Im Spiegel und außerhalb des Spiegels (Serie „Mensch und Umwelt“, Zeichnung)

Während ich zeichne, denke ich gelegentlich nach über die Reduzierung der Komplexität der Ding- und Menschenwelt, die mich umgibt. Was ist mir wichtig? was fasse ich wie zusammen und warum? Welche Muster benutze ich? Eigene oder fremd induzierte?

Jeder Mensch reduziert die Komplexität auf seine Art – das Sein birgt unendliche Möglichkeiten. Von der Art, wie ich persönlich es tue, hängt ab, in welcher Welt ich lebe bzw zu leben meine.

Im Rahmen meiner küstlerischen Versuche habe ich schon vieles ausprobiert. Immer geht es mir dabei auch darum, mir bewusster zu werden, was ich tue und warum ich es so und nicht anders tue. Manche eurer Kommentare helfen mir dabei weiter.

In der gegenwärtigen Phase bemühe ich mich, die Alltagswirklichkeit so abzubilden, wie ich sie vorfinde. Das bedeutet, dass ich nichts arrangiere und nichts bewusst auslasse.  Ich suche, indem ich zeichne, nach Strukturen, die dieser Welt selbst innewohnen, entdecke Kreise und Dreiecke, Senkrechte und Waagrechte und Diagonale, Muster und  Überschneidungen, Helligkeiten und Abschattungen, entdecke neue Aspekte der Wirklichkeit.

Zu einem solchen Versuch (https://gerdakazakou.com/2019/06/19/ecke-des-ateliers-zeichnung-licht-schatten-fotos-bearbeitungen/) kommentierte ein anderer Zeichner ( derdilettant): „Obwohl du unstrukturierte Alltagssituationen zeichnest, wirken deine Zeichnungen immer sehr „aufgeräumt“, sie erfreuen das Auge und laden ein zum Entdecken und Verweilen. Aus eigenem Bemühen weiß ich, wie schwer das ist!“ Natürlich freute ich mich und antwortete: …Bilder von unstrukturierten Welten zu zeichnen – danach steht mir tatsächlich der Sinn. Aber ich konnte das nicht klar bezeichnen. Es ließe sich mit der Aufforderung vergleichen: Nimm deine Mitmenschen, nimm auch die Welt als Ganze so wahr, wie sie ist. Du musst sie nicht verändern, musst auch keinen Sinn „hineinlegen“, der Sinn wird sich bei sorgfältigem Hinschauen von selbst offenbaren.

Geht das denn überhaupt? Nein, es geht nicht. Aber man kann es bewusst anstreben oder eben auch nicht anstreben. In der jetzigen Phase meines Lebens strebe ich es an. Dadurch hat sich mein Zeichnen verändert. Ob zum Guten oder Schlechteren, darüber will ich gar keine Aussage machen.

„Innerhallb und außerhalb des Spiegels“, Zeichnung 2019-07-03

Im Hintergrund zwischen den Fenstern hängt übrigens ein Gemälde, das ich vor Jahren machte, als ich noch stark unter Paul Klees gestigem Einfluss stand.  Über das Gemälde habe ich 2015 einen Blogeintrag gemacht: https://gerdakazakou.com/2015/10/22/ein-ferner-spiegel-oder-bir-bu-rekba/. Wer Lust hat, kann auch hier schauen, wie sehr sich meine Auffassungen vom Zeichnen verändert haben. Und natürlich verändern sie sich weiter.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Architektur, Kunst, Leben, Meine Kunst, Philosophie, Psyche, Serie "Mensch und Umwelt", Umwelt, Zeichnung, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

22 Antworten zu Im Spiegel und außerhalb des Spiegels (Serie „Mensch und Umwelt“, Zeichnung)

  1. pflanzwas schreibt:

    Auch sehr spannend. Tolle Zeichnungen mit dem Blick in den Spiegel, der im ersten Moment ein bißchen wie eine Lupe aussieht! Es hat etwas geheimnisvolles und lädt zum Nachdenken ein.

    Gefällt 1 Person

  2. wildgans schreibt:

    So unablässig, wie du zeichnest, bist du mir zu einem Vorbild geworden!

    Gefällt 1 Person

  3. Ule Rolff schreibt:

    Liebe Gerda, den Hinweis auf frühere Phasen deines künstlerischen Tuns und diesen Text empfinde ich als außerordentlich erhellend. Vielen Dank für die zahlreichen Denkanstöße, die darin enthalten sind.

    „Jeder Mensch reduziert die Komplexität auf seine Art – das Sein birgt unendliche Möglichkeiten. Von der Art, wie ich persönlich es tue, hängt ab, in welcher Welt ich lebe bzw zu leben meine.“, schreibst du, und diese Konsequenz aus künstlerischen Entscheidungen für den Blick auf die reale Welt bewegt mich: tatsächlich, man kann es auch so herum betrachten! Für mich waren Ursache und Wirkung immer (unhinterfragt) andersherum, und es zeigt sich hier wieder, wie viel häufiger ich mich der Frage stellen sollte „was wäre, wenn …“.

    Grundsätzlich glaube ich, dass das menschliche Gehirn alle Wahrnehmungen filtert und vereinfacht, damit wir nicht irre werden von all der Vielfalt. Aber genau darum finde ich deine Entscheidung spannend, dem künstlerisch entgegenzuwirken, und gerade darin wird es auch logisch, das künstlerische Tun als Ursache für eine veränderte Welt(sicht)zu betrachten.

    Den Sprung in deine künstlerische Vergangenheit habe ich sehr gern und mit großem Gewinn getan. Da du so offen und nachvollziehbar deine Gedanken während des Arbeitsprozesses in Worte zu fassen verstehst, trägst du Wesentliches zu einer allgemeinen Förderung des Kunstverständnisses bei. Sicher macht auch dies, neben deinen kunstvollen Zeichnungen und deinen Gedanken zum Leben im allgemeinen, deinen Blog für so viele Menschen lesenswert.

    Gefällt 1 Person

    • gerda kazakou schreibt:

      Ganz herzlichen Dank, Ule, Da ich nicht „immer schon male“, also nicht aus Talent und Berufung, sondern erst mit 40 aus Not und dann auch aus Überzeugung zur Malerei gekommen bin, sind meine Motive vielleicht ein wenig anders als bei den meisten Künstlern. Ich muss immer auch erklären, was ich tue und warum. Und ich bin ebenso begierig zu erfahren, warum jemand – ob nun Künstler oder nicht – das tut, was er tut. Dieses beständige Befragen ist nicht immer hilfreich, wenn man kreativ tätig ist, und zum Glück schaffe ich es auch, meinen Kopf neben mich zu legen und einfach zu tun und erst hinterher zu fragen, was, warum, wieso. Wenn mein Überlegen zum allgemeinen Kunstverständnis beiträgt, wie du sagst, freut mich das natürlich sehr.

      Und da ich also immer alles befrage, befrage ich jetzt auch einen Ausdruck von dir: das menschliche Gehirn, so meinst du, filtere und vereinfache alle Wahrnehmungen. Ist es das Gehirn? Sicher, im Hirn werden die Synapsen gebildet, die dann unsere Wahrnehmungen leiten. Aber dahinter steckt doch wohl unser Ich, das sich aus dem Gesamtmenschlichen herausbildet und den Hirn-Filter angsam hervorbringt, so dass wir unsere Erfahrungen schließlich immer routinierter mit „so-ist-es-Sätzen“ zum Stillstand bringen. Wenn wir aber wollen (und ich will es beständig), können wir lebenslang an diesem Filter arbeiten, so dass immer wieder neue Blicke auf die Welt möglich werden. Das Hirn bleibt plastisch und fügt sich unseren Absichten.

      Gefällt mir

      • Ule Rolff schreibt:

        Um die Fähigkeit, den Kopf neben dich zu legen, beneide ich dich ein bisschen.
        Deine Frage, ob das Gehirn für die Vereinfachung der Wahrnehmung zuständig sei oder das Ich, stimmt mich etwas ratlos: zum einen empfinde ich nicht einen bewussten Vereinfachungswunsch meines Ich, so dass ich mit Freud allenfalls meinem Unterbewusstsein die Schuld zuschieben könnte / um anderen ist in meinem Verständnis das Gehirn die Schaltzentrale, in der alles sich verknüpft, Denken, Unbewusstes, Gefühle, Körperempfindungen – so gesehen IST das Gehirn mein Ich, plastisch allerdings und beständig erweiterbar und formbar. Aus deiner Äußerung schließe ich, das du das – bis auf die andauernde Plastizität – anders denkst oder empfindest.
        Die lähmende Wirkung von „so-ist-es“-Sätzen spüre ich auch und kämpfe darum, sie mir abzugewöhnen, seit langem schon und mit wechselndem Erfolg.

        Gefällt 1 Person

    • gerda kazakou schreibt:

      Stimmt, ich sehe das anders. Ich würde auch nicht sagen: „mein Auge sieht“, „mein Mund spricht“, sondern „ich sehe mithilfe meiner Augen“, „ich rede mithilfe meines Mundes“. Genauso nicht „mein Gehirn selegiert, denkt, fasst zusammen…“, sondern ich tue das mithillfe des Hirns.
      Anstatt „Ich“ hatte ich zunächst „Persönlichkeit“ geschrieben, da die spezialisierten Mechanismen des Wahrnehmens und Urteilens ja im Laufe der Sozialisation aufgebaut werden. Dann korrigierte ich und machte aus „Persönlichkeit“ „Ich“, das ich für das eigentliche Agens* ist, während die Persönlichkeit ein Produkt der Sozialisation darstellt, oder auch „ein Kleid des Ich“. Nur das Ich kann sich seiner Handlungen bewusst werden – Ich halte mich da nicht an die Freudsche Terminologie.

      *agens = wirkendes, handelndes, tätiges Wesen

      Gefällt mir

      • Ule Rolff schreibt:

        Den Begriff Ich anders zu definieren als Freud das getan hat, darin kann ich dir leicht folgen. Auch darin, Körperteile funktional im Dienste des Ich zu verstehen. Hier stutze ich: Gehirn ist ja auch ein Körperteil, somit also im Dienste des Ich? Ja. Aber dann rekursiv, sich selber dienend? Und wo befindet sich das durch Persönlichkeit bekleidete Ich? Da ich das Ich nicht außerhalb des Körpers denken kann, stelle ich mir vor … hmm. Liebe Gerda, hier wird es mir zu kompliziert, zumal mein neurologisches wie psychologisches Wissen zu beschränkt ist für solide Äußerungen und mein Kopf/Hirn/Ich zu müde um diese Tageszeit.
        Fit genug dir zu danken für diese Erweiterung meiner Ideenwelt bin ich aber noch.

        Gefällt 1 Person

    • gerda kazakou schreibt:

      siehste, dein Ich will mir noch danken, obgleich dein Hirn schon nicht mehr funktionieren möchte. Du (dein Ich) hörst nicht auf zu sein, weil dein Hirn streikt. 😉

      Gefällt mir

      • Ule Rolff schreibt:


        Das ist aber noch mal ein Häppchen für die Nacht! Ich bin gespannt, was mein TraumIch morgen daraus gemacht haben wird.
        Gute Nacht, liebe Gerda. 🌙

        Gefällt 1 Person

      • gkazakou schreibt:

        Ich auch! Gute Nacht!

        Gefällt mir

      • Ule Rolff schreibt:

        Nicht dass ich so lange geschlafen hätte 🙂, guten Abend, liebe Gerda.
        1.“dein Ich will mir … dein Hirn nicht mehr funktionieren möchte“ / 2.“meine Gehirn selegiert, denkt … ich tue das mit Hilfe des Hirns.“
        ad 1. Mein Hirn wollte SO nicht weiter funktionieren, es funktioniert zum Glück immer, sonst wäre ich tot.
        ad 2. Du siehst mit Hilfe deiner Augen, und wenn sie nicht mehr sehen könnten, wärest du zwar blind, aber immer noch hättest du ein Ich, das dann mehr hören, riechen, fühlen, denken könnte. Wenn dein Gehirn nicht mehr arbeiten könnte, würden auch dein Körper und dein Ich, aufhören zu existieren. Da besteht also offenbar ein existentieller Unterschied zwischen dem Gehirn und anderen Hilfsmitteln deines Ich.
        In welchem Verhältnis stehen denn für dich Ich und Gehirn zueinander?
        Ich verstehe, wenn du heute keine Lust mehr hast, auf diese Debatte zurückzukommen, wollte dir aber das Ergebnis der nächtlichen Etuden des Unterbewusstseins nicht vorenthalten.

        Gefällt 1 Person

    • gerda kazakou schreibt:

      Danke schön, liebe Ule, für deine Mitteilungen nächtlicher Überlegungen. Du hast recht, ich habe heute keine rechte Lust, diese Debatte weiterzuführen, muss morgen reisen. Nur so viel: bei allgemeinem Organversagen bin ich auch tot, dennoch würdest du doch wohl nicht sagen, dass Ich und meine Organe dasselbe sind. Das Hirn ist ein Organ, ein sehr spezielles und höchst komplexes und lebenswichtiges zwar, aber eben ein Organ. Ich HABE Organe, ich BIN sie nicht. Davon bin ich überzeugt. Gute Nacht, und träum recht gut! Gerda

      Gefällt mir

  4. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Während Du Dich im Siegel siehst (und wir dürfen mitsehen) übst Du Dich im genauen Hinsehen und wenn ich mir nun die Tasse herausgreife, dann sehe ich schon an dieser, daß Deine Genauigkeit den Dingen gut tut. Sie sind fast zu greifen und zeigen ihre Eigenheiten.
    Deine Gaben müßte frau haben *lächel*

    Gefällt 1 Person

  5. Ulli schreibt:

    Diese Zeichnung gefällt mir sehr, hier ist alles an seinem richtigem Platz und ich will nichts verrücken 😉
    Sehr gefällt mir auch dich dabei im Spiegel betrachten zu können und zu sehen, dass du nicht allein im Raum bist … sehr lebendig das Ganze.
    liebgrüß
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    • gerda kazakou schreibt:

      Ich freu mich, Ulli, dass dir die Zeichnung gefällt. Mir gefällt sie nämlich auch, ich finde sie höchst interessant und vielschichtig, dazu auch gut verteilt. Sie unterscheidet sich von den anderen vor allem dadurch, dass ich den Spiegel extra hingestelllt habe, um mich als reflektierendes ich, das allles miteinander verbindet, mit ins Bild zu bringen.

      Gefällt 1 Person

  6. Ule Rolff schreibt:

    Ich wünsche dir eine angenehme Reise, liebe Gerda, und ebenfalls eine gute Nacht. ☺

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.