Bilder bewerten und ausrangieren: Klebstreifenbilder 83-94 (und eine katastrophische Interpretation)

In der Mappe fanden sich auch einige Collagen bzw Klebestreifenbilder mit Ölkreide und Aquarell, die mir für den Bildfindungsprozess wichtig bleiben. Denn hier kann ich meine Gestaltungsimpulse auf relativ kleinem Format und ohne irgendwelche Bedenken ausleben.

 

Ob diese Arbeiten auch für außenstehende Betrachter Wert haben? Ich weiß es nicht. Die meisten sind ja ästhetisch wenig ansprechend.  Sie sind kompakt, schwer zu lesen, grob und oft düster.

Oftmals wirken sie wie zugesperrt. Zutritt verboten.

Oder sie erzählen von einer fragmentierten Welt, in der sich nicht nur die Menschen voneinander, sondern auch ihr Kopf vom Rumpf getrennt hat (haben) und keiner mehr so recht weiß, wer er ist und wohin er gehört.

Und hier?  Haben sich hier die Maschinen verselbständigt und hängen nun als Schneiden über unserem Haupte wie einst das Schwert des Damokles?

Mag sein, mag auch nicht sein. Die Bilder bleiben uneindeutig wie das Gefühl, unter dem sie entstanden. Sie sind zwar stark emotional geladen, bleiben aber „abstrakt“.

Versuchen wir es dennoch mit einer Interpretation:

Dass Klebestreifen sind nicht nur zum Flicken geeignet sind, sondern auch dafür, ganze Welten zu schaffen, die hübsch und nett ausschauen, bis sie auseinanderfallen …

wird uns in Krisenzeiten bewusst. Da zerstößt sich unsere Welt und zersprengt sich und chaotisiert sich. Und klebst du auch wie verrückt, es lassen sich die widerstrebenden Tendenzen nicht mehr zusammenbinden.

Wenn sich nach gehabter Katastrophe der Staub der Geschichte legt, schauen wir, was sich von dem ganzen Geluder zu behalten lohnt und was ausgestrichen werden kann.

Mit dem, was bleibt, lassen sich neue Städte zweifelhafter Güte bauen.

Wem dies nicht passt, der möge draußen bleiben und verschimmeln.

Frisch an die Arbeit und rüste dich! Sei munter und baue dein Haus, deine Mauer, deine Tempel von Neuem auf.

und hoffe, dass sie dem Ansturm standhalten.

(Du hoffst freilich vergebens)

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Responses to Bilder bewerten und ausrangieren: Klebstreifenbilder 83-94 (und eine katastrophische Interpretation)

  1. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Vielleicht deprimierend, aber wahr. Nichts ist beständig …

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Dass nichts beständig ist, ist ja nicht unbedingt deprimierend. Ich mag 1000jährige Reriche gar nicht besonders. 😉

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Und wieder sage ich: ja und nein, liebe Myriade. Und das betrifft beides: die politischen und die nicht politischen Bereiche. Stell dir vor, Rom wäre nicht untergegangen – unerträglich. Andererseits ist man ja doch froh, wenn man ein gut erhaltenes byzantinisches Mosaik auf einer Insel Venetiens betrachten kann…

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      • Avatar von Myriade Myriade sagt:

        Das ist auch eine Frage des Blickwinkels. Ein Mensch, der in den letzten Zuckungen des Römischen Reichs gelebt hat, war vom Untergang, der Neues ermöglichte wahrscheinlich eher nicht so begeistert 🙂
        Aber bei mir rennst du da offene Türen ein. Ich sehe durchaus, dass die Vergänglichkeit ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist. Dass die Vergänglichkeit das Leben kostbar macht eben weil es endlich ist …

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      • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

        Die „offenen Türen“ freuen mich. Heute am Mittagstisch fragte mich mein Mann, als ich mich ereiferte: „gegen wen argumentierst du?“ Darauf ich: Ist es notwendig, immer GEGEN etwas oder jemanden zu argumentieren? Ich kann doch auch FÜR etwas – in dem Fall für die Ambivalenz der Vergänglichkeit – argumentieren. Und sehe erfreut, dass wir da gleich ticken.

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      • Avatar von Myriade Myriade sagt:

        Oh ja, ich finde auch, dass es ein Jammer ist, dass so viele politische und ideologische Richtungen immer gegen irgendetwas sind und nur ganz selten für. Es kommt im Endeffekt wahrscheinlich auf dasselbe heraus, ist aber so viel erfreulicher.
        Schwierig wird es, wenn man dadurch, dass man für etwas Bestimmtes ist, oft gleich vereinnahmt wird für anderes für das man gar nicht ist.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      das trifft den Nagel… Ja, man wird vereinnahmt. Kaum äußert man eine Ansicht, schon hat man sämtliche Fans und auch sämtliche Gegner dieser Ansicht am Hals. ZB äußerte ich, dass ich das Zwangsimpfen ablehne – und schon glaubte ich an die flache Erde und an eine Kindesmörderverschwörung, schon bin ich eine Verneinerin des wissenschaftlichen Fortschritts und womöglich eine Nazi…Die einen rechnen mich zu ihren Schwadronen, die anderen wollen mir an den Kragen. Muss das sein?

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  2. Avatar von Mitzi Irsaj Mitzi Irsaj sagt:

    Du schreibst, dass diese Bilder schwer zu lesen sind. Das finde ich auch. Gleichzeitig finde ich genau das auch spannend. Die Fragmente von Körpern, Köpfen oder Dingen, die ich gar nicht als etwas erkenne und die Klebestreifen ermöglichen es, die Bilder anzusehen ohne das Gefühl zu haben, etwas erkennen „zu müssen“.
    Zum Beispiel das über dem du „Zutritt verboten“ geschrieben hast. Das wirkt tatsächlich so….aber für mich nicht abweisend sondern eher „was dahinter wohl (in der goldenen Farbe) verborgen ist.“

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Danke für deine interessante Antwort. Ja, alles kann auch ganz anders sein. Mir scheint: Es kommt darauf an, was IN MIR ist,das sehe ich dann auch IM AUSSEN. Gehst du an einem Zaun entlang, und fragst dich neugierig, was dahinter ist, machst du eine ganz andere Erfahrung als wenn du an einem Zaun entlang gehst und dich schrecklich ärgerst, dass er hier aufgerichtet wurde. Oder du gehst an einem Zaun entlang und bist froh, dass er da ist, denn es gibt dir ein Gefühl von Sicherheit. Oder du gehst an einem Zaun entlang und achtest auf die Struktur des Holzes, machst vielleicht ein Foto davon….

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  3. Das Leben ist so kostbar, weil wir wissen, daß es endlich ist…
    Ich glaube, Myriade hat es geschrieben und es ist so wundervoll, daß jemand in Worte fasste, was man zwar wußte, aber komischerweise nicht aussprach.

    Deine Bilder zeigen mir Deine Suche, liebe Gerda; die Suche nach Erkenntnis?
    Nach einer neuen Kunstform oder vielleicht einfach einem neuen, einem anderen Projekt, einer neuen Erfüllung?

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