In deiner Zusammenfassung des Monats August, liebe Myriade, fragtest du dich, warum kaum jemand die Rahmen aufgegriffen hatte (Erbsen, Spinat, „vergraben sollte sie werden“). Ich kommentierte: Da gibts noch etliches nachzulesen! Dabei fällt mir auf, dass das eine Erbsengeschichte werden könnte: wie Aschenbrödel die Erbsen aus der Asche lesen. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen bzw doch besser ins e-Nirwana.
Das Märchen vom Aschenputtel habe ich schon mal auf meine Art nacherzählt (hier) und mit einem Legebild illustriert.

Und so setzte ich mich hin, eine Erbsengeschichte zu schreiben.
Taubenblau
Marina sitzt nun schon seit fünf Stunden über den neuen Eingängen, und immer noch will der Stapel nicht kleiner werden. Seufzend öffnet sie den nächsten Umschlag, überfliegt den Begleitbrief – ach, wie sich die Autoren ins Zeug legen, um den unbekannten Lektor, die Lektorin gnädig zu stimmen! Wenn sie wüssten, von wem die Erstbewertung abhängt! – und liest den ersten Abschnitt der beigefügten Zusammenfassung eines Romans, der sich „Taubenblau“ nennt. Offenbar eine weitere Version des Aschenbrödel-Märchens! Als ob es davon nicht schon genug gäbe! Seit den alten Griechen haben sie den Stoff durch und durchgewalzt: das schöne mutterlose Mädchen, das von der Stiefmutter zu niedersten Arbeiten verdonnert wird. Weil es brav ist und der Aphrodite fleißig opfert, schickt die ihm weiße Tauben als Helfer. Und wenn die nächste Ladung Erbsen in der Asche landet, die die Arme Kleine auslesen soll, kommen die Täubchen angeflattert und erledigen gurrend die Arbeit für sie. “Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“, ruckzuck geht das, und schon kommt die nächste Fuhre… Bei all der Schufterei ist es fast ein Wunder, dass ein Prinz ihrer ansichtig wird und sich sogleich verliebt, wozu die hübschen Kleider und goldenen Schühchen nicht wenig beitragen, die ein Zauberbäumchen am Grab der Mutter ihr beschert hat. Die böse Stiefmutter und die garstigen Schwestern kriegen ihre gerechte Strafe und Aschenputtel das königliche Bett.
Wie die Tauben all diese Misterbsen verdauen konnten, sagen uns die Märchenerzähler nicht, grummelt Marina. Vielleicht klärt uns die Autorin von „Taubenblau“ darüber auf? Wie heißt die überhaupt? Arabella von Schonsitz. Marina reckt und streckt sich, grimassiert und langt nach dem Pappbecher mit dem längst kalt gewordenen Kaffee. Der Schreibtischstuhl, auf dem sie ihre Arbeit verrichtet, ist eher ein Martersitz, ihr Rücken gleicht nach fünf Stunden Manuskriptsichtung einem Fragezeichen. Und noch drei Stunden stehen ihr bevor!
Sie befördert den Roman „Taubenblau“ angewidert auf den Stapel mit den Manuskripten, die am Abend in der Recycling-Tonne landen werden, und greift nach dem nächsten Umschlag, öffnet ihn, zieht die Blätter heraus. Und lehnt sich erschöpft zurück. Tauben wären praktisch, denkt sie. Fleißige Tauben, die die guten Texte aus dem ganzen Schrott rauslesen. Die Guten in die Ablage fürs Lektorat, die Schlechten gleich in den Abfall. Und sie selbst? Ist sie fürs königliche Töpfchen oder doch eher fürs Kröpfchen beziehungsweise für die Tonne? Ihre Mutter ist nicht tot, sondern hockt zu Hause, taub wie ein Stein, und hofft immer noch, dass sie, Marina, einen Prinzen anschleppt, der die Familienfinanzen in Ordnung bringt und sie zur Oma macht. Wozu die alte Frau noch ein Enkelkind braucht. 87 ist sie und sollte eigentlich längst begraben sein….
In ihrer Erschöpfung hat Marina gar nicht bemerkt, dass Martin, einer der zwei Hauptlektoren, ihr Kabuff betreten hat. Erst als er hinter ihr steht und freundschaftlich ihre mageren Schultern umfasst, schreckt sie auf. „Na, Marinchen, was hast du denn diesmal für mich?“ – Sie nimmt den gerade abgelegten Umschlag mit dem Taubenblau-Manuskipt vom Stapel des Unbrauchbaren und reicht ihn Martin über die Schulter. „Hier, dies könnte dir gefallen! Eine moderne Cinderella-Geschichte. Lies mal! Ich mach derweil ein paar Schritte und besorg mir einen frischen Kaffee. Ob der Verlag wohl in der Lage ist, mir einen ergonomisch korrekten Stuhl zu genehmigen? Dieser bringt mich noch mal um.“ Sie angelt die Hackenschuhe unter dem Schreibtisch hervor, schlüpft hinein, verbeißt den Schmerz, den ihr arthritischer Zeh ins Hirn hinaufschießt (ruckediku, zu klein ist der Schuh, denkt sie, ich sollte mir den Zeh abschneiden oder die Schuhe wechseln!), sie steht auf, streicht ihren Rock glatt, greift sich ihr Täschchen mit der goldenen Schnalle und verlässt den Raum hoch aufgerichtet, ohne zu humpeln.

Schnalle an Marinas Täschchen: Göttin mit Tauben
Es ist durchaus so, dass der Stoff der Antike ständig neu durchgewalzt wird. Nur wirklich ändern tut sich da nichts, außer die Namen und ein paar Variationen.
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PS: In Bibel und Koran geht es auch in erster Linie um den Stoff aus der griechischen Mythologie -> https://www.mythologie-antike.com/t23-gott-eosphoros-phosphoros-lichttrager-lichtbringer-morgenstern
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Die griechisch-römische „Antike“ war eben gerade mal gestern, noch nicht lange her. Daher haben sich die Themen noch nicht so sehr verändert. Ein bisschen hat sich die Menschheit aber doch verändert. So haben wir den Kontakt zum Göttlichen, den die Griechen noch ein wenig hatten, weitgehend verloren. Wir sind ganz auf uns gestellt, ohne Verbindung nach oben, und die Verbindung nach unten, zur Natur, ist auch nur noch dünn. Gegenseitig bekämpfen wir uns wie damals. Für mich persönlichversuche ich die Verbindungen wieder zu beleben.
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Es erscheint so, dass es erst „gestern“ war, stimmt.
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Es ist Unzeiten her.
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? Was sind „Unzeiten“? Zeiten, vondenen wir keine ausreichende Kunde haben?
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Zeiten, die enorm weit zurückliegen.
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Ich fragte, weil ich die Antike als sehr nahe erlebe. Vielleicht weil ich sie hier ständig präsent ist – innerlich und äußerlich.
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Das ist natürlich ein Gesichtspunkt.
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Ja tatsächlich in Richtung Erbsenmärchen hat es noch niemanden verschlagen. Fein, dass du das übernimmst und auch noch den zweiten Mosaikstein unterbringst. Aschenputtel in modern als „Taubenblau! Warum wohl legt sie das Manuskript zunächst weg und gibt es dann doch dem Hauptlektor zu lesen, psychologisch sehr interessant und eine ausbaufähige Geschichte. Die Hauptpersonen deuten sich am Horizont an … Und nebenbei in einem Kommentar erklärst du deine Vorliebe für die griechische Mythologie. Sehr fein! Ich setze die Geschichte als erste auf die Liste für die nächste Runde und reihe sie bei den Nachzüglern ein.!
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Wobei ich die Geschichte nicht ganz kapiere. Erst wird das Manuskript weggelegt – und dann doch an den Lektor übergeben.
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Ich hab unter Myriades Kommentar dazu kommentiert.
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Ich freu mich, Myriade, dass du die psychologische Thematik ansprichst und die Geschichte ausbaufähig findest. Ich habe mir diesmal verkniffen, dem Leser auf die Sprünge zu helfen, habe nur kleine Hinweise gegeben, wie es um die Hilfs-Lektorin bestellt ist, die sich gefühlsmäßig durchaus mit dem Cinderella-Thema identifiziert, verstandesmäßig aber“angewidert“ distanziert. Persönliche Hoffnungen und Träume stehen im Kontrast zu ihrem harten und klaren Urteil über derlei Märchenerzählungen. Ihr widersprüchliches Verhalten – das Manuskript zu verwerfen und es dem netten Kollegen zur Lektüre zu empfehlen – spiegelt die Ambivalenz zwischen Verstandes- und Gefühlsurteil. Sie hat sich „abgeschrieben“ als das ewige Aschenputtel, wirft dem Kollegen dennoch einen Köder hin, steht aber nicht dazu, um sich nicht „lächerlich“ zu machen, lenkt stattdessen auf ein Sachthema ab und stolziert erhobenen Hauptes aber auf schmerzenden Füßen hinaus wie eine verworfene Königin.
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Ohja, es ist eine ziemlich ambivalente Sache und dann gibt es auch noch die Mutter im Hintergrund und die Position des Hauptlektrors wäre auch interessant. Und natürlich ihr eigenes Frauenbild, drückende Schuhe und so … wie gesagt sehr ausbaufähig
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Genau! Danke, Myriade … Ich möchte die Geschichte aber doch nicht weiterschreiben, sie ist zu frustrierend, denn woher soll ich den Prinzen nehmen?
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Ach Prinzen sind ohnehin etwas angestaubt 🙂 🙂
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Es könnte sich um eine Art Frust-Frust-Situation gehandelt haben, zuerst die miese Geschichte -> Frust – und dann der miese Sessel, schlechte Ausstattung vom Arbeitsplatz -> Frust.
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Ja, so ist es. Die Frust hockt sicher schon lange tief in ihr: die Arbeit ist frustrierend, da sie nur die erste grobe Auslese macht und die eigentlichen Entscheidungen andere treffen, ihr Leben bei der alten Mutter ist frustrierend, der Arbeitsplatz ist frustrierend, das Fehlen eines Partners ist frustrierend, das Älterwerden ist frustrierend … Kurzum, sie fühlt sich wie Aschenbrödel ohne Aussicht auf einen Prinzen.
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Das mit dem ergonomisch korrekten Stuhl gefällt mir gar sehr, überhaupt erzählst du recht modern!
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Danke sehr, Sonja!
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Einen leisen Sarkasmus höre ich aus Deinen Zeilen heraus, liebe Gerda, deshalb verstehe ich, wieso sie dem Kollegen das schon abgelegte Manuskript ans Herz legt 🙂
Sie, die sich immer wie das Aschenputtel des gesamten Lektorates empfand,stets nur mit dem Intellekt entscheiden durfte, obwohl sie Aschenputtel soooo gut verstand, nahm Rache, indem sie dem kollegen *unbrauchbaren Schrott* als wertvolle Kost verkaufte…
Ach, könnten doch alle in ihr Inneres sehen, den Berg von Frust erkennen, der sich in so vielen Jahren aufgebaut hatte und seufzend quälte sie sich beim Nachddenken in ihre hochhackigen Schuhe, obwohl sie so viel lieber auch Sneakers getragen hätte…
Aber sie war schon so lange ins Abseits gedrängt, sie schafftes es nicht alleine.
Mit einem verständnisvollen Freund und Kollege hätte es geschafft, aber da war nur Druck um sie, nichts als Druck und SIE machte die Drecksarbeit…
Eins griff ins andere
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Ganz so einfach ist es nicht, liebe Bruni. Der Zwiespalt liegt in ihr selbst. Sie kann keinen wirklichen Bezug zu ihren Wünschen und Träumen bekommen, die sie andererseits aber auch nicht aufgeben kann. Sie kann ihre Träume nicht leben, sondern nur ihr Nichteintreffen erleiden. Mit dem Rest der Welt grollen und sich über sich selbst lustig machen. Eine Frau, zu klug, um sich zu täuschen, und nicht selbstbewusst genug, ihren Träumen Gestalt zu geben.
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Ist es nicht sehr oft genau so, Gerda?
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Wieviele wird es geben wie sie…
Die Träume sind oft so ganz anders als der Alltag .
Einen einigermaßen gesunden Mittelweg zu gehen halte ich für praktikabel
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Ja, Bruni, die meisten Menschen leben in solchem Zwiespalt, nehme ich an. Wie es dann genau aussieht, ist natürlich verschieden.
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