abc-Etüde: Ödipus und das Ende des Mutterrechts

Noch schnell auf den letzten Drücker eine Etüde zu den aktuellen Wörtern von Ludwig Zeidler. Christiane meinte, Sachtexte seien durchaus erwünscht. Es ist zwar nicht einfach, ein so komplexes Geschehen wie das Ödipus-Drama  in 300 Wörtern unterzubringen und darüber hinaus noch etwas Gescheites dazu zu sagen, aber ich hoffe, du kennst den Kontext und kannst Fehlendes leicht ergänzen.

Ödipus und das Ende des Mutterrechts

Hervorragend inszeniert und gespielt war das Drama von Sophokles, „König Ödipus“, das ich kürzlich in Kalamata sah. Und doch meldete sich ein ambivalentes Gefühl, sobald die Faszination des wortgewaltigen Stücks nachließ und ich mich fragte: was wird da denn eigentlich erzählt?

Ödipus tötet seinen Vater und heiratet seine Mutter Iokaste, hat mit ihr vier Kinder – und plötzlich entdeckt er es und sticht sich in einer Verzweifungstat die Augen aus? Wieso wusste er nichts von der Blutsverwandtschaft? Und seine Mutter, die sich ihm liebend hingegeben hatte, erhängt sich. Wusste auch sie nicht Bescheid?

Wenn du deinen Vater umbringen und deine Mutter heiraten möchtest – etwas, was seit Freud als normales Syndrom von Söhnen angesehen wird -, dann weißt du es, weißt auch, dass das verboten ist! Ödipus aber war ahnungslos, denn…..

Sein Vater hatte den Neugeborenen einem Hirten mit dem Auftrag gegeben, ihn zu töten. Er fürchtete, später von seinem Sohn getötet zu werden. Der Hirte aber erbarmte sich. Das Königspaar von Korinth adoptierte Ödipus. Als das Orakel ihm verkündete, er werde seinen Vater umbringen, floh er entsetzt. Unterwegs traf er auf einen bewaffneten Reisenden, der ihm den Weg verstellte. Den erschlug er. Es war sein leiblicher Vater. In Theben heiratete er die Witwe dieses Mannes und wurde dadurch König der Stadt.

Wer hatte den Nutzen von Iokastes Tod und Ödipus Verbannung? Ihr Bruder Kreon! Er wird Iokastes Tochter Antigone lebendig einmauern. Damit ist das Mutterrecht gebrochen. Und genau darum geht es in diesem Stück! Denn dass „die Mutter“ den „Sohn“ heiratet, ist im uralten Mutterrecht das Normale. Der „alte König“ wurde jährlich, am Schalttag des 13. Monats, geopfert, damit sich die Herrschaft der Königin erneuern kann. Du glaubst es nicht? Dann rechne mal aus, wieviele Monate von 28 Tagen (Mondzyklus) das Jahr hat.  

Seither gilt die 13  als Unglückszahl.

300 Wörter.

meine anderen Blog-Beiträge zu Ödipus

https://gerdakazakou.com/2016/04/24/griechische-dichtung-am-sonntag-dinos-christianopoulos-ueber-oedipus/

https://gerdakazakou.com/2017/01/23/griechisches-alphabet-des-freien-denkens-%cf%83-wie-%cf%83%cf%85%ce%bd%ce%b5%ce%b9%ce%b4%ce%b7%cf%83%ce%b7gewissen-bewusstsein/

https://gerdakazakou.com/2016/01/20/was-ist-der-mensch/

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter abc etüden, Allgemein, Dichtung, griechische Helden, Katastrophe, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Mythologie, Psyche abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

25 Antworten zu abc-Etüde: Ödipus und das Ende des Mutterrechts

  1. Christiane schreibt:

    So habe ich das noch nie gesehen – dass das eine Geschichte über den Wechsel von Matriarchat zu Patriarchat ist. Danke, sehr interessant.
    Schön, ein Sachtext von dir bei den Etüden! Vielen Dank!
    Liebe Grüße zur Nacht
    Christiane 🙂

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Das Thema habe ich zu verstehen begonnen, als ich die „griechische Mythologie“ von Robert Ranke-Graves las — vor hundert Jahren. Seither sehe ich die Spuren eben auch in den klassischen Dramen, die fast Lehrstücke genannt werden können, um das Volk von Athen auf die patriachale Ordnung einzustimmen. Speerspitze ist die Orestie, ebenfalls von Sophokles, aber auch in der Antigone hat es Spuren hinterlassen. Immer geht es um die Frage der Legitiität von Herrschaft, die sich in mutterrechtlichen Gesellschaften über die Erbfolge der Frauen (erstgeborene Tochter) herstellt (Klythaimnestra – Iphigenie, Iokaste – Antigone). Die Mutter wird umgebracht (Klythamnestra) bzw begeht Selbstmord (Iokaste), die erbberechtigte Tochter „geopfert“ (Iphigenie) bzw eingemauert und in den Selbstmord getrieben (Antigone). Kreons Sohn, „Verlobter“ der Antigone, will seinen Vater erstechen, ersticht sich, da es ihm nicht gelingt, dann selbst, denn ohne Antigone ist er nichts. Der Sohn (Orest) ermordet die Mutter, wird von den Erynnien verfolgt (Göttinnen des Mutterrechts), bis ihn das neu gegründete Athener Gericht (Areopag) freispricht und er das Erbe antreten kann. Allerdings muss er zuvor die Schwester, die eigentlich Erbberechtigte, zurückholen (Iphigenie).

      Schon der Krieg von Troja ist ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen: Helena legitimierte ihren Gemahl Menelaos, über Sparta zu herrschen. Nur durch sie war seine Herrschaft legitim, also musste er sie zurückholen. Und Odysseus? Seine Frau Penelope wurde von „Freiern“ belagert, nicht weil sie so schön und begehrenswert war, sondern weil die Verheiratung mit ihr die Herrschaft über Ithaka legitimierte.

      Es ist ein großes, spannendes Thema, fast unerschöpfllich.

      Gefällt 3 Personen

      • Christiane schreibt:

        Stimmt. Ich hatte offensichtlich einen sehr klassischen Griechisch-Unterricht.
        Das mit Penelope hat mich immer gewundert, ergibt in deiner/dieser Interpretation aber viel mehr Sinn.
        Gut, vielleicht war ich damals auch nicht so offen für das Thema.
        Danke dir! 😁👍

        Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.19 | Wortspende von Make a choice Alice | Irgendwas ist immer

  3. Arabella schreibt:

    Wäre ein Sonntagsmärchen wert liebe Gerda

    Gefällt 1 Person

  4. violaetcetera schreibt:

    Jetzt habe ich sehr vieles begriffen. Vielen Dank dafür!

    Gefällt 1 Person

  5. kowkla123 schreibt:

    interessantes Thema, liebe Gerda, herzliche Grüße von mir zu dir, Klaus

    Liken

  6. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    *…dass „die Mutter“ den „Sohn“ heiratet, ist im uralten Mutterrecht das Normale. *
    Das wußte ich nicht. Ich kannte nur die Geschichte und wußte, er hatte keine Ahnung, daß er da seinem Vater gegegnete und konnte nicht wissen, daß er seine Mutter heiratete…
    Auch beim Kampf um Troja fehlte mir genau diese Info und bei Penelope dacte ich immer nur, daß sie schön und begehrenswert war…
    Wie gut, jetzt wenigstens davon zu lesen, liebe Gerda

    Gefällt 1 Person

  7. gkazakou schreibt:

    Liebe Bruni, nicht, dass du jetzt etwas falsch verstanden hast. „Mutter“ und „Sohn“ habe ich in Anführungsstriche gesetzt,. Es handelt sich um die Hochzeit der Königin mit dem jedes Jahr erneuerten König, der eben ein junger Mann war im Sohnesalter, aber nicht der leibliche Sohn war…
    Dies Wissen ist nirgendwo wirklich dokumentiert, man kann es nur rückschließen aus den Mythen. Im Falle von Ödipus befinden wir uns schon in einer anderen Epoche, in der die mutterrechtlichen Prinzipien (wenn sie denn wirklich in der Form existiert haben) heftig in Frage gestellt worden waren. Kleon ist ein „moderner Statsmann“,der sich nicht mehr durch die Heirat mit der Erbin legitimieren muss. Aber sein Sohn steckt noch im alten Muster. Sophokles und alle danach haben seine Verzweiflung wegen Antigones Tod als Liebesdrama dargestellt, abe es ging wohl ursprünglich um das Erbe der Königswürde.
    Was ich sagen möchte, ist, dass die alten Muster in die zu Sophokles Zeit)gmodernen Auffassungen hineinspielten und zu vielen Widersprüchen führten, die einem heute auffallen können. Wieso, zum Beispiel, finden die Thebaner nichts dabei, dass der König sein neugeborenes Kind ermorden lassen will? Und warum wehrt die Mutter sich nicht und lässt es geschehen? Warum ist es, auf der anderen Seite, ein so schlimmes Verbrechen, dass Ödipus seinen Vater erschlagen hat, den er gar nicht als solchen erkannte? Wegen dieses Verbrechens wurde (nach Sophokles) Theben von der Pest heimg.esucht
    Dasselbe kann man in der Orestie beobachten. Warum regt sich niemand darüber auf, dass Agamemnon seine erstgeborene Tochter schlachtet, um in den Krieg ziehen zu können? Warum finden alle es auf der anderen Seite so schrecklich, dass Klythaimnestra den Mord an ihrer Tochter dadurch rächt, dass sie ihren aus dem Krieg heimkehrenden Mann ermordet? warum ermordet Orest seine Mutter, nachdem die seinen Vater ermordet hat, fand aber kein Wort des Tadels, als seine Schwester vom Vater ermordet wurde? Das ist alles sehr seltsam. Man kann es eigentlich nur verstehen, wenn man den „Kulturkampf“ zwischen Mutterrecht und Vaterrecht dahinter betrachtet.
    Uff, ich glaube, das ist nun auch nicht klarer geworden.

    Gefällt 1 Person

    • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

      Liebe Gerda, nun habe ich zweimal meinen fast fertigen Kommi gehimmelt, weil ich so heftig am Denken und Tippen war 🙂 . Jetzt mache ich es kurz…
      Ich bin nun reicher an Einblicken, und das ist wunderbar, aber die Gründe für die unterschiedlichen Bewertungen der Morde fehlen mir. Kann es denn *nur* der Kulturkampf zwischen Mutter-und Vaterrecht gewesen sein? Könnte es nicht noch tiefer gehen, aber könnte es das überhaupt? Und was wäre das dann??? Jede Frage bringt mir eine neue

      Gefällt 1 Person

      • gkazakou schreibt:

        wie recht du hast mit deiner Frage, liebe Bruni! Zwar handelt es sich wohl um einen Kulturkampf, aber dieser Kulturkampf hat selbst einen geistigen Hintergrund. Ich lese und forsche weiter über das Thema. Es gibt ja so viele Elemente in diesem Mythos, die ich gar nicht erwähnte: was bedeutet es, dass Ödipus bei Adoptiv-Eltern aufwuchs und also seine „wirklichen Eltern“ nicht kannte? (die Blutsbindungen der Familie wurden unterbrochen, setzten sich dann aber unheilstiftend doch durch), was bedeutet es, dass ein Orakel wusste, was Ödipus selbst nicht wusste? (die Zeit des allgemeinen Hellsehens ist vorbei, nur noch besondere Priester können es), was bedeutet es, dass Ödipus durch ein ordentliches Untersuchungs-Verfahren der Wahrheit auf die Spur kommt, die er, wäre er noch helllsehend, längst hätte kennen können? Was bedeutet es, dass die Sphinx Theben belagerte? (Sphinx von sphingo, würgen – sie war die große Fragestellerin, der Zweifel) und was bedeutet die befreiende Antwort des Ödipus? (der Mensch) …. So viele Fragen! Die Sphinx sitzt mir grad auf der Schulter und grinst mich an.

        Gefällt 1 Person

      • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

        tja, die Sphinx – der Zweifel, ach ja, wie gut kenne ich sie/ihn
        Kluge Fragen, auf die es scheinbar noch keine schlüssigen Antworten gibt

        Gefällt 1 Person

  8. Ule Rolff schreibt:

    Liebe Gerda, dein Erklärungsansatz zur griechischen Mythologie gibt mir mit einem Schlag eine neue Perspektive auf die griechische Mythologie! Schon als Kind fand ich diese Geschichten spannend, der Band von Gustav Schwab „Sagen des klassischen Altertums“ war eines meiner ersten zwanzig „Kinderbücher“. Aber solche „Quellen“ verstellen nach einer ersten Öffnung natürlich den Blick, und als Kind kam ich nicht auf die Idee, weiterzuforschen, ich ließ die lange Liste der Fragen einfach stehen, die ganz analog deiner Fragen in der Antwort an Bruni lauteten. Das war für mich in der Antike halt anders als in der Moral unserer Zeit. Als Ausdruck des Wandels in der Weitergabe politischer Macht habe ich das nie gesehen – deine Darstellung erscheint mir spontan einleuchtend. Danke für die Erleuchtung.

    Gefällt 2 Personen

    • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

      Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums war auch eines meiner heißgeliebten Bücher meiner frühen Kindheit, liebe Ule *lächel*. Ich glaube, ich habe es erst vor einiger Zerit endgültig aussortiert …

      Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Dieser Ansatz wurde, wie ich inzwischen nachgelesen habe, von Erich Fromm mit Berufung auf Bachofen ausformuliert. Ich lerne immer gern dazu. Ich bin nun auch noch ein wenig der Frage nachgegangen, was denn auf einer tieferen Ebene dieser Kampf zwischen Mutter- und Vaterrecht menschheits- und geistesgeschichtlich bedeutet. Denn eigentlich ist es das, was mich interessiert – und nicht die historische Rekonstruktion. aber auch die ist natürlich ein wichtiger Schritt.

      Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      ja, sicher. Ein wichtiges Buch, das Frau als Existenzform aus dem Nebel des Mythos ins Kunstlicht der Moderne überführt. Dabei sind zwar wesentliche Anteile dessen, was „frau“ denn doch von „man“ unterscheidet, auf der Strecke geblieben, aber es hat den real existierenden Frauen eine neue Perspektive gegeben. Merkel, van der Leyen und Kramp Karrenbauer und wie sie alle heißen wären ohne sie kaum denkbar. 😉

      Gefällt 1 Person

  9. Ulli schreibt:

    Siehstde, das ist vollkommen an mir vorbei gegangen. Danke Gerda, für den Link.
    Ein Jahr mit 13 Monden … fällt mir ganz spontan ein und Luna ist weiblich, nicht wahr …
    Mir fällt dazu noch die sumerische Mythologie von Inanna ein, ihr Herausforderer war Gilgamesch, obwohl sie ihn lange „austrickste“, verlor sie am Ende und damit endete auch hier das Mutterrecht … gelesen habe ich es in dem Buch von Heide Göttner-Abendroth: Innana, Gilgamesch, Isis und Rhea …
    Wie auch immer noch, der Wandel fand statt, noch immer haben wir als Frauen die Herausforderung zu stemmen, gerade heute hörte ich mehrere Berichte über die Frauen in der Kunst. Ja, es tut sich was, aber es geht so laaangsaaam.

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      das Schlimme bei all diesem Kämpfen, Ulli, ist, dass wir Frauen am Ende kaum noch wissen, wofür.

      Gefällt 1 Person

      • Ulli schreibt:

        -M- …. es geht noch immer um das Sein auf gleicher Augenhöhe, selbe Bezahlung für selbige Arbeit, Anerkennung für Mutterschaft und Erziehung etc. – um jetzt nur zwei Felder zu nennen. Ich glaube nicht, dass „wir“ nicht mehr wissen wofür wir uns einsetzen!

        Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.