Blech-Sieb, metallener Blumenübertopf, Keramikschälchen, Kaffeetässchen aus Porzellan, Holz und Granatapfelblüten (Bleistiftzeichung)

Heute habe ich auf meinem schwarzen 6-eckigen Gartentisch, dessen Spanholzplatte verfärbt ist und interessante Brüche aufweist, wieder ein paar  Dinge aufgebaut: ein altes Sieb aus Blech – Erbstück von der Schwiegermutter -,  einen gehämmerten Blumenübertopf, den ich für Sammelsurium verwende, ein Joghurtschälchen aus schlichter Keramik, eine winzige Tasse für griechischen Kaffee und ein gewundenes helles Schwemmholz. Auf der Tischplatte lagen ein paar vertrocknete Granatapfelblüten, die ich mit einbezog.

Was hat mich gepackt, dass ich diese Dinge zeichne? Und dann auch noch in möglichst akribischer Form? Immer mal wieder stelle ich mir solche Fragen, denn ich bin ja nun schon seit ein paar Monaten auf diesem Trip. Heute ging ich sogar ins Internet mit dem Suchbegriff „sich mit den Dingen beschäftigen“. Und was fand ich? Eine Menge Seiten über Beschäftigungen für Kleinkinder, Demenzkranke und Hunde. Ansonsten nur Dinge im übertragenen Sinne, insbesondere „Beschäftigung mit religiösen Dingen“.

Wer braucht Dinge? Wir alle. Unsere Welt ist vollgestopft damit. Doch Beachtung schenken ihnen vor allem Kinder und alte Leute.  Dinge sind Anker der Welterfahrung für die ganz Jungen und der Erinnerung für die Alten.

Dinge sind aber noch weit mehr – und das eben fasziniert mich. Andere, mir unbekannte  Menschen haben sie hergestellt aus Materialien und in Fabrikationsweisen, von denen ich nichts weiß. Wie wenig habe ich sie in meinem Leben beachtet! wie gleichgültig habe ich sie benutzt! Jetzt schreien sie nach Beachtung, und ich stehe staunend vor ihren Formen und Materialien. Schwierig sind sie zu zeichnen.

Nehmen wir das Sieb, dessen wohl geordnete Löcher mal Dunkelheit, mal Helligkeit durchlassen, dessen verbeulte Oberfläche das Licht unterschiedlich bricht, mal matt aufscheinend, mal greller, mit wandernden Schatten und Lichtreflexen je nach Sonnenstand und Bewölkung, die Ränder teils hart, teils weich gerundet. Ich zeichne und beobachte und zeichne. Und meine Gedanken wandern zu denen, die es vor vielen Jahren fertigten – wann war das wohl? In den Nachkriegsjahren, oder ist es schon länger her? Welche Werkzeugmaschinen damals wohl eingesetzt wurden? Wie wurden die Arbeiter – oder waren es Arbeiterinnen? – entlohnt? Woher kam das Blech, woher das Material der Griffe? Wer sich wohl die Form und die blumenhaft geordneten Löcher ausgedacht hat? Wie sah wohl das Geschäft aus, in dem es angeboten wurde? Und wie kam es in den Haushalt meiner Schwiegermutter? Ich denke an die unzähligen Male, dass darin Gemüse gewaschen, Spagettis abgetropft wurden. Ich weiß nicht, wie es zu uns kam, vermutlich hat sie es uns mal gebracht, denn sie kochte gelegentlich auch für uns. Ich habe es nie besonders beachtet, dies Sieb und all die vielen Dinge, die mich umgeben. Ich habe keine Gedanken an die einfachen Dinge verschwendet, sondern habe mich lieber mit „geistigen Dingen“ befasst. Aber sie haben mir gedient und dienen mir weiterhin. Und nun fühle ich die Notwendigkeit, sie zu beachten, samt ihren unbekannten Schöpfern.

Die Naturdinge setze ich dazu, um mir eine genauere Vorstellung von dem Unterschied zu bilden: Worin unterscheiden sich die menschengemachten von den natürlichen Objekten?

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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25 Antworten zu Blech-Sieb, metallener Blumenübertopf, Keramikschälchen, Kaffeetässchen aus Porzellan, Holz und Granatapfelblüten (Bleistiftzeichung)

  1. kunstschaffende schreibt:

    Ich bin einfach beeindruckt von Deiner Zeichenkunst! Auch die Wahl der dargestellten Dinge sind besonders! Man sieht den sicheren Strich, man sieht die Freude, die Du dabei hast!
    Du bist eine besondere Künstlerin liebe Gerda!

    Mit den Dingen, die unseren Alltag begleiten, die wir für selbstverständlich erachten und garnicht mehr wahrnehmen hast Du recht! Ich stelle mir gerade vor, wenn ich sie nicht mehr hätte.🙈😯

    Wünsche Dir einen schönen Restabend und einen wundervollen Sonntag!

    LG Babsi

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  2. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Gerda,
    mein Sieb ist aus blau-weißem Metall – ein ganz klassisches Sieb, ich habe es noch zu Lebzeiten von meiner Mutter bekommen und mag es sehr.
    Bei der Führung der Unterwelten in Berlin Gesundbrunnen haben wir gelernt, dass nach dem zweiten Weltkrieg aus den alten Armeehelmen Siebe hergestellt wurden. Skuriler Gedanke, oder?
    Tja, ein Gedächtnis wie ein Sieb? Ich weiss nicht, Gerda, ich frage mich in letzter Zeit, ob es nicht einfach ein selektives Gedächtnis ist und ob das nicht eigentlich auch schön ist?
    Liebe Grüße von Susanne

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  3. violaetcetera schreibt:

    Irgendwie lächelt es mich aus den Tiefen der Kaffeetasse an 🙂 Du hast Recht, wir sollten den Dingen um uns herum mehr Beachtung schenken.

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  4. mmandarin schreibt:

    Deine Gedankengänge berühren etwas in mir. Seit geraumer Zeit geht es mir ähnlich…ich betrachte und achte die täglichen Gegenstände mit besonderer Aufmerksamkeit. Zum Beispiel meine Wärmeflasche, die mir den verspannten Rücken wärmt, oder die simple Zitronenpresse, mit der ich täglich meine morgendliche Zitrone auspresse. Was für eine grandiose Erfindung. Ein lieber Freund, ein Maler, der das große Unglück hatte, dass 2016 sein Atelier ausgebrannt ist und dessen Lebenswerk nahezu zerstört war, malt nun alle Gegenstände, die das Feuer überlebt hat. Sehr anrührend und wunderschön. Vielleicht zeige ich sie einmal. Deine Zeichnungen sind wunderschön. Liebe Gerda, ich schicke einen morgendlichen Gruß zu dir. Marie

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  5. juergenkuester schreibt:

    Liebe Gerda!
    Die Welt der Dinge ist wohl ein nie endendes Thema, denn wie Du schon geschrieben hast, ist unsere Welt voll davon.
    Folgende Gedanken schossen mir durch den Kopf:
    Was ist der Unterschied zwischen einem Ding in der Welt und einem Werkzeug?
    Stehen wir immer in Beziehung mit den Dingen?
    Gibt es neben dem funktionalen und emotionalen Bezug noch eine andere Ebene der Beziehung zwischen uns und den uns umgebenden Gegenständen?
    Welche Geschichten erzählen erzählen diese Gegenstände?
    Zählen meine OrtsMarken auch zu diesen Dingen der Welt?
    Begreife ich die Welt, wenn ich die Dinge begreife?
    Aber vielleicht sind das alles auch nur überzogene gedankliche Fragen und in Wahrheit ist alles viel einfacher: die Dinge helfen uns das Leben zu meistern und erfreuen uns.
    Liebe Grüße
    Juergen

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    • gkazakou schreibt:

      Lieber Jürgen, wie immer habe ich sehr gern deine Fragen gelesen. Darf ich ein paar Antworten versuchen?
      Jedes Werkzeug ist ein Ding – und Dinge können zum Werkzeugen werden, wenn ich sie dazu bestimme. So sah ich gestern die Verkäuferin im Elektronikladen ihr Namensschild aus der Bluse ziehen und mit der Nadel den Chip aus dem smartphone drücken. Ich kann im Notfall auch die eiserne Teekanne zum Hammer machen …
      Welche „andere“ Beziehung haben Dinge zu uns? Oft sind sie schon vor uns dagewesen und sehr oft überleben sie uns. In der heutigen Konsumwelt mit eingebautem Verschleiß oder in Zeiten vernichtender Kriege ist das allerdings nicht mehr so sicher. Gestern sah ich (als video) in die Ruinen ihrer zerbombten Wohnhäuser zurückkehrende Menschen auf der Suche nach Dingen, die noch irgendwie brauchbar sind oder an die sich eine Erinnerung heftet.
      Dinge verbinden uns mit den Menschen, die sie produzierten, und mit der Erde, aus der die Stoffe genommen wurden. Wenn du diese Beziehungen begreifst. begreifst du mehr von der Welt.
      Dinge sind ein (totes) Bindeglied zwischen der (lebendigen) Natur und uns Menschen. Und sie verbinden auch Menschen untereinander, Lebende und Tote.
      Es besteht die Gefahr, dass wir die lebendige Welt durch unser Denken und Handeln zum toten Ding machen. Dagegen hilft, dem Ding seine Lebendigkeit zurückzugeben.
      Kennst du den Film „Die Götter müssen verrückt sein“?
      Deine Ortsmarken? Deine Antwort würde mich interessieren. Liebe Grüße dir! Gerda

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      • juergenkuester schreibt:

        Liebe Gerda!
        Danke für Deine Antworten. Sie haben geholfen.
        Das hier ist es. Du schreibst „Dinge verbinden uns mit den Menschen, die sie produzierten, und mit der Erde, aus der die Stoffe genommen wurden. Wenn du diese Beziehungen begreifst. begreifst du mehr von der Welt.
        Dinge sind ein (totes) Bindeglied zwischen der (lebendigen) Natur und uns Menschen. Und sie verbinden auch Menschen untereinander, Lebende und Tote.“
        Und hier sehe ich auch den Bezug zu meinen OrtsMarken, die ja als Abfall und Weggeworfenem auf dem Boden liegen, Teil von Dingen waren, die Stelle markieren, von mir aufgehoben und isoliert werden und mich in Verbindung bringen mit etwas, was ich nicht genau kenne, aber mir vorstellen kann. Sie erzählen mir etwas und es spielt keine Rolle, ob diese Geschichten der Wahrheit entsprechen oder erfunden sind. Aber ich beginne zu verstehen.
        Schönen Restsonntag, Liebe Grüße
        Juergen

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Jürgen! Mir scheint, ich verstehe dein Konzept der Ortsmarken jetzt auch besser.

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  6. www.wortbehagen.de schreibt:

    Liebe Gerda, wie wunderschön ist Deine neue Zeichnung. Eine Zeichnung mit Dingen aus dem Alltag, die mir wirklich nicht alltäglich, sondern wie wohlgeformte Dinge unseres Lebens vorkommen, die benutzten Dinge, die wir zum Hantieren brauchen, manche täglich und andere nur ab und zu. Jedes Ding hat seinen Wert und so wird es zu etwas Wert vollem, das Du uns in Deiner unnachahmlichen Art des Zeichnen zeigst.
    Aus meinem Elternhaus besitze ich noch vieles an Dingen und jedes Stück ist mir ans Herz gewachsen, wegen all der Erinnerungen, die es für mich hat.
    Bei uns zuhause kam z.B. in regelmäßigen Abständen auch ein Händler vorbei, dem mein Opa einen großen Sack mit Lumpen übergab und er bekam von diesem Hausierer nach langen Verhandlungen immer eins oder auch mehrere Stücke Geschirr, Schälchen aus Glas oder auch Keramik. Mich faszinierten diese Geschäfte mit dem Hausierer sehr.
    Vielleicht wurde ich so nach und nach zu einem Sammler, der ich bis heute geblieben bin.
    Gehe ich über einen Flohmarkt, besehe ich mir die *unmöglichsten* Dinge, wenn mir etwas an ihnen auf- und gefällt.
    Und so, liebe Gerda, kam ich zu vielen scheinbar unützen Dingen, die ich immer mal wieder betrachte, säubere und umordne 🙂 Eigentlich möchte ich mit all meinen vielen Worten nur sagen, wie sehr ich die kleinen wichtigen DINGE mag, über die man so selten spricht.
    Du malst sie jetzt und das ist gut!

    Liebe Sonntagsgrüße von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, wie gern ich deine Erinnerungen an den Opa und den Hausierer gelesen habe! Ich sehe die Szene vor mir. Danke dafür.
      In deinem Haushalt würde ich wohl gar nicht mehr aufhören können zu zeichnen. Herzliche Pfingstgrüße von mir hin zu dir (hier ist Pfingsten)

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  7. Werner Kastens schreibt:

    Ein faszinierendes und ich glaube existentielles Thema, das Du da eröffnet hast!

    Frage an Dich, lieber Gerda, als Malerin: Ein Bild ist ja auch ein Ding, aber ist ein Bild nur ein Ding?

    Das (manchmal plötzliche und in folgenden Augenblicken/Tagen/Jahren manchmal andere) Entdecken eines Bezuges zu einem Gegenstand, zu einer Musik, zu einem Bild; eine mit dem Gegenstand/Musik/Bild verbundene oder bewusst gewordene Erinnerung: damit hauchen wir den nicht lebenden/nicht beweglichen Dingen doch „Leben“ ein und geben ihnen quasi eine (permanente oder wechselnde) Seele. Und dass wir das können, das ist halt die Segnung und das unfassbar Schöne, Mensch zu sein.

    LG Werner

    Gefällt 1 Person

  8. Ich kann mich nur den meisten KommentatorInnen anschließen und deine exellente Zeichenkunst bewundern. Wieder einmal toll!

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  9. Pingback: Mamas Blechsieb – Susanne Haun | Susanne Haun

  10. Pingback: Nach dem Regen: Der alte Tisch | GERDA KAZAKOU

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