Ins Andalusische Zentrum für Zeitgenössische Kunst, das zugleich ein aufgegebenes Kloster und eine stillgelegte Keramikfabrik ist, gerieten mein Sohn und ich zufällig und fielen von einer Überraschung in die nächste. Magische Momente waren das. Ich weiß nicht, ob du hier mitgelesen hast, falls nicht, findest du die Geschichte hier und hier.
Nun sind wir mit der Besichtigung der Gebäude und Ausstellungen durch. Einen letzten Blick noch werfe ich in eine Art Säulengang mit Wasserbecken, der von einem blühenden Teppich verhüllt ist…
dann wenden wir uns zum Gehen. Da bemerke ich zwei Männer, die damit beschäftigt sind, kleine Leckereien auf Tabletts zu arrangieren. Wir dürfen kosten, und ich frage mich, ob wohl eine Vernissage vorbereitet wird?
Die Antwort zeigt sich sogleich: vor dem Tor der Hauptkirche, die nun offen steht, stehen Menschentrauben, einige gehen hinein – darunter auch wir. Denn natürlich muss ich wissen, was hier abgeht. Und so geraten wir nun in eine weitere Wunderwelt: Schön arrangiert in den kirchlichen Räumen ist das Werk einer polnischen Roma-Künstlerin zu sehen, die im Vorjahr Polen auf der Bienale von Venedig vertrat (hier) und 2020 auf der Berlin-Bienale für zeitgenössische Kunst zu sehen war: Malgozata Mirga-Tas (weitere Info hier).
In diese Räumen in Sevilla passt ihre Ausstellung , „Remembranza y Resignificacion“ wie eine Hand in den Handschuh: Erinnerung und Neubestimmung sind ja die Motive, die diesen ganzen Baukomplex – und nicht nur diesen – kennzeichnen und geradezu als Leitmotiv für Andalusien gelten könnten (gestern erzählte ich z.B. von der Tabakfabrik, die zur Universität wurde). Die Bilderwelt von Mirga-Tas selbst greift tief in die Vergangenheit zurück und sucht mithilfe einer lange in Vergessenheit geratenen Kunstform – Textilcollage – Erinnerungsbilder in die Gegenwart zu holen und neu zu interpretieren.
Auf drei Ebenen entwickeln sich Bildergeschichten, die das Schicksal ihres Volkes aufgreifen und deuten. Seien es Festivitäten …
oder Szenen der Alltagswelt…
sei es eine alte Frau auf ihrem Sofa, das Kartenspiel griffbereit ….
oder diese Karten selbst
sei es die Imitation antiker Säulen wie auf den ganz oben gezeigten Friesen …
oder auch ein willkürlich herausgegriffenes Detail…
überall zeigt sich die Meisterschaft in der Zusammenfügung unterschiedlichster Textilien zu Bildern umd Bildgeschichten.
Der Kirchenraum fügt den Bildern eine weitere Dimension zu, denn etliche sind genau in die Felder eingepasst, die früher Heiligengeschichten und Kirchenfürsten vorbehalten waren.
Wir stehen und staunen und können uns nicht sattsehen. Als wir endlich aufbrechen und uns dem Tor nähern, das uns in diese magische Welt lockte, geht der Vollmond auf, und uns uns entgegenkommendes Paar fragt, wo die Flamenco-Vorführung sei ….
O ja! das wäre der passende Ausklang, aber wir müssen nun wirklich zurück zum Hotel, wo mein Mann auf unsere Heimkehr wartet.
Der Sevilla-Tower unddie nun erleuchtete Stadt spiegeln sich im Guadalquivir, dessen glatte Oberfläche von einem Boot zerrissen wird.









Sind die Gesichter gestickt oder irgendwie gemalt?
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Tolle Kunst und gelungener Beitrag, danke! Liebe Grüße!
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Wunderwunderschön, was Du hier zeigst, Gerda!
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