14.1.2021 Mit Will.i zum oberen Dorf.

„Heute gehen wir zum oberen Dorf“, sagte ich zu Willi. „Komm, los, die Sonne steht schon recht tief.“

Das „obere Dorf“ hat natürlich einen Namen, aber für mich ist es das obere Dorf, weil es „oberhalb“ von uns liegt, näher an den Bergen. Wir haben es heute auf Umwegen angesteuert: durch die  kleine benachbarte Schlucht, vorbei am „Österreicher“. „Er war Fernfahrer, bevor er sich hier niederließ und sein Haus aus groben Steinen aufschichtete“, erzähle ich dem Will.i. „Er tat wie du, was er wollte, nachdem ihn das vorige Leben krank gemacht hatte. Wasser holte er sich über abenteuerlich mit der Hauptleitung verbundene Rohre. In einem große Reservoir schwammen seine schneeweißen Gänse, und ein gewaltiger Ziegenbock sorgte für Ordnung. Die sind aber schon lange nicht mehr da. Um Strom zu gewinnen, betrieb er einen Transformator, der ziemlichen Krach machte.  Letzten Sommer, an einem glühend heißen Tag, brannte er ab, die Feuerwehr kam zum Glück rechtzeitig, sonst wäre unsere Gegend gleich mit abgebrannt. Der  Österreicher erlitt Brandverbrennungen, musste ins Krankenhaus, und für seine sechs Hunde suchte man neue Halter. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, ich war ja nicht dabei, man hat es mir nur erzählt.“

Jedenfalls bin ich froh, dass heute hinter dem maroden Zaun alles still bleibt: keiner der bellenden und zähnefletschenden Hunde lässt sich blicken,  und auch auf dem Nachbargrundstück mit den abgewrackten Autos herrscht vollkommene Ruhe. Freudig wandernd lasse ich meine Augen über das sich absenkende und dann bis zur Bergkante ansteigende weite Olivenland gleiten. In einem großen Bogen gelangen wir schließlich auf die Rückseite des Dorfes.

„Das ist die dritte“, sagt Will.i, als ich zum Fotografieren stehenbleibe. „Hä?“ – „Die dritte Kirche“. – „Ach so. Ja, die dritte und vierte. Es sind ja zwei. Die ältere wurde nie benutzt, weil ihre Ausrichtung verkehrt war. Kirchen müssen ihre Achse von Ost nach West haben. Der Altar gehört in den Osten, Richtung Sonnenaufgang, Orient, damit man sich orientieren kann. Später hat man daneben die größere gebaut. Und die steht richtig“ –

„Fünf!“ Will.i hat den Schatten eines weiteren Kreuzes entdeckt, den die tiefstehende Sonne an eine Wand gemalt hat.  „Wozu brauchen die Leute so viele Kirchen?“

Klar, Will.i will wissen, wozu etwas nützlich ist. Aber weiß ich denn, warum ein winziges Dorf so viele Kirchen braucht? Wir haben ja noch längst nicht alle gesehen, überall stehen sie, kleine Kapellen oft, aber immer mit dem Notdürftigsten an Ikonen und Altarschmuck ausgestattet. Die meisten werden nur einmal im Jahr, am Namenstag ihres Heiligen, für einen Gottesdienst benutzt. Da feiert man dann das „Panijiri“, isst und trinkt und tanzt. All das ist seit einem Jahr Covid-mäßig untersagt.  Auch die normalen Sonntags-Gottesdienste, die mal in diesem, mal in Nachbardörfern abgehalten werden, fallen aus. „Den alten Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Meßgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten“, denke ich (Kafka, Ein Landarzt).

Ich werde einer Antwort auf die Frage nach dem Nutzen der vielen Kirchen enthoben, denn nun wird Will.is Aufmerksamkeit auf ein Boot gelenkt. Das wundert ihn nun wirklich sehr. Ein Boot hier oben in den Bergen? Wozu das hier wohl gebraucht wird?

Kalypso heißt die etwas ramponierte Schönheit. Und wer das ist, weiß ich zum Glück recht gut.  Während wir der sinkenden Sonne entgegen wandern, erzähle ich ihm die Geschichte von einem Mann namens Odysseus, der auf einer Insel festsaß und nicht fortkonnte. Hier kannst du nachlesen, was ich dazu zu sagen hatte: https://gerdakazakou.com/2015/07/19/odysseus-bei-kalypso/

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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4 Antworten zu 14.1.2021 Mit Will.i zum oberen Dorf.

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Wie wunderschön, vor allem die Sonne zum Schluß! Sonnenuntergang, – aufgang? Will-i will wissen… Er will wissen, wozu etwas nützlich ist. Und Du bist eine großartige Lehrerin, die dem Kinde alles kindgemäß erklärt! Phantastisch!

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  2. So viele Kirchen hat das Dorf und Kirchen müssen ihre Achse von Ost nach West haben.
    Davon hatte ich keine Ahnung, liebe Gerda, habe auch noch nie darauf geachtet.
    Zum Abschluß hat der Will.i nun auch den Odysseus noch kennengelernt. *lächel*.
    Schön ist das mit Euch beiden

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