Es weihnachtet sehr

Heute blies es eiskalt von den Bergen, der Unrat wirbelte durch die engen Athener Altstadtstraßen, und E zog mich ins nächstbeste Cafe. Da seien die Kellnerinnen in Trachten und alles wahnsinnig toll dekoriert. Was stimmte. Vor der Tür stand schon mal eine alte Kutsche mit naturgetreu nachgebildetem Pferdchen, und ein mürrischer Mann in Zylinder und zerschlissenem grauem Überrock wies uns in den ersten Stock. Gehorsam erstiegen wir eine enge Treppe und landeten in einem Raum, in dem sich so ziemlich alles, was irgendwie an Weihnachten gemahnt, ein Stelldichein gegeben hatte. Das Ganze überwuchert von Lichterketten und weißen Flocken. Wir ließen uns neben einer geschnitzten Krippenszene nieder und bestellten, dem Ort angemessen, heiße Schokolade. Aus den Lautsprechern tönte die Kleine Nachtmusik ….
Als ich dann aber all die Eulen mit ausgebreiteten Flügeln unter der Decke fliegen sah, wollte ich fliehen. Die gekrönte Prinzessin, die als Kellnerin fungierte, versicherte mir zwar, die seien nicht echt, aber: woher waren dann ihre Flügel, ihr schöner Federschmuck? Und die anderen Vögel in altmodischen Käfigen und überhaupt dies ganze wahnsinnige Ambiente fing an, mir unheimlich zu werden.
Natürlich floh ich nicht, sondern trank meine Schokolade aus, hörte in den Gesprächspausen noch andere Musik – nein, Jingelbell war es nicht – und freute mich, mit E zusammenzusein, die ich seit zwei Monaten nicht gesehen hatte. Sie erzählte mir von einer Gruppe, bei der sie Schamanisches mit Aufstellungen verband. Und von ihrer Arbeit in der Abendschule, die immer schwieriger wird. Die Drogenszene ist bis in den Schulhof vorgedrungen, und viele Schüler versäumen den Unterricht. Es ist dieselbe Schule, an der ich eine Weile kunsttherapeutisch tätig habe. Wenn es dich interessiert: hier findest du einen Beitrag dazu.

Für Ostern wird umdekoriert, vernahmen wir auf Nachfrage.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Antworten zu Es weihnachtet sehr

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Liebe Gerda, die Federn stammen zumeist von gerupften Hühnern und werden dann eingefärbt, aber mir wären Einhörner, Eulen und Weihnachtsdeko schon zu viel, um mich dort zu entspannen 😉

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  2. C. A. A. schreibt:

    Oh, ich glaube das wäre ein Ort an dem ich mich wohl fühlen würde 😀

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  3. Ulli schreibt:

    Genau … das Einhorn darf auch nicht fehlen, es feiert ja seit einiger Zeit ein Riesencomeback, wieso nur, frage ich mich immer wieder …
    und sonst: boah ja, ziemlich viel auf einmal und ziemlich kitschig, wobei einzelnes ja vielleicht ganz hübsch ist, aber in der Fülle. Ich kenne so ein vollgestopftes Café im Elsass, mich macht das auch immer eher unruhig … aber wem es gefällt …
    Heute findet auch bei mir meine erste Runde für dieses Jahr mit den schamanischen Reisen statt und auch ich habe mich dazu entschieden das Ganze mal auf etwas neue Füße zu stellen, da würde ich gerne einmal mit E. plaudern, aber nun… jetzt warte ich erst einmal den heutigen Abend ab und schaue mal wie die Veränderungen aufgenommen werden.
    Ansonsten war heute hier ein Frühlingstag mit Sonnenschein und Vogelzwitsch und feinem Schwung!
    herzlichst, Ulli, die olle Plaudertasche 😉

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  4. kormoranflug schreibt:

    Was die jungen Schamanen heute so machen. Kormorans Federn stellen sich auf.

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  5. wildgans schreibt:

    Vermittelt gute Lebensfreudinge!
    Aufstellungen hoffentlich nicht nach Hellinger, sondern nach Virginia Satir, die die eigentliche „Erfinderin“ dieses hilfreichen Therapeutikums war.
    P.S.: Meinem Misshandler die Füße küssen, ich bitte dich…:-(

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  6. christahartwig schreibt:

    Gerade muss meine Phantasie sich ordentlich anstrengen. Weihnachten? Wenn ich richtig informiert bin, feiert auch die griechisch orthodoxe Kirche Weihnachten nach dem gregorianischen Kalender, und selbst nach dem julianischen wäre es jetzt zu spät, oder?
    Und dann die Eulen! Eine meiner liebsten Kurzgeschichten ist „Ich trage eine Eule nach Athen“ von Wolfgang Hildesheimer [http://www.zeit.de/1954/07/ich-trage-eine-eule-nach-athen], der (und Wikipedia) zufolge, es in Athen keinesfalls von Eulen wimmelt.
    Liebe Gerda, die Hauptsache ist ja aber, Ihr hattet ein interessantes und anregendes Erlebnis. Den Creative Arts Therapy-Eintrag lese ich noch.

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  7. www.wortbehagen.de schreibt:

    Verrückt, weihnachtliche Deko auch jetzt noch zu finden und ich kann verstehen, daß Du Fluchtgedanken hattest …

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  8. www.wortbehagen.de schreibt:

    hätt ich sicherlich auch so empfunden und bei ältlichen Federchen jede Menge über mir hätte ich vermutlich gleich geniest 🙂

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  9. chris schreibt:

    gruselig – Weihnachten ist mir so schon ein Graus,
    bin immer froh, wenn der Dezember endlich vorbei
    ist – nein, die „Eulen“ sind nicht schön und der andere
    Tand auch nicht – übrigens hattest Du Recht, es ist
    bei euch tatsächlich im Moment kälter als in Ffm…
    ( aber das wird sich bald wieder ändern ) 😉

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  10. gkazakou schreibt:

    gruselig ist das richtige Wort. Ich versteh nicht, dass es so manchem gefällt. Eine ältere Frau kam uns am Eingang entgegen, und wir fragten sie, wie es drinnen ist. „Wunderbar, was sage ich, herrlich!“, Sie war total begeistert. Tja, über Geschmäcker zu streiten, ist sinnlos.
    Hier scheint seit gestern eine wärmende Sonne, es ist schön. Und ich sah erste Mandelblüten.

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