Erster Januar 2019 mit Ouranios Toxos (Himmelsbogen)

Eine wahre Geschichte mit den Wörtern der laufenden Etüden-Woche:

 

 

 

 

In der gestrigen Silvester-Nacht stürmte es heftig, der Regen prasselte und peitschte auf Straßen und Bäume. Was würde aus den Zigeunern werden, dort, auf dem offenen Feld? dachte ich besorgt.

Heute gegen halb vier machte ich mich bei nachlassendem Sturm und Sprühregen auf um nachzuschauen. Auch ein paar Sachen hatte ich zusammengesucht, die ihnen vielleicht bei dem nasskalten Wetter nützlich sein könnten. Ich nahm den Pfad durch das Wäldchen mit den schwarzen, teils verbrannten Winterbäumen. Die Zigeuner waren nicht mehr da, ihre armselige Behausung – vorgestern noch so lebensvoll – lag offen und leer, ein Haufen Gelump.

Nachdenklich zog ich weiter. Nein, mein Herz blutete nicht, ich kannte die Leute ja gar nicht. Ich trauerte ein wenig der Gelegenheit nach, mich einmal mitmenschlich erkenntlich für das eigene Wohlergehen zu zeigen. Denn schließlich: der Erste Januar ist ein besonderer Tag, da ist man gern hilfsbereit und gastfreundlich, schon um das eigene Jahr zu segnen. An einem anderen Ersten Januar durfte ich es sein. Hier aber war nichts zu machen.  Wahrscheinlich waren sie weitergezogen. Doch warum hatten sie die Planen und sogar einen Teppich zurückgelassen? Hatte man sie etwa vertrieben?

Zweifelnd wandte ich mich noch einmal um. Da stand er, der Regenbogen, großmächtig, transparent, segnend, tröstend, über ihrem zerbrochenen Zelt. O, sie brauchten meinen Schutz nicht. Ein Größerer wachte über sie.

Dies ist keine abc-Etüde, keine Fiktion. Drum mache ich hier Schluss.

Erster Januar 2019, gegen 4 Uhr nachmittags. Oben: auf dem Gelände Vorres, Maroussi, im Hintergrund die Reste der Roma-Behausung.

Unten: Etwas später beim Weinfeld im Stadtwald: 2 x Blick nach Westen – 1 x Blick nach Osten

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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25 Antworten zu Erster Januar 2019 mit Ouranios Toxos (Himmelsbogen)

  1. Myriade schreibt:

    Müllentsorgung ist da kein Thema ….

    Gefällt 1 Person

  2. juergenkuester schreibt:

    Liebe Gerda!
    Ein passender Beitrag für den ersten Tag des Neuen Jahres wie ich finde: Das Band ist gespannt. Wie auch immer.
    Das hat mir sehr gefallen und mich in meinem Denken über das, was uns so alle verbindet, bestärkt und vorangebracht.
    Liebe Grüße Juergen

    Gefällt 3 Personen

  3. Christiane schreibt:

    Wie schön, der Schutz für die Unbekannten, den du durch den Regenbogen ausgedrückt fandest. Wie schön, dass du dich nachts auf den Weg machtest, um Hilfe anzubieten.
    Danke für diesen nachdenklichen Einstieg ins neue Jahr.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

  4. kunstschaffende schreibt:

    Das Regenbogenfoto ist grandios!😍
    Ich mag generell keine Vermüllung, egal von welchen Menschen die hinterlassen werden! Das der Müll exportiert wird, ist eine schlimme Tatsache!
    Ich versuche so wenig wie möglich in Plastik verpackte Lebensmittel zu kaufen, aber wenn ich sehe wie die offenen Lebensmittel angetascht werden, dann ekelt es mich schon manchmal! Man kann nicht alles mit heißem Wasser abwaschen! Die Colibakterien haben Hochkonjunktur!🤔

    Ich weiß von einer früheren Roma Bekanntschaft, daß diese auch sehr stolz sind! Und diese waren alles andere, als Unordentlich oder Schmuddelig!
    Hätten sie Deine Gaben überhaupt angenommen?🤔
    Vielleicht kommt es darauf an welcher Untergruppe sie angehören, ich weiß es nicht!😏

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Babsi, danke! Ja, die Roma sind stolz, aber sie nehmen in der Regel auch Sachen und Geld an, weil sie es brauchen. Sie sind, wenn du so wilst, oft stolze Bettler. Sie haben ein starkes Selbstbewusstsein und lassen sich nicht einschüchtern. Wenige schaffen es in die bürgerliche Gesellschaft mit normalen Berufen. Die gibt es aber natürlich auch. Aber die haben es dann auch nicht leicht, weil sie den Zusammenhang in ihrem clan verlieren.
      Natürlich sind dies nun Verallgemeinerungen, die stimmen und auch nicht, je nachdem. Ich betreue eine Familie seit vielen Jahren, auf die trifft es jedenfalls zu.

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  5. chris schreibt:

    Das zerbrochene Glas und das Durcheinander
    könnten schon auf eine Vertreibung hinweisen.
    Ein trostloser Anblick…

    Der Regenbogen tröstet dann wieder etwas. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  6. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,
    Regenbögen empfinde ich immer als glücksverheißend, möge es so für die Familie gewesen sein!!! Allerdings sieht es nach einem überstürztem Aufbruch aus (wegen der Decke, die noch über dem Gestell hängt) … schike ich ihnen gute Wünsche hinterher. Hier zeigt sich wohl wieder, dass die Romantik vom fahrenden Volk eine Mär ist!
    Ich sende dir die ersten Herzensgrüße im neuen Jahr, das bei uns mit dickstem Nebel begann, allerdings gab es an der roten Bank ein kleines, tolles Feuerwerk, wie nur für uns 😉
    Gutes dir und allen Menschen, Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Ulli, natürlich ist am Leben der Zigeuner nichts Romantisches. „Romantisch“ ist gelegentlich die Sicht von uns Nicht-Zigeunern, die wir im „fahrenden Volk“ etwas sehen, was uns so sehr fehlt. Wer immer diese waren: sie werden nicht zum ersten Mal überstürzt aufgebrochen sein, nicht zum ersten Mal vertrieben und nicht zum ersten Mal nass und durchgefroren unterwegs sein. Sie haben aber viel Kraft in sich, und,so glaube ich, auch den Schutz des Himmels.
      Dir eine gute Nacht!

      Gefällt 1 Person

  7. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Schade, daß Du sie nicht angetroffen hast, liebe Gerda.
    Es könnte schon sein, daß ihr Aufbruch überstürzt war, so wie es sich auf Deinen Fotos darstellt,
    aber es bleibt die leidige Müllgeschichte, die uns alle begleitet. Müll von hier nach da zu verschieben, ist mit Sicherheit die falsche Lösung und die Müllvermeidung scheint noch nicht zu klappen. Wenn ich ein Riesenkreuzfahrtschiff sehe, bzw. davon lese, denke ich automatisch an den Müll, der verursacht wird und frage mich, warum es überhaupt haushohe Schiffe geben muß…
    Der Regenbogen zeigt uns das Schöne, das Wunder der Natur und wir richten uns daran auf, für ein Weilchen wenigstens

    Gefällt 1 Person

  8. Anna-Lena schreibt:

    Sehr berührend, liebe Gerda.
    Für dich und deine Lieben ein gesundes und friedvolles Jahr!
    Herzlich,
    Anna-Lena

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  9. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 02.03.19 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer

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