Welttheater, 3. Akt, 11. Szene: Wald 3 (Jenny und Wilhelm)

Was zuvor geschah: Die Gesellschaft hat sich in Grüppchen aufgelöst. Danai mit Clara und Lu, Domna mit der Blume, Trud mit ihren Fragen und Lu. Wie geht es Jenny und Wilhelm im Spinnwebwald?

Jenny:

Wo ist denn nun dein Lager? Ist es noch weit?

Ich sehe nur Bäume weit und breit.

Mein Magen knurrt, er möchte gern was haben

nen Omelett am liebsten, um sich dran zu laben.

Wilhelm:

Wir sind schon nah.

Gleich sind wir da,

Doch Eier hab ich leider nicht

Ich mach aus Pulver ein Gericht.

Du wirst schon sehn, es wird dir schmecken

du wirst dir alle Finger lecken.

Jenny:

Pulvereier? Ach herrje!

Das soll ich essen? Nee!

Ich mag Eier frisch vom Huhn

Kannst du da nicht etwas tun?

Wilhelm

Moment, ich schau mal, bleib du hier

ob ich ein Hühnchen finde dir.

 

Wilhelm entfernt sich. Jenny bleibt allein zurück.

Jenny:

Wo sind die andern Frauen hin?

Mir scheint, dass ich alleine bin.

Der Wald ist mir gar nicht geheuer

Ich fürcht, das wird ein Abenteuer

der unerfreulichen Natur.

Wo stecken denn die andern nur?

Wer flüstert da? Knackt dort ein Ast?

Der Boden quatscht, ist das Morast?

Im Baum versteckt seh ich Gesichter

von Strolchen, Räubern und Gelichter!

Schurigel der Angstmacher taucht hinter Jenny auf.

Ja fürchte dich, ja, hab nur Angst

spür wie du um dein Leben bangst

dann wirst du dieses Rumttreibleben

von ganz alleine schnell aufgeben.

In dir steckt auch ein guter Keim

Der wird gedeihn in einem Heim

wo man so Kids wie dich betreut

und fromme Sitten dir einbläut. 

 

Manch Mädchen wurde schon gefunden

an einen Baum im Wald gebunden

von üblen Männern schwer geschunden

ganz grässlich übersäht mit Wunden.

 

Du sei gewarnt, du kleines Luder

die einfach mitgeht mit nem Bruder

die sich an Männerhälse schmeißt

ob Wilhelm, ob er Ahmed heißt

ob hiesig oder ein Exot

für eine Suppe, ein Stück Brot.

So manche endete als Leiche

unter einer deutschen Eiche.

Jenny:

Halts Maul, du Blödmann,

halt die Luft mal an!

Ich komm schon klar, schon immer!

So spar dir dein Gewimmer!

Da hinten seh ich schon die andern,

die noch im Spinnwebwalde wandern.

Die ruf ich jetzt! Und du hau ab

und leg dich selber in ein Grab!

Der Wilhelm ist jetzt auch zurück

Mit mir, mein Lieber, hast kein Glück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Welttheater, 3. Akt, 11. Szene: Wald 3 (Jenny und Wilhelm)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Schön, gruselig und spannend, von Scene zu Scene wechselnd….Und Jenny weiß sich zu behaupten.

    Gefällt 2 Personen

  2. Mitzi Irsaj schreibt:

    Gut gekontert, Jenny 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Zum Glück lässt sich Jenny nicht einschüchtern. Angst hat sie natürlich schon manchmal. Doch wenn dann die Angstmacher herkommen und meinen, sie damit packen und ihres freien Lebens berauben zu können, geht sie in den Widerstand. 😉

      Gefällt 1 Person

      • Mitzi Irsaj schreibt:

        Das mit der Angst beschreibst du in dem Stück sehr schön. Ein wenig ist in Ordnung und natürlich. Nur wenn es zu viel wird, dann freut man sich wenn Jenny sich dagegen sträubt 🙂

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      • gkazakou schreibt:

        Danke, ich freu ich, dass meine Absichten verständlich sind. Manchmal denke ich, bei der Reimerei könnte es schwierig sein, dem Sinn zu folgen.

        Gefällt 1 Person

      • Mitzi Irsaj schreibt:

        Ich musste mich auf den Reim einlassen und es ist ungewohnt. Aber genau das hat auch seinen Reiz. Für mich ist es gut verständlich. Trotz des Reims empfinde ich die Sprache als angenehm klar.

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      • gkazakou schreibt:

        Dieser Kommentar ist für mich sehr wichtig. Ich selbst hab mich inzwischen in die Reimerei reingefunden und mag gar nicht mehr so gern in Prosa schreiben. In Goethes „Faust II“ spricht die Helena immer in Reimen, sie konnte gar nicht anders reden – das gefiel mir immer schon ausnehmend gut.

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