Am 7.-8. Juni befasste ich mich u.a. mit Klees Überlegungen zu Obersicht-Untersicht auf Räume und zu seiner Unterscheidung von logisch und psychologisch falscher Darstellung. Gestern und heute setzte ich mich vor unsere Hausfront und versuchte, diese Überlegungen zeichnerisch deutlich zu machen.
Beide Zeichnungen sind logisch falsch, aber, wenn auch auf entgegengesetzte Weise, psychologisch richtig.
Lass mich erklären, wieso.
Für die Zeichnung vom 7.6. setze ich mich in größerem Abstand vor das Haus. Die Augenlinie liegt auf der Höhe des unteren Drittels der Eingangstür. Alles, was darüber ist, müsste sich perspektivisch verengen. Doch ich kümmere mich nicht darum, sondern bilde Hauswand, Tür und Fenster als normale Rechtecke ab, und das ist die psychologisch richtige Darstellung, wie Klee es in Lektion II,20 erläutert. Gebäude, so empfindet der Mensch, müssen senkrechte Wände haben, damit sie nicht einstürzen. Der Mensch sucht die Übereinstimmung mit seiner eigenen senkrechten Achse, um sich sicher zu fühlen.
Die Treppe und das Eisengitter der Tür habe ich in der Seitenansicht perspektivisch gezeichnet, um den Verstoß der Zeichnung gegen die Logik zu unterstreichen.
Für die Zeichnung von heute habe ich mich viel näher an das Haus gesetzt, dessen Vorderfront daher vor mir aufragt. Meine Augenlinie liegt etwa dort, wo sich Tür und Treppe berühren, also viel tiefer als in der ersten Zeichnung. Ich sehe die Stufen in Obersicht, den oberen Türrahmen aber sehe ich in Untersicht.
Höhe und perspektivische Verengung der Tür habe ich arg übertrieben, um das psycholische Thema zu verdeutlichen. Es handelt sich diesmal nicht darum, ein Gefühl von Stabilität und Solidität zu vermitteln, sondern darum, das Gefühl widerzugeben, vor etwas hoch Aufragendem zu stehen, etwa so, wie es ein kleines Kind empfindet, wenn es eine Treppe hinaufschaut und darüber eine hoffnungslos hohe Tür erblickt. Wird es diese Tür öffnen können?
Wie erlebt ein gesunder Erwachsener solche Treppe und Tür, und wie jemand, der im Rollstuhl sitzt?

„psycholisch“ merke ich mur 🙂
Gerda, dir wird bekannt sein, dass „das Auge“ konstruiert, also schlüssige Bilder erzeugen muss und will. Also macht es Rechtecke, wo keine sind.
Es gibt ja noch viele Adaptionen dieser Art.
LikeGefällt 1 Person
Ich seh grad, Gerhard, meine Antwort auf deinen Kommentar, steht weiter oben.
LikeGefällt 1 Person
Danke!
LikeLike
hier geht es weniger um physiologisches als um psychologisches Anpassen, also nicht um erkennbare Form, ,
LikeLike
sondern um die Senkrechte, die der aufrechten Stellung des Menschen entspricht undifferenziert es bei Tierennso nicht geben dürfte.
LikeLike
Wo IST der MENSCH aufrecht? Der Mensch ist ein gescheitertes Wesen, seine hochtrabende, hochgelobte und gepriesene Intelligenz hat ihn nicht über zahlreiche Klippen geführt.
Er mag dereinst ins schwarze Loch gucken können, hinter der Entstehung des Universums zurück gucken können, aber DIE AUFRECHTE hat er dennoch nicht geschafft.
LikeLike
Die Konstanzleistung des Gehirns gleicht perspektivische Verzerrungen aus. Perspektivisch zeichnen können deshalb die meisten Schüler erst ab der 10 Klasse aufwärts. Das haben wir Kunstlehrer gemerkt, als wir Die Theman Zentral- und Übereckperspektive einmal testweise in der 8. Klasse unterrichten wollten und gescheitert sind.
LikeGefällt 1 Person
Das, was du „Konstanzleistung des Gehirns“ nennst, ist genau das, was bei Klee als psychologisch korrekte Zeichnung bezeichnet wird. Wir mögen es, dass ein Haus auf einer Zeichnung senkrechte Wände hat. Bei Hochhäusern wird es allerdings problematisch. Über die Art, wie Feiniger das Problem löst, habe ich am entsprechenden Junitag berichtet (https://gerdakazakou.com/2026/06/09/kalenderblaetter-7-6-klees-paedagogisches-skizzenbuch-das-schraege-haus/)
LikeGefällt 1 Person
Es geht nicht nur um die zeichnerische Darstellung, sondern um Wahrnehmung bzw. Falschnehmung. Wir sehen einen runden Teller auf dem Tisch nicht als Ellipse, wie er sich aus der normalen Sitzposition darstellt. Weil wir wissen, dass der Teller rund ist, hat auch niemand Angst, die Suppe daneben zu schöpfen. In der zeichnerischen Umsetung muss man aber die Konstanzleistung des Gehirns ausschalten. Das macht es so schwierig.
LikeLike
ein für mich schwieriges Thema.
Eines ist mir aber klar: Wenn ein Rollstuhlfahrer vor der Tür steht, an die er nur kommt, wenn er die Stufen erklimmen kann, sieht er sich gewissenmaßen vor einer Erhöhung, die ihm wie ein Berg vorkommen muß…
LikeGefällt 1 Person
Genau. Und Kindern geht es ähnlich, wenn sie eine Treppe hochgekrabbelt sind und vor riesenhaften Türen landen, vermute ich.
LikeGefällt 1 Person
ja, ganz genau, Gerda!
LikeLike