Die anspruchsvolle Madame Kolokytha

War die anspruchsvolle Madame Kolokytha – sie heißt übrigens mit Vornamen Olympia – mit ihrem Portrait zufrieden? Bruni meinte zuversichtlich: Ja, bestimmt! Aber was meinte diese selbst? Nun, mit sich selbst war sie durchaus einverstanden. Sie drehte und wendete sich kokett vor dem Bild, als  sei’s ein Spiegel, und spitzte das Mündchen. Aber dass da diese beiden Lumpen hereinspazierten, das passte ihr denn doch nicht. Ich verhandelte hart mit ihr. Ob es jedenfalls einer sein dürfe? Vielleicht als ihr Diener, ihr Knecht? Das überzeugte sie: Gut, aber er müsse sich dezent im Hintergrund halten.

Ich radierte also das eine Schilfwurzelmännchen weg und zeichnete dem anderen eine Art Verhau. Möge er sich dort aufhalten, bis die Dame ihn zu sich befiehlt!

Diese Lösung gefiel ihr nicht schlecht. Doch nun nörgelte sie, weil sie so grau aussah. Ich erklärte ihr, dass es sich um eine Bleistiftzeichnung handele, und daher…. „Papperlapapp“, fuhr sie mir in die Rede. „Wozu gibt es Fotoshop?“ Ja, wozu wohl? Ich versuchte es mit der Umwandlung in eine Rötelzeichnung:

„Besser als grau“, murmelte sie, „viel besser. Aber warum hat der Kerl dieselbe Farbe wie ich?“ Da stand ich nun, bzw saß ich am Computer und mühte mich ab, die Szene einzufärben.

Sie betrachtete das Ergebnis – und fand es fad. „Ich bin farbiger!“ sprach sie. Das stimmt zwar nicht, sie ist eher fahl, aber wer mag einer Dame widersprechen? Ich verstärkte also ihre Farben, und sie  nickte das Werk schließlich gnädig ab: „So mags hingehen“.

Madame hat nicht viel Kunstverstand. Aber ich vermute, sie hat irgendwo in ihrem hübschen Köpfchen das Bild „Olympia“ von Edouard Manet gespeichert , und das liefert ihr nun mehr oder weniger bewusst die Kriterien für ein „gelungenes Portrait“.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Commedia dell'Arte, elektronische Spielereien, Leben, Meine Kunst, Psyche, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Die anspruchsvolle Madame Kolokytha

  1. Ulli schreibt:

    „Frau“ hats nicht leicht als Madame Kolokytha, da mag ich gar nicht tauschen, aber sie hat schon Recht, wenn sie ein bißchen leuchten mag 😉
    herzliche Nachtgrüße, Ulli

    Gefällt 3 Personen

  2. finbarsgift schreibt:

    Die Kunst der olympischen Metamorphosen…
    Bonjour liebe Gerda

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  3. juergenkuester schreibt:

    Zwiegespräch: wer redet hier eigentlich mit wem? Die zwei Protagonisten miteinander? Du mit Dir selbst? Du mit uns, den Betrachtern? Viele Ebenen.
    Ich finde es schön, einem solchen Prozess nachvollziehen zu dürfen.
    Liebe Grüße Juergen

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      wer mit wem redet? Na, die eine ist mit Sicherheit Madame Kolokytha. Die andre Person war in dem Falle ich 😉 Bis, natürlich, auf den letzten Schlenker, da wende ich mich an Kunstsinnige wie dich und deinesgleichen 🙂

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  4. Susanne Haun schreibt:

    Deine Freude mit Photoshop springt förmlich aus den Bildern heraus, liebe Gerda.

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  5. TeggyTiggs schreibt:

    …ich nehme mal an, Olympias Innenleben ist stärker ausgeprägt, als ihr Äußeres es vermuten lässt…und genau das ist ihr Problem…

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  6. www.wortbehagen.de schreibt:

    und nun ist am Ende das Wurzelmännlein noch schöner als sie, aber sie wollte es ja so 🙂
    Es liegt an ihrem mangelnden Selbstbewußtsein, liebe Gerda. Sie sollte unbedingt mal an einer Therapiestunde teilnehmen *g*
    Madame Kolokytha und das Wurzelmännlein könnten ein so schönes Paar sein; in den Hölzern, die ihn umzingeln, sieht er nun so hilfeflehend aus

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