abc-etüde. Kata-Strophen

Ich bitte euch, sind das Wörter für ein Reimgedicht? Aber was sein muss, muss sein. Und so habe ich doch noch eine kleine Moritat kata-strophisch zusammengereimt. Eingeladen hat wie immer Christiane, diesmal zu Extra-Etüden, bei denen 5 von 6 Wörtern verwendet werden müssen.

Moritat von der armen Hanne.

 

Der Lohn war gut

Die Arbeitszeit variabel

Sie war auf der Hut

und hielt ihren Schnabel.

Doch als die Automatik kam

Da wurde sie entlassen.

Zeit hatt sie nicht für ihren Gram

sie musste Arbeit fassen.

 

Wie wärs mit Nähn? Das geht daheim

da spar ich gleich die U-Bahn ein.

Und was ich verdien, das bleibt geheim

Das gehört dann mir, und mir allein.

 

Von früh bis zur Nacht.

kaum richtig erwacht

mit verquollenen Augen

die schon nix mehr taugen

begann sie zu nähen

und Säume zu drehen

von Röcken und Hosen

und Knöpfe, die fehlten

und Queder, die quälten

von morgens bis nachts

die Hanne die machts.

 

Und was ich verdien, das bleibt geheim

Das gehört dann mir, und mir allein.

 

Doch wurde sie reich?

Nein, sie wurde nur bleich.

Und wollte doch leben

 Einem Mann sich hingeben

Wie in den Romanen

Wo die Liebenden ahnen

Was Glück ist und Lust

Für das Herz in der Brust.

 

Doch wo kann die Hanne

Den Weg zu nem Manne

Nur finden, wenn immer

die Augen noch schlimmer

auch schmerzlich der Rücken

bald geht sie an Krücken …

 

Doch was ich verdien, das bleibt geheim

Das gehört dann mir, und mir allein.

 

Ach Hanne, du Arme,

dass sich wer erbarme

Wer weiß einen Rat?

Sonst endet meine Moritat

noch mit ner Verzweifelungstat.

 

die Näherin. Legebild auf Kohlezeichnung.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter abc etüden, Allgemein, Katastrophe, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

33 Antworten zu abc-etüde. Kata-Strophen

  1. Mrs Postman schreibt:

    Ich liebe deine Etüden-Gedichte. Oder sind es Gedichtsetüden?🤔

    Gefällt 2 Personen

  2. Myriade schreibt:

    Ah, wieder was Neues, Schnipsel auf Kohlezeichnung. Wieder einmal sehr gelungen. Auch die gekonnte Verpackung der sperrigen Wörter 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. kunstschaffende schreibt:

    Gerda Du bist eine fantastische Wortkünstlerin und beeindruckst mich stets aufs Neue! Dein Legebild dazu unterstreicht das Innere der Text Protagonistin!
    Liebe Grüße zur Nacht und schlaf wohl Babsi

    Gefällt 2 Personen

  4. Werner Kastens schreibt:

    Ich bin wie immer geplättet ob Deiner Fantasie und Virtuosität der Worte!

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 41.42.19 | Wortspende von reisswolfblog | Irgendwas ist immer

  6. wechselweib schreibt:

    Ich liebe den Sprachwitz und den Schalk deiner Kata-Strophen!

    Gefällt 1 Person

  7. Ule Rolff schreibt:

    Schön, deine Moritat, brechtisch ohne Oberlehrergestus.
    Das Legebild dazu ist klasse: ich mag es, wie die untergelegte Zeichnung die Elemente verbindet.

    Gefällt 2 Personen

  8. Christiane schreibt:

    Deine Moritaten/Kata-Strophen lesen sich immer so leichtfüßig; DAS halte ich für hohe Kunst. Auch die Kombination von Legebild mit Zeichnung bereichert nicht nur das jeweils andere, sondern alles. Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße
    Christiane (wieder wach)

    Gefällt 3 Personen

  9. schreibenwaermt schreibt:

    Das Finanzamt ist in dem Fall sicher nicht Teil der Lösung. Vielleicht Tinder oder Parship?

    Gefällt 1 Person

  10. Ulli schreibt:

    Es war vor gar nicht allzu langer Zeit für viele Frauen die einzige Möglichkeit ein paar Groschen für sich und die Kinder zu verdienen, da wurden manche Rücken krumm und einige Augen verloschen – gut, dass du an dieses Frauenschicksal erinnerst!
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

      meine Oma kaufte sich eine Nähmaschine …
      die es heute noch bei mir gibt, aber nur das Untergestell als Tischchen *lächel*

      Gefällt 2 Personen

      • gkazakou schreibt:

        Die Nähmaschine gehörte unbedingt in den Haushalt der Generation meiner Mutter – nicht meiner Großmutter, denn zu deren Zeit hatte man noch seine „Zugehfrau“ und die „Büglerin“ etc pp Meine Oma war Lehrerfrau in der Stadt, da machte man noch nicht alles selbst. Meine Mutter, gebildet aber früh Kriegswitwe mit drei kleinen Kindern, nähte und strickte ununterbrochen, auch als Lohnarbeit. Die ate Singer-Nähmaschine ziert nun meine Wohnung.

        Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Genau,Ulli. Auch heute gibt es noch viele solcher Frauen, ich lernte kürzich eine kennen, sie hat eine „ökologische“ Reinigung .und repariert, was anfällt – und das ist nicht wenig. Macht alles allein, arbeitet ununterbrochen….

      Gefällt 2 Personen

      • Ulli schreibt:

        Gut, dass du es schreibst, hinterher dachte ich auch, dass es doch noch immer sehr viele Frauen gibt, die um ihr Auskommen ringen und schuften wie blöd, ohne Anerkennung und immer am Rand des Ruins!

        Gefällt 2 Personen

  11. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Sehr beeindruckend, liebe Gerda, Deine Moritaten-Etüde, denn heute möchte ich sie mal so nennen, auch wenn sie eine waschechte Gerda Kata-Strophe ist.
    Bild und Worte sind sehr beeindruckend und ich staune mal wieder über Deinen Findungsreichtum, denn reines Erfinden ist es ja wirklich nicht, dazu geschah und geschieht es zu oft – das was Du so humorig und doch so bitterernst beschreibst.
    Ich möchte es zu gerne auf einer Drehorgel gespielt und gesungen hören, denn in diesem Stil hast Du ja geschrieben.
    Ich bin begeistert.
    Sie wird einen Ausweg finden und keine Verzweiflungstat begehen. Sie nimmt das zur Seite gelegte Geld und verreist mit einem Zug. An der See angekommen, bei vielen Menschen in dieser Not wird sie einem begegnen, bei dem sie sich wieder aufrichten kann …

    Gefällt 1 Person

  12. Xeniana schreibt:

    Brillante Etüde zu prekären Dasein

    Gefällt 1 Person

  13. gkazakou schreibt:

    Danke, Xeniana!

    Liken

  14. Die Betrachtung des farbenfrohen Bilds „Die Näherin“ sollte der Hanne doch wieder auf die Beine helfen.

    Gefällt 1 Person

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