir ziemlich schwierig mit dem Sehen, liebe Gerda.
    Ich bin froh, daß ich es wenigstens einigermaßen verstehe.
    Anschaulich und deutlicher wird es so, wie Du es Willi.i erklärt hast. Das Blatt für die 3.Klasse war in meinen Augen sehr dürftig.

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    • gkazakou schreibt:

      Das Sehen ist ein ungeheuer komplexer Vorgang, liebe Bruni, der im Unterricht für Drittklässler auf anatomische Begriffe reduziert wird. In meinen Augen ist das charakteristisch, wie man mit den Kindern heute umgeht. Man stopft sie voll mit Bildern und Begriffen, die nichts mit ihrer Erfahrung zu tun haben.

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  9. Das stimmt, Gerda. Ich erlebe es bei meinem 11järigen Enkel auch!

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