Kriegsende?

Am 8. Mai kapitulierte der Nazi-Staat bedingungslos. Für mich war und ist das ein Grund zum Feiern.

Doch es bleibt ein böser Nachgeschmack: Denn ein Ende des Krieges war es nicht. Der Krieg ging erbarmungslos weiter, mal war er kalt, mal heiß, erst verwandelte er japanische Städte samt ihren Bewohnern in Staub, dann verbrannten seine Flammen Korea,  er fraß sich in Vietnam fest, fegte durch den Nahen Osten, flackerte am Suez-Kanal auf,  in afrikanischen Ländern, an Europas Rändern, sein Brand ließ die Augen der Jugoslawen tränen, er tobte im Irak und Iran, in Syrien und im Jemen, riss ganze Völker mit sich in die Flucht und in den frühen Tod.

Nie hörte er auf, der Krieg.

Als 17Jährige, im Jahr 1959 war ich „Chefredakteurin“ unserer Schülerzeitung. Damals wurde wieder für die Bundeswehr geworben. Zehn Jahre zuvor (1949) hatte Franz Joseph Strauß getönt: „Wer noch einmal das Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen.“ Doch Schritt für Schritt wurde, nicht zuletzt auf Betreiben der USA, die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik betrieben, wurden kriegserfahrene Offiziere der Wehrmacht und auch der SS wieder eingesetzt, um Deutschland gegen die Sowjetunion in Stellung zu bringen.

1959 also machte uns die neugeschaffene Bundeswehr ein lukratives Angebot: eine ganzseitige Anzeige mit Werbung für die Offizierslaufbahn könnten wir in unserem Blättchen schalten! Das war ein fetter Betrag für unsere immer klamme Kasse, die wir mühselig mit Kleinanzeigen von Buchhandlungen, Eiscafes und Blumenläden füllten. Meine Mitschüler waren Feuer und Flamme. Ich gab ihrem Drängen schließlich nach, unter einer Bedingung: dass ich bei der Gestaltung der Dopplseite freie Hand hatte. 

Und so erschien die Zeitung: auf der einen Seite die Werbung für die Bundeswehr, auf der Seite gegenüber nichts als Wolfgang Borcherts Appell: Sag nein!

Meine Enttäuschung war dann freilich groß, denn wen immer ich fragte. niemand hatte den Zusammenhang zwischen den beiden Seiten bemerkt. Nur gewundert haben sich meine Mitschüler, warum auf der einen Seite nichts als dieser alte Borchert-Text aus dem Jahre 1947 stand.

 

 

Und hier noch ein paar leichthändigere Bildergeschichten gegen den Krieg:

https://gerdakazakou.com/2016/11/28/der-trojanische-krieg-findet-immer-noch-statt/

https://gerdakazakou.com/2017/06/21/der-krieg-ist-vorbei-ist-der-krieg-vorbei/

https://gerdakazakou.com/2016/11/09/erinnerung-an-einen-krieg/

https://gerdakazakou.com/2016/02/01/grossmama-warum-gibt-es-krieg/

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, events, Feiern, Flüchtlinge, Katastrophe, Krieg, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Politik, schreiben abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

25 Antworten zu Kriegsende?

  1. Ulli schreibt:

    Ich erinnere mich noch, wie du mir diese Geschichte erzählt hast und wie wir darüber redeten. Für mich ist der 8. Mai genau aus dem Grund eben AUCH ein Grund zu feiern. Aber eben … es ist nichts wirklich vorbei, wie man ja auch an dem Wiedererstarken der Nazis sieht, was für mich ein Greuel ist.
    Doch nun mache ich wieder etwas Schönes.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 6 Personen

  2. Arno von Rosen schreibt:

    Ja, der Krieg hat nie aufgehört liebe Gerda und einer der Gründe ist, dass sich damit unglaublich viel Geld verdienen lässt und als Zubrot gewinnt man strategische Macht über Bodenschätze. Warum wir Deutschen da so gerne mitmarschieren ist mir ein Rätsel, denn jeder Tote, der mit unseren gelieferten Waffen umgebracht wurde, taucht all unsere Hände in Blut. Der 8. Mai ist viel zu wenig in unseren Köpfen und Herzen.

    Gefällt 7 Personen

  3. Sandra Matteotti schreibt:

    Es ist ein grosser und wichtiger Tag in der Geschichte. Und doch denke ich ab und an: So lange es Menschen gibt, gibt es Kriege. Im Kleinen und im Grossen. Und so lange wir sie im Kleinen nicht bewältigen, was erhoffen wir im Grossen?

    Und vielleicht gerade drum: Es ist an uns allen, anzufangen, mit dem Kriegen aufzuhören. Im Kleinen. Verhalten zieht Kreise. Von innen nach aussen.

    Liebe Grüsse
    Sandra

    Gefällt 8 Personen

  4. lyrifant schreibt:

    Danke für die starken Worte, Deine und die von Borchert – leider aktueller denn je. Die Bundeswehr ist ja schon wieder regelmäßig werbend in den Schulen…

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  5. Verwandlerin schreibt:

    Ich feiere den 8. Mai auch.

    Gefällt 1 Person

  6. Anonymous schreibt:

    Liebe Gerda, eigentlich hast Du schon alles gesagt. Auch für mich ist der 8. Mai ein Tag zum Feiern. Es hätte uns gut angestanden, diesen Tag als gesetzlichen Freudentag anzunehmen. Erst in dieser Woche wurde dahingehend ein Antrag an den Bundestag gestellt und wie schon so oft, abgeschmettert.
    Liebe Grüße
    Heidi

    Gefällt 2 Personen

  7. Das ist eine sehr schöne Geschichte, die mich an meine eigene Redakteurszeit in der Schülerzeitung erinnert. Solche Dinge bleiben offenbar bis in Details im Gedächtnis haften.
    Was mich an diese wiederkehrende Feier stört sind die martialischen Auftritte mit Militärparaden und Kampfflugzeugstaffeln. Nur Corona hat verhindert, dass dieser Aspekt mangels Zuschauer in diesem Jahr etwas in den Hintergrund trat.

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      So seh ich es auch. Das Kriegsende mit Waffenshows zu feiern, zeigt, wie schlecht es um den Frieden bestellt ist. Insofern habe ich Verständnis für die russische Show.

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  8. TeggyTiggs schreibt:

    …alles von Wolfgang Borchert las ich und habe viel geweint…möge er Gehör finden!

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  9. Ule Rolff schreibt:

    Deine Erinnerung an das Schülerzeitungserlebnis finde ich stark, Gerda. Es #kreuzt sich mit meinen Erlebnissen mit Schülerzeitungsaktivitäten zehn Jahre später. Du konntest ja noch froh sein, dass euer zuständiger „Vertrauenslehrer“ (oder gab es bei euch so eine Zensureinrichtung nicht wie bei uns?) den Borchert in der Position nicht untersagt hat, weil das zu tagespolitisch war.

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    • gkazakou schreibt:

      Nein, Vertrauenslehrer gabs nicht. Ich wurde beinahe von der Schule gefeuert, weil ich den Erlebnisbericht eines Rekruten abdruckte und es mir überhaupt an Respekt gegen Uniformträger mangelte, die nun anfingen, bei Schulfeiern in der ersten Reihe neben anderen Würdenträgern zu sitzen. Na ja, auch diese anderen Würdenträger waren nicht grad nach meinem Geschmack. Alles Nazi-Diener, die überlebten.

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      • Ule Rolff schreibt:

        Prima Erinnerungen! Und mein Deutschlehrer (der immer von „der Iwan“ sprach, wenn er uns im Unterricht mit Kriegserinnerungen beglückte) hat in der 12.Klasse – damals Unterprima – ein halbes Jahr nicht mit mir gesprochen, weil ich der Stadtschülervertretung berichtet hatte, dass er unsere Chefredakteurin mit Durchfallen durchs Abi bedroht hatte, wenn sie einen unliebsamen Artikel nicht zurückzöge. Gute alte Zeiten, nicht wahr?

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    • gkazakou schreibt:

      es hat eben Tradition …. drum wundere ich mich immer, wenn heute gegen das „Wiederaufleben der Nazis“ gewettert wird. Sie waren ja immer da und haben unsere Kultur gründlich durchseucht.

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  10. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Seitdem ich bewußt denken kann, denke ich dieses NEIN und nie etwas anderes.
    Sie starben für nichts.
    Hatten nur ihre Familien im Sinn.
    Wollten nie kämpfen und morden.
    Den Feind kannten sie nicht.
    Er hatte ihnen nie etwas getan.
    Sie waren das Futter für die Kanonen.
    Sie wurden verheizt.
    Ich konnte keinen jungen Mann verstehen, der sich freiwillig zur Bundeswehr meldete und den jungen Männern wurde die Verweigerung so schwer gemacht.
    Die Tauglichkeitsprüfung widerte mich an, wenn einer davon erzählte.
    Ich fand sie entwürdigend.
    Als ich Töchter bekam, dachte ich sofort, wie gut, da brauche ich mich in dieser Weise nicht zu sorgen, falls…
    Ich bekam in meiner Familie so viel Leid durch den Krieg mit, da konnte frau nur noch NEIN sagen und nichts sonst, liebe Gerda

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Bruni. Habs auch nicht anderes von dir erwartet. Mein Sohn schaffte es, in beiden Ländern, deren Staatsbürgerschaft er besitzt, ganz legal dem Wehrdienst zu entgehen. Und mein deutscher Lieblingsneffe hungerte sich zum Leichtgewicht, um als untauglich ausgesondert zu werden.

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  11. Susanne Haun schreibt:

    Wir hatten leider keine Schülerzeitung, liebe Gerda.
    Im Vergleich merke ich oft, dass wir auf ein Gymnasium für Arbeiterkinder gingen. Unsere Ausbildung zielte auch nicht auf ein Studium. Die meisten von uns hatten gar keine Vorstellung von einem Studium oder wie man sich immatrikulieren konnte.
    Deine Idee 💡 Borchert auf die andere Seite der Anzeige der Bundeswehr zu platzieren, gefällt mir sehr gut!
    Erstaunlich, dass keiner den Zusammenhang sah!
    Liebe Grüße von Susanne

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Susanne. Vielleicht interessiert es dich: Unsers war das einzige Gymnasium in der Kreisstadt für den ganzen Kreis, mit einem sprachlichen und einem mathematisch-naturwisseschaftlichen Zweig. Es begann mit der Sexta (5. Klasse), in die man nach einer Lehrerempfehlung mit einer Aufnahmeprüfung gelangte. Viele waren Flüchtlingskinder, also arm, aber mit bildungsfreundlichen Eltern. Die Einheimischen, deren Eltern vor alllem Bauern, Fischer oder Kaufleute waren, waren weniger vertreten. Viele gingen mit der „Mittleren Reife“ ab. Wer das Abitur machte, wollte in der Regel studieren, aber nicht unbedingt an einer Universität. Volksschullehrer, Kindergärtner, Sozialarbeiter, Techniker, Graphiker, Landwirte, Kaufleute usw studierten an Fachschulen oder Fachhochschulen. Erst später wurden diese Studiengänge in die Uni integriert.

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      • Susanne Haun schreibt:

        Liebe Gerda,
        meine Eltern haben im Krieg nicht gelernt, Bildungsfreudig zu sein. Meinem Vater erscheint es immer noch abstrakt, dass ich nochmal studiert habe.
        Heute hilft die ausgezeichnete Plattform arbeiterkind .de Studentinnen und Studenten aus bildungsfernen Familien im Studium Fuß zu fassen.
        Übrigens, ich bin schon ganz aufgeregt, am Montag um 9:30 Uhr darf ich meinen Papa für eine halbe Stunde im Seniorendomicil besuchen. Papa hat sogar vor Freude geweint, als wir telefonierten und ich ihm von diesem Termin erzählte. Jede Besucherin und Besucher darf einmal die Woche für eine halbe Stunde in das Pflegeheim. Bei 150 Seniorinnen und Senioren, die dort wohnen, ist das immer noch sehr viel. Ich freue mich sehr, Papa nach 2 Monaten wieder zu sehen.
        Liebe Grüße von Susanne

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      • gkazakou schreibt:

        Liebe Susanne, wie schön, dass du deinen Papa eine halbe Stunde sehen kannst. Ich wünsche euch beiden, dass diese halbe Stunde euch die lange Zeit des Nichtsehens vergessen lässt und euch nicht noch trauriger macht. Von Herzen! Gerda

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      • Susanne Haun schreibt:

        Liebe Gerda,
        das war heute mit meinem Papa ein freudiger, tränenreicher Moment. Wir saßen uns im Frühstücksraum weit gegenüber von einer Plastikwand getrennt und durften sogar 10 Minuten länger verweilen.
        Liebe Grüße von Susanne

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      • gkazakou schreibt:

        Und nicht mal ein wenig seine Hand halten? ach, wie anspruchslos wir geworden sind. Aber ich freu mich natürlich, dass ihr euch sehen und sprechen konntet. Und hoffe inständig, dass es bald auch wieder mögich ist, dass sich Vater und Tochter in die Arme nehmen.

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      • Susanne Haun schreibt:

        Ja, das hoffe ich auch sehr, Gerda. Nein es saß sogar eine Aufpasserin da, damit es zu keinen Berührungen kommt. Ja, wie anspruchslos wir geworden sind.

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