Griechische Kunst: Yannis Kounellis und Dimitris Mytaras

Heute morgen haben es die Portraits zweier bedeutender griechischer Künstler auf die Titelseite unserer Tageszeitung Kathimerini geschafft. Leider. Denn diese Ehre wurde ihnen zuteil, weil sie beide gestern abend starben. Der eine 81 jährig in Rom, wo er lebte, der andere 83jährig und seit zwei Jahren erblindet, in Halkida auf Euböa. Ich habe gelegentlich ein wenig von ihnen erzählt (hier und hier). Yannis Kounellis war für mich persönlich der wichtigere, seine Kunst spricht unmittelbar zu meinen Sinnen und regt mein Denken an. Die Kunst von Dimitris Mytaras empfinde ich eher als kalt und glatt, zumal sie zigtausend mal reproduziert und gerahmt, in Arztpraxen und sorgfältig gestylten Wohnungen die Wände schmücken. Es war wohl sein großes Zeichen-Talent und sein Hang zu dekorativer Kunst,  die ihn so beliebt machte. Zudem war er trotz seines riesigen Erfolgs ein kluger, sympathisch-zurückhaltender Mensch.

img_9728Aus der Zeitung fotografierte ich heute die Photos ab, die dort aus Anlass der traurigen Neuigkeiten veröffentlicht wurden. img_9730 Yannis Kounellis: Seine Arte Povere Installationen aus Kohle, Eisen, Säcken und anderen „ersten“ Materialien machten ihn weltweit bekannt. Die Installation mit den schwarzen Mänteln (links) sah ich im Kykladen-Museum von Athen und machte eine Reihe von Fotos hier. Das „Labyrinth“ (rechts unten) hat vielleicht eine/r von euch Berliner/innen gesehen,  er zeigte es, ich weiß nicht in welchem Jahr, in der Neuen Nationalgallerie.

Kounellis, geboren 1936 in Piräus, lebte, seit er durch die Prüfungen für die Athener Kunstakademie fiel und er zum Studium nach Rom ging, in Rom.  „Italiener griechischer Herkunft“ nannte er sich. Ihn faszinierte, sagt er, die σάρκα/sarx – das „Fleisch“, der „Körper“ der Madonnen von Tizian, die so ganz anders präsent waren als die byzantischen Madonnen -, und ich will ihm wohl glauben, denn seine Kunst ist eben eine, die die sarx der Dinge direkt und unmittelbar vor die Sinne stellt. Seine bedeutendste Ausstellung war wohl die auf einem alten Schiff im Hafen von Piräus, 1994, durch die er auch den Athenern bekannt wurde. Ich habe noch heute den Geruch, die Substanz, den Glanz und die Brüchigkeit von Kohle und Säcken und Metallen, die mir im Bauch des Schiffes von den Exponaten entgegenströmten, als Erinnerungsspuren in allen meinen Sinnen.

img_9729Dimitris Mytaras, geboren 1934 in Halkida, der Hauptstadt von Euböa, war ein außerordentlich talentierter Zeichner und als Mensch und Lehrer an der Kunstakademie sehr beliebt. Seine Bildsprache hat sich jedem Griechen eingeprägt, denn sie ist wiedererkennbar, oft plakativ und farbenfroh.

144Eine seiner schönsten Ausstellungen freilich, die auch ich sah (2001), hatte die streunenden Hunde zum Thema, um die er sich kümmerte, die er liebte. (Die Fotos stammen aus damaligen Presseveröffentlichungen). In einem Interview sagte er, diese Arbeit habe ihm 33598größere Schwierigkeiten bereitet als alle anderen zuvor. Denn er wollte die Lebensumstände der Tiere sichtbar machen. Besonders empört war er über den Plan, die freien Hunde anlässlich der Olympiade 2004 zu vergiften. Als Protestkünstler sah er sich freilich nicht. Doch unterstrich er gern seine Liebe zur Natur und deren Formen (Muscheln malte er oft) und meinte, insofern vielleicht auch ein ökologischer Maler zu sein.%ce%bc%cf%85%cf%84%ce%b1%cf%81%ce%b1%cf%82

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, events, Kunst, Leben, Tiere abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Griechische Kunst: Yannis Kounellis und Dimitris Mytaras

  1. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, ohne jetzt weiter recherchiert zu haben, nur mit dem und einem anderen Artikel von dir über Yannis Kounellis, kann auch ich sagen, dass mich seine Kunst sehr anspricht. Schade, dass er mir noch nie begegnet ist! Nun habe ich wieder etwas zu erforschen! Schön …
    herzliche Mittagsgrüsse vom Regenberg
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Es lohnt sich, liebe Ulli, falls du mal eine Retrospektive erwischst. Jetzt wo er tot ist, wird das vielleicht auch in Deutschland passieren. Auf Fotos kommt sein Werk nicht recht zum tragen, weil es die Materialien, die Sinnen sprechen.

      Gefällt 1 Person

      • Ulli schreibt:

        ja, das dachte ich auch, als ich von deinen Sinneserfahrungen und -erinnerungen las. Da möchte ich die Kohle riechen (obwohl ich ja weiss wie sie riecht) und die Mäntel berühren …

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.