Wann war ich dort? Im November vor 15 Jahren. Wann berichtete ich darüber in diesem Blog? im Oktober vor 10 Jahren, im Dialog mit Susanne Haun. Und nun sehe ich ihn wieder bei dir, Myriade, den Dioskurentempel von Agrigent- oder das, was davon übrig bzw wieder aufgerichtet worden ist. Ein ganz ähnliches Foto hatte damals Susanne gepostet (hier).
Heute setzte ich mich hin und kupferte mehr schlecht als recht dein Foto ab, gab mich dabei meinen Erinnerungen hin und frischte auch meine Kenntnisse über Agrigent und seine Tempel auf.
„Dioskurentempel“ nennt man dies im 19. Jahrhundert aus verschiedenen Versatzstücken aufgerichtete Stück eines Tempels, den Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. in ihrer Stadt Agragas errichteten. Damals wurde Agragas demokratisch regiert und befand sich in ihrer Hochblüte. Man lebte gut von Landwirtschaft und Handel. Der Tempelbezirk glänzte weiß und golden im Licht, näherte man sich der stolzen Stadt von der See her. (Die Tempel waren mit einer Gipsschicht verkleidet, um sie weiß erscheinen zu lassen).
Gegründet wurde die Stadt schon zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. von Siedlern aus Rhodos, und sehr bald hatte sich ihr Ruhm im ganzen griechischen Raum verbreitet. Der Dichter Pindar aus Theben (522 oder 519 bis 446 v. Chr) nannte sie „die schönste der sterblichen Städte“. Vom Philosophen und Naturforscher Empedokles, der in Agragas zu Hause war (495-435 v. Chr.) ist ein anderer Spruch überliefert, der dann auf das gesamte Griechentum übertragen wurde: „Sie genießen den Luxus, als müssten sie morgen sterben, aber errichten Bauten, als würden sie ewig leben.“
Und so war es dann wohl auch. Das Schlachtenglück von Hiron (480 v.Chr.) hatte der Stadt Macht und Menschenmaterial (Sklaven) gebracht, doch nichts ist wendischer als Schlachtenglück. 408 unterlag die Stadt den Karthagern und wurde bis auf die Grundmauern zerstört. Siebzig Jahre später – nach einer Niederlage der Karthager im Jahr 340 v. Chr – wurde die Stadt auf den alten Grundmauern erneut errichtet und erweitert. Über hundert Jahre gedieh sie, doch dann kamen (261 v. Chr) die Römer und zerstörten sie, verkauften die Bewohner als Sklaven. Die Karthager kamen zurück, siegten und zerstörten, was noch übrig war. 210 v.Chr. übernahmen die Römer vorerst endgültig, besiedelten das Gebiet neu, nannten die Stadt Agrigentum und kassierten Tribut. Einige der Tempel bauten sie wieder auf und widmeten sie ihren eigenen Göttern. … Als im 9. Jahrhundert die Araber kamen, gab es nur noch ein paar Hütten auf dem Gelände. Die Tempel waren längst zu Steinbrüchen geworden. Im Mittelalter machte man den Concordiatempel zur Kirche, was ihn rettete.
Dann aber, gegen 1770, zog die europäische Epoche des Klassizismus auf. Man restaurierte den einen und anderen Tempel, und Agrigent wurde zum MUSS aller gebildeten Europäer, besonders der Deutschen, die auf den Spuren von Winckelmann und Goethe dort Griechisches zu sehen hofften (Griechenland selbst stand noch unter osmanischer Herrschaft und war schwer zu bereisen). Klassizistische und romantische Maler (u.a. C.D.Friedrich) brachten einen Hauch dieser Welt ins deutsche Bewusstsein.
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Agrigento_Concordia_Tempel_mit_Geruest.jpg
Wie griechisch aber sind diese Tempel nun wirklich? Sie wurden ursprünglich aus dem dortigen Sandstein gebaut und mit einer Gipsschicht verkleidet, damit sie nach Marmor aussahen. Der Stil ist weitgehend dorisch, doch grob und schwer, und er unterscheidet sich in seiner betonten Frontstellung von den Tempeln Griechenlands. In der Neuzeit überzog man das poröse Gestein mit einer rotockigen Farbschicht, um es vor dem Zerfall zu schützen. Der Tempel der Dioskuren wurde willkürlich so genannt – niemand weiß, welchem Gott er einst gewidmet war. Die Dioskuren sind zwar ursprünglich griechischer Inspiration („Kouri des Dias“, Söhne des Zeus und der Leda, von Zeus in Gestalt eines Schwans am Evrotas bei Sparta gezeugt), aber als Kastor und Pollux sind sie vollständig ins Römische mutiert.
Als ich 2011 das Tempeltal von Agrigent besuchte, fühlte ich mich tatsächlich nicht nach Griechenland versetzt. Es war eine andere, fruchtbarere und diesseitig-robustere Welt. Vor allem aber: Der polnische Bildhauer Igor Maturaj war in einen wunderbaren Dialog mit der Kulisse der Tempel, des finsteren Himmels und der hellglänzenden See getreten, so dass sich ein überzeitliches mythisches Schauspiel vor meinen Augen abzuspielen begann.

Für mich war dies nun eine Gelegenheit, mir das Gesamtkunstwerk, das ich damals genießen durfte, ins Gedächtnis zurückzurufen und zu fühlen: ja, die Menschen sind sterblich, aber ihr Geist, der sich vor zweieinhalbtausend Jahren hier in diesen Bauten verewigen wollte, hat all die Katastrophen überlebt und inspiriert uns bis heute (mehr Fotos hier).


Eine sehr turbulente Geschichte hat die Stadt. Ein interessanter Beitrag!
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