Reise nach Neapel (3): Paestum. Raum- und Zeitgefühl

Campania heißt die Region im südwestlichen Italien, dessen Verwaltungszentrum Neapel ist. Sie gehört zur „Magna Grecia“. Das Gebiet wurde seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert von Griechen kolonialisiert. Neapel (Napoli) selbst ist eine griechische Gründung, wie der Name verrät: Neapolis heißt „neue Stadt“.

Hier wie auch im übrigen Magna Grecia triffst du auf Spuren der Städte-gründenden Griechen, der Normannen, der Mauren, der Schwaben, der Spanier, der Franzosen  und anderer Neusiedler, legaler Herrscher und Okkupanten.  Mit beachtlicher Leichtigkeit und Eleganz inkorporierte die Bevölkerung all diese fremden Einflüsse und formte daraus ein Neues, Unverwechselbares, ganz und gar Eigenes.

Paestum ist noch heute als griechische Gründung zu erkennen. Ein MUSS für die Bildungsreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts war der Besuch der mächtigen Tempel, die den griechischen Göttinnen und Göttern Hera, Athene, Zeus oder vielleicht auch Poseidon gewidmet waren und die seit dem  6.-5. vorchristlichen Jahrhundert aufrecht im nun verlassenen und zunehmend verödenden Gelände der einstmals bedeutenden Stadt standen.

 

Anders als im wasserreichen Tempeltal von Agrigent auf Sizilien wachsen hier nur wenige große Bäume, blühende Oleander und Kräuter. So ergibt sich ein gradezu „klassisches“ Raumgefühl – das freilich – historisch betrachtet – ebenso täuschend ist wie die rote Farbschwingung an Pompejis Wänden. Denn ganz anders als es der heutige Eindruck vermittelt, lebten die Griechen in ihrer einstmals großen Stadt. Menschengewimmel, Kaufleute, Handwerker, Pferdegetrappel und Hundegebell,  Geschäftigkeit, Farbenpracht – so seid ihr hin?

Heute herrschen klassische Ruhe, Hitze, Kräuterduft, und du suchst den Schatten der wenigen Bäume, schreitest wohl auch die Säulenreihen der schweigenden Tempel ab, deren Dächer und ummauerte Kammern mitsamt den Götterstatuen verschwunden sind. Vielleicht möchtest du auch die Tempel zuordnen, wissen, welcher der Hera, welcher dem Zeus bestimmt war, welche Stilrichtung  herrschte – dorisch oder ionisch vielleicht? – oder du sinnst nach über das halbe Rund, das einmal ein Theater war, in dem Tiere und Gladiatoren kämpfen mussten (das war nach der griechischen Zeit, die im 4. vorchristlichen Jahrhundert endete …)

 

Du drehst vielleicht noch eine Runde durch den Museumsbau, um die Metopen der Tempel, Skulpturen von Zeus und lieblichen Jünglingen, steinzeitliche Werkzeuge, Äxte und Göttinnen-Idole aus der Bronzezeit, Knochen in Höhlen und spätgriechische Kultvasen zu beschauen und dich informieren zu lassen, wo die Küstenlinie während des Holozens verlief und wie die Bevölkerung vor 40 000 Jahren auf die Eiszeit reagierte. Unmöglich, sich durch die Artefakte, die durchaus liebevoll präsentiert werden, dem Raum- und Lebensgefühl derer zu nähern, die einst, getrennt durch Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dieselbe Gegend bewohnten. Alles verschmilzt zu einem Surrounding, und in Erinnerung bleibt vor allem das Raumgefühl, das durch das Museum selbst erzeugt wird, während sich das Zeitgefühl im Nebel der Jahrtausende auflöst.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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23 Antworten zu Reise nach Neapel (3): Paestum. Raum- und Zeitgefühl

  1. Katrin - musikhai schreibt:

    Alles voller antiker Schätze! Danke fürs Zeigen!

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  2. Sarah schreibt:

    man lernt doch immer wieder im Leben etwas dazu.
    einen schönen Abend liebe Gerda und liebe Grüsse zu dir.
    Sarah

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  3. kopfundgestalt schreibt:

    Sehr fein erzählt!
    Ein Anstoß von Dir: Was wissen wir vom Lebensgefühl der Menschen vor 1000ten von Jahren?
    Immer wieder gibt es Versuche, etwa das Leben im Mittelalter nahezubringen. Ich zweifele, ob man da einen echten Einblick gewinnen kann.
    Man sagt, manche Philosophen hätten nachhaltig das Denken bis in alle Teile der Gesellschaft geprägt. Noch immer erstaunt es mich, so etwas zu lesen, aber es muß wohl so gewesen sein.

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    • gkazakou schreibt:

      Es ist schon schwierig genug – wenn nicht sogar unmöglich -, sich in das Lebensgefühl von Menschen einer erst kürzlich vergangenen Epoche (wie das europäische Mitelalter) zu versetzen. In Museen wie dem von Paestum kommt hinzu, dass Artefakte aus sehr verschiedenen weit auseinander liegenden Epochen gezeigt werden. Es wird dem modernen Besucher suggeriert, dass Steinzeit-Werkzeuge, Muttergottheiten und Vasen der römischen Spätzeit irgendwie „zur selben Zeit und Epoche“ gehören, nämlich zur „Vergangenheit“, da die Artefakte nun nebeneinander in den Vitrinen stehen. Ich bin hier – sagt sich der Besucher – und all die anderen sind tot und vorbei. All das, was sie geschaffen haben, ist nun museal, also gleich. Dabei lag Paestum zur Gründungszeit am Meer, heute aber tief im Land, und die jetzt ausgegrabenen Strukturen waren lange Zeit überbaut von späteren Siedlern und Kulturen, sogar von christlichen Kirchen, denn Paestum war jahrhundertelang Bischofssitz usw usf. Und was das Holozän oder die Würm-Eiszeit betrifft, in der die Gletscher bis nach Süditalien vordrangen …

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      • kopfundgestalt schreibt:

        Von daher mehr Bescheidenheit, liebe Gerda. Zu viele maßen sich an, so scheints mir, tief reinblicken zu können in vergangene Zeiten.

        Auch heute ist vielerlei Gedankengut nicht Allgemeinbesitz.
        Z.B. die schnöde und schlichte Gleichstellung der Geschlechter. Es haben da nicht Jahrtausende und Jahrhunderte gereicht.
        Von daher sehe ich irgendwie schwarz.
        Wie sagte ein Spiritueller: Wenn 10 – 15 % der Menschen an einem Strang ziehen würden, könnte das Paradies auf Erden entstehen. Doch wo sind die gebündelten 10 – 15 %?
        Die ganzen Gurus, die es gibt, sprechen
        jeder für sich von möglicher Erlösung auf Erden. Klar gibt es dabei eine theoretische Chance, die Chance der Vernunft.
        Tja!

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      • Ulli schreibt:

        Hallo Gerhard, ich lese gerade ein sehr spannendes Buch, das mir just aufgrund deines Kommentars eingefallen ist: Abdi Assadi – Schatten auf dem Weg – Wie uns die Suche nach Erlecuhtung hinters Licht führen kann…
        liebe Grüße, Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Ich komm jetzt grad nicht mit, Gerhard, wie sich deine Gedanken über Welterlösung mit meinen Gedanken zu Gefühl und Vernunft verbinden. ich wollte ja nur drauf aufmerksam machen, dass der einseitige Gebrauch des Verstandes (sprich: positive Wissenschaft) genauso wie das unverständige Gefühl (sprich: Schwärmerei) in die Irre führt, Diesen Gedanken äußerte auch Pascal.

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      • kopfundgestalt schreibt:

        Ja, diesen Pascalschen Gedanken hatte ich auch so verstanden.

        Meine Fortführung war der Feststellung geschuldet, daß „Auch heute vielerlei Gedankengut nicht Allgemeinbesitz ist“. Wir sprachen ja über das Gedankengut vergangener Zeiten. Daß man sich da nicht reindenken kann. Und daß wohl einige Philosophen für die Menschheit prägende Gedanken hatten. Aber so prägend waren ihre Gedanken in mancher Hinsicht dann doch nicht.
        So führte eins zum anderen.

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  4. Deine schönen Reisebeschreibungen habe ich mit großem Vergnügen gelesen, zumal alte Erinnerungen an frühere Reisen, von denen ich gar nichts mehr ahnte unterstützt durch die tollen Fotos wieder ans Tageslicht gekommen sind und eine große Lust ausgelöst haben, eine ähnliche Reise mit „neuen Blicken durch die alten Löcher“ (Lichtenberg) zu unternehmen.

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  5. kunstschaffende schreibt:

    Einfach fantastisch was uns diese Epochen hinterlassen haben! Gespickt von KUNST und architektonischer Schönheit bzw Meisterleistung!
    Du hast tolle Fotos gemacht und Dein geschichtlicher Spaziergang ist super interessant!

    Liebe Grüße zur Nacht Babsi

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  6. Ulli schreibt:

    Du verstehst es auf deine Art die Zeiten von damals und jetzt aufzulösen, du oder dieses Museum – und natürlich kennst du die Theorie, dass es gestern, heute und morgen gar nicht gibt, nur von uns Menschen, weil wir es nicht anders denken/empfinden können…
    https://cafeweltenall.wordpress.com/2014/10/10/zeit-3/
    https://cafeweltenall.wordpress.com/2014/07/27/verbundenheit/
    https://cafeweltenall.wordpress.com/2014/06/30/der-klang-der-zeit-von-richard-powers/
    https://cafeweltenall.wordpress.com/2013/09/30/zeit-2/
    etc. –
    herzliebe Grüße zur guten Nacht oder zum frohen neuen Morgen, Ulli

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  7. rotewelt schreibt:

    Deine Bilder von Paestum rufen Erinnerungen wach. Und anscheinend waren während deines Besuchs auch keine Massen unterwegs, wenn ich die Fotos so betrachte. Ich glaube, Paestum wird auch von vielen Touristen nicht besucht, es scheint doch im Schatten von Pompeji zu stehen, dabei lohnt sich der Besuch, wie auch deine Impressionen zeigen.

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  8. gkazakou schreibt:

    Paestum ist ein ganz anderer Ort, vermittelt ein ganz anderes Gefühl als Herkulaneum (das ich besuchte, nicht aber Pompeji, das arg überlaufen ist). In würde es versuchsweise Klassik vs Romantik nennen. Die vom Vulkan so grauenhaft in 24 Stunden zerstörten Städte mit ihren lieblichen Und erotischen Wandbildern sprechen das romantische Gefühl an – und das ist beim modernen auf Erregung erpichten Touristen leichter aufzurufen als die ruhig abwägende Schau der Klassik. In Paestum kommen auch Busse an, aber die Menschen verlieren sich auf der großen Fläche.

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  9. www.wortbehagen.de schreibt:

    Danke für Deine wundervollen Blicke in die Zeit, lange vor Chr. Geburt, liebe Gerda.
    Im Laufe der Jahrtausende mischten sich die Kulturen und die Blicke zurück lassen uns staunen.
    Das Quirlige verschwand und von Stille umgeben sind nun diese magischen Orte.
    Nur noch Betrachter sind wir dort, wo alles mal so ganz und gar anders war …Ein seltsames Gefühl ist es, in eine vergangene Zeit hineinzublicken

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  10. Pingback: Facebook und das Hakenkreuz | GERDA KAZAKOU

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