Tagebuch der Lustbarkeiten: Mit alten Olivenbäumen reden

In alten Olivenhainen herumzuspazieren kann bedeuten, mit vielen urigen Bäumen ins Gespräch zu kommen. Das tue ich gelegentlich mit großen Vergnügen. Zugegeben: Hauptsächlich rede ich, die Bäume sind zu alt und ehrwürdig, um mit meinem Geschwätz mitzuhalten. Aber manchmal kann ich doch den einen und anderen Spruch auffangen. Diese Alte brummelte heute morgen, als ich vorbeieilte: „Eile mit Weile“.

Nun, jedenfalls dem Sinn nach, denn sie sprach Griechisch: όποιος βιάζεται σκοντάφτει (opios viasete skondafti) – Wer eilt, stolpert.

Da hielt ich inne und bedachte ihre Rede. 

Du hast gut reden, seufzte ich, stehenbleibend. Du hast ein paar hundert Jahre auf dem Buckel und wirst wohl noch ein Weilchen da stehen, wenn ich nicht mehr bin.  Wieviel Zeit wird mir noch beschieden sein?

Wenn du dich beeilst, wird die Zeit nicht mehr, vernahm ich ihre grummelige Antwort. Ich weiß nicht. Ich kann doch, wenn ich mich beeile, viel mehr in eine Stunde stopfen, oder? Und meine Lebenszeit längen? Oder etwa nicht? 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, Erziehung, Fotografie, Leben, Natur, Philosophie, Psyche abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

30 Antworten zu Tagebuch der Lustbarkeiten: Mit alten Olivenbäumen reden

  1. wildgans schreibt:

    Wir haben in so manchem ganz ähnliche Gedanken. Das macht aber nix. Hier duftet und tönt es stets ein wenig nach Meer/mehr…

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  2. Christiane schreibt:

    Es heißt aber auch: Ein Grashalm wächst nicht schneller, wenn man daran daran zieht 😉
    Wunderbares Pic, vielen Dank!
    Mittagskaffeegrüße ☁️😷☕🍪

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  3. Mitzi Irsaj schreibt:

    Das Stopfen kann man und so „schafft“ man mehr…aber ob diese geraubte Zeit dann eine schöne ist, zwischen all dem Hetzen. Sie haben schon Recht, deine alten Bäume. Wir haben nicht mehr Zeit. Aber wenigstens herrscht hier große Gerechtigkeit unter allen 😉

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    „Eile mit Weile“ ist jedenfalls ein – Jahrhunderte alter, bewährter – Weisheitsspruch.😊🖐️

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  5. derdilettant schreibt:

    Je intensiver ich die Zeit (durch eigene Aktivität) nutze, desto schneller rast. Tue ich hingegen gar nichts, kommt sie fast zum Stillstand. Ich müsste also einerseits nichts tun, um eine Stunde optimal nutzen zu können, ohne sie andererseits gerade deswegen überhaupt nutzen zu können. Über dieses Paradox grübele ich oft nach…

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  6. Myriade schreibt:

    Es gibt bei Camus in „la peste“ eine Figur, die ihre Sonntage auf einem Balkon verbringt in einer Straße, in der es absolut nichts zu sehen gibt und sich dabei tödlich langweilt. Die Langeweile ist aber Absicht, denn, so meint dieser Mann, durch Langeweile vergeht die Zeit viel langsamer und er verlängert dadurch seine Lebensdauer …

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  7. derdilettant schreibt:

    Da muss ich doch glatt die Pest mal wieder vorkramen, danke für den Tipp

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  8. Gisela Benseler schreibt:

    Danke, Gerda. Schön daß wir darin übereinstimmen.

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  9. Werner Kastens schreibt:

    Und was ist mit der „gefühlten“ Ewigkeit?

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