Welttheater, 3. Akt, 12. Szene: Wilhelms Lager

Was zuletzt geschah:  Jenny, allein im Wald, wird von Angst befallen, die ihr Gefahren vorspiegelt und sie für die Freunde blind macht. Schurigel, der Angstmacher, steht sofort bereit, um ihre Angst zu steigern und sie an die Kandarre zu nehmen. Jenny schickt Schurigel weg. Da werden dann auch die Freunde wieder sichtbar.

Wilhelm führt Jenny in sein Lager, die anderen folgen zögernd nach.

Wilhelm (Überlebenskünstler, Prepper):

Ihr seht, ich bin gut vorbereitet

und wenn so mancher auch bestreitet

dass Unheil kommt und Hungersnot

Ich kenne der Vernunft Gebot.

In diesem Lager hab ich alles

was Mensch zum Überleben braucht

so dass im Falle eines Falles

wenn rings die Welt schon brennt und raucht

wenn andere darben und erfrieren

und Strahlung tötet Frau und Mann

 sitz ich gemütlich hier beim Biere

mir auch ein Butterbrötchen schmiere

und mich der Tod nicht holen kann.

Jenny (Jugendliche)

Ah. Butterbrötchen? Wo sind die?

die ess ich für mein Leben gern!

Dazu ein Stück vom Käse Brie,

das Bier das lasse ich dem Herrn.

Ne Limo wäre mir ganz recht.

Ein Omelett wär auch nicht schlecht

Egal, ich esse, was du hast

verhungert bin ich nämlich fast.

Clara (Kind)

Hier drinnen ist es duster

da wohnt ein böser Schuster

der macht den Leut zu kleine Schuh

Und quält sie sehr und lacht dazu.

Danai, ich mag hier drin nicht sein!

Will raus, in Luft und Sonnenschein!

Danai (Flüchtlingin):

Wir armen Leut, wir können oft nicht wählen

wo wir gern sind und was uns gut gefällt

Doch können wir bewahren unsre Seelen

vor den Verhärtungen der Welt.

 

Auch wenn wir flohn und nicht mehr haben

was wir im Leben angeschafft

bleibt die Natur mit ihren Gaben.

Sie gibt uns Glauben, gibt uns Kraft.

 

Was nützt΄s dem Menschen, der zusammenrafft

und lebt im Bunker, lebt vom Licht getrennt!

Und sitzt allein wie in der eignen Haft

wenn rings die Welt im Feuer brennt?

 

Ich ließ zurück, von wo ich kam

mein Heim, den Schrank, den Herd

doch das verursacht keinen Gram

ist von geringem Wert.

 

Dass ich verloren hab mein Kind

und Menschen, ja, das schmerzt

Die Dinge sind, was sie halt sind,

Verschenk sie ganz beherzt

 

und lebe frei und gib und nimm

von Menschen und Natur

Geht es dir wirklich einmal schlimm

hilft Geben-Nehmen nur.

Trud (Fragende)

Ein Bunker hier? mit tausend Sachen?

Was will der Mensch denn damit machen?

Will er das Leben konservieren?

für die Zukunft reservieren?

Das, so scheint mir, ist recht dumm. 

Zukunft ist jetzt, und Jetzt ist um.

 

Domna (blinde Dichterin)

Aus des Waldes Schattenspiel

sind wir nun hier eingekehrt

dumpfe Höhle, ach wieviel

Trübsinn mich hier gleich befiel,

Lust hat sich in Angst verkehrt.

 

Angst hat dies Gehäus durchwoben

hats durchtränkt mit kaltem Schweiß

Welche Hoffnung ist zerstoben?

Welche Furcht wird aufgehoben

und gepflegt mit großem Fleiß?

 

Ists die Angst, dass dieses Leben,

das begrenzt ist von Natur,

uns beraubt und will nicht geben

uns den Wein und auch die Reben,

sondern eins von beidem nur?

 

Du willst diese Erd auspressen

dass sie gibt, was du verlangst

Du willst essen, willst auch fressen

Willst das Geben glatt vergessen

Das Ergebnis ist: die Angst.

 

Angst, dass nichts mehr dich ernähret

wenn du alles aufgebraucht

Wielang denkst du, dass es währet

bis du alles aufgezehret?

Bis dein Leben ausgehaucht?

 

Du bist in den besten Jahren,

lieber Wilhelm, hör mich an!

Denke nicht an die Gefahren!

Dies ist die Zeit des Wunderbaren!

Vertraue, guter Mann!

 

Darf ich einen Rat dir geben?

Lass das Raffen, gib dir Ruh!

Lieb die Deinen, lieb das Leben

Lass dich in das All verweben!

Schaue hin aufs Du.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Hier hab ich alles, was ich für drei Jahre Überleben brauche. Dahinten siehst du den Eingang zu meinem persönlichen Atombunker, der ist voll ausgestattet mit Stromaggregaten, Batterien, Kerzen, Wasserfilteranlagen, die ganze Latte. Ich habe vorgesorgt und kann überleben, wenn alle anderen längst tot sind“

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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16 Antworten zu Welttheater, 3. Akt, 12. Szene: Wilhelms Lager

  1. alphachamber schreibt:

    Interessante und schoene Kunst – macht Freude und gibt Sinn…

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  2. Mitzi Irsaj schreibt:

    Wilhelms vermeintliche Sicherheit schreckt die Gruppe. Ich kann es gut verstehen.

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Ja, es ist ein Sicherheitsbedürfnis, das durch die unausgesprochene Angst vor Verlust und Tod gespeist wird. Diesen dunklen „Angstboden“ empfindet das Kind als Enge (zu kleine Schuhe). Danai, die durch Flucht alles verloren hat, hat diese Angst hinter sich gelassen. Domna interpretiert die Angst generell als Folge eines gestörten Geben-Nehmen-Verhältnisses

      Gefällt 3 Personen

  3. Gisela Benseler schreibt:

    Wieder wunderbare Dichtung, Gerda, und immer klarer unterscheiden sich die Geister, und eine Idee von einem besseren, friedlicheren menschlichen Miteinander schält sich heraus….

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    • gkazakou schreibt:

      Danke dir, Gisela. Ja, nur eine Idee ist es vorerst, von Domna, der blinden Dichterin, in dieses Jahr eingeführt. Es ist die Idee, das große Gesetz der Natur – Geben und Nehmen im Ausgleich – ins menschliche Leben zu übertragen. Es gibt ja ein anderes Gesetz, das Darwin formulierte: der Geeignetste überlebt im „Kampf ums Dasein“. Das wurde immer als „der Stärkste überlebt“ ausgelegt. Doch wer ist wirklich der „Geeignetste“? Der mit den starken Muskeln und dem zupackenden Wesen, der alle anderen verdrängt bzw auffrisst? Offenbar nicht, denn bald schon hätte dieser keine Beute mehr. Das „Gesetz des Ausgleichs von Geben und Nehmen“ setzt auch dem Räuber seine Grenzen.
      Domna ist eine blinde Dichterin: der schwächsten eine, und lebt doch. Wie? Wodurch?

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  4. Alexander Carmele schreibt:

    „Will er das Leben konservieren?

    für die Zukunft reservieren?

    Das, so scheint mir, ist recht dumm.“

    Da träumt es sich gleich leichter 🙂 Tolle Episode!

    Zukunft ist jetzt , und Jetzt ist um.

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  5. Gisela Benseler schreibt:

    Das Gesetz des Ausgleichs von Geben und Nehmen finden wir überall in der Natur. Wir Menschen aber tun uns schwer damit. Es ist ein Schöpfungegesetz.

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    • gkazakou schreibt:

      So ist es. Ich nenne es Naturgesetz. Im Altertum wurde es durch die Göttin Nemesis verkörpert. Heute nennt man die „Rache“ der Natur, wenn man gegen dieses Gesetz verstößt, immer noch Nemesis.

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  6. Ach, ach, wer möchte denn so ganz alleine überleben, liebe Gerda?

    Und ist auch an alles gedacht, selbst die Einsamkeit kann töten

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