Tagebuch der Lustbarkeiten: Wein und Zeit

Ist der erste Opernbesuch schuld, dass ich den Wein liebe? Das folgende Liedchen, das noch zwei weitere Strophen enthält, die mir aber entfallen sind, drang vor ca 66 Jahren – ich war 14 Jahre alt – in meine Ohren und mein Gemüt (Der Freischütz. Musik: Carl Maria von Weber, Text: Johann Friedrich Kind):

Hier im ird´schen Jammertal
Wär doch nichts als Plack und Qual
Trüg der Stock nicht Trauben
Darum bis zum letzten Hauch
Setz ich auf Gott Bacchus Bauch
Meinen festen Glauben

Carl Maria von Weber wurde im November 1786 in Eutin geboren, und das war natürlich Grund genug, ihm dankbar ein Festival auszurichten. Wir Schüler wurden per Bus hingeschafft.

Eine treue Adeptin von Gott Bacchus (oder vielleicht doch eher von Gott Dionysos, dem Zweimalgeborenen) blieb ich. Solche frühen Prägungen gehen eben tief. 🙂

Den Wein, von dem ich heute eine Flasche öffnete, gönne ich mir nicht täglich. Er ist zwar köstlich, aber eben auch teuer. Βιβλία Χωρα (gesprochen: vivlia hora) heißt er (unbezahlte Werbung) – und auch damit sind Geschichten verbunden. Meine Schwiegertochter Petra lernte den Wein bei einem Besuch in Nauplion kennen und schwärmte: „aus dem Bücherland„. Biblia bedeutet Bücher, Hora Land. Also kann man den Namen tatsächlich mit Bücherland übersetzen. Petra liebte Bücher über alles, und der Wein mit diesem Etikett avancierte daher promt zu ihrem Lieblingswein.

Ich las dann ein bisschen beim Produzenten nach und erfuhr: Der Name bedeutet „aus dem Land Biblos“, von wo einst die Phönizier die ersten Trauben nach Thessalien brachten und anbauten. Das geschah in vorhistorischer Zeit. Von diesen Trauben stammt bis heute der thessalische Wein …

Wenn ich nun mein Glas mit diesem köstlichen Rotwein hebe, denke ich an den Freischütz und an Petra und an die Phönizier, und daran, dass Zeit ja eigentlich gar nicht existiert.

Auf unser aller Wohlsein! Prosit!

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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4 Antworten zu Tagebuch der Lustbarkeiten: Wein und Zeit

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Soso, Zeit existiert nicht.😉

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    • gkazakou schreibt:

      Nun ja. Wenn alles in dir zusammenklingt – von historischer Zeit bis heute – , verliert Zeit den ihr oft zugeschriebenen Sinn, nämlich Ereignisse voneinander zu trennen, ähnlich dem „Raum“.

      Gefällt 1 Person

  2. Was für ein wundervoller Trinkspruch, liebe Gerda!

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