Welttheater, 2. Akt, 9. Szene: Angstmacherei

Was zuletzt geschah: Danai bedauert Jenny, weil sie durch ihre schweren Lebensumstände hart geworden ist. „Auch du warst ein Kind, wie meins, das ich verlor“, sagt sie – und sogleich tritt Clara, das spielende Kind, hervor, Jenny verdeckend (m.a.W. Clara ist Jennys „inneres Kind“).


Ho:

Hoho, ein herzensliebes Kind

Ro:

Rot ihre Mütz und Schleifchen sind

Lu:

Es spielt mit einem goldnen Ball

Wa:

Es tanzt und singt mit süßem Schall

Ma:

Mama mia, welch ein Kind!

Ist hold wie nur die Kinder sind!

Clara:

Spielt mit mir, ihr Süßen

Die Mama lässt schön grüßen

Mein Ball das ist die Sonne

Ich fischt sie aus der Tonne.

Da fiel sie nachts hinein

Tauchte ins Wasser rein.

Am Morgen half ich ihr heraus

Nun ist sie glücklich wieder drauß!

Jenny springt hinter dem Kind hervor:

Die Kugel ist der Sonnenball?

Du hast wohl, Clara, einen Knall!

Du willst mit diesen Mücken spielen,

die nur nach deinem Blute schielen?

Es sind Vampire, glaub es mir

Ich mach mich besser fort von hier.

Schurigel, der Angstmacher tritt auf. Die Spitits verschwinden. Jenny zieht sich in den Hintergrund zurück.

Schurigel, der Angstmacher:

Götter gibts nicht, das ist klar

auch Spirits nicht, das ist ne Mär

Nur Spinner halten sie für wahr

und rennen ihnen hinterher.

 

Brav, Jenny, du verstehst die Sachen

Du lässt dich nicht für dumm verkaufen

Du weißt, was die Insekten machen

Dass sie dein süßes Blut wegsaufen.

 

Gefährlich ist uns die Natur

mit ihren Sümpfen, ihren Mücken

wir taten viel dagegen, nur

sie hat noch immer ihre Tücken.

Schurigel zieht eine große Papierrolle aus dem Ärmel und hängt sie auf. Es ist mit einem Märchen beschriftet. Durch einen Ausschnitt lugt Jenny theKid.

Und du, mein Clärchen, solltest lesen

und brav daheim bei Mama bleiben,

Statt dich hier draußen rumzutreiben

Und Quatsch zu reden mit den Wesen

 

Die es in Wahrheit gar nicht gibt.

In Büchern findest du, was Spaß macht

und was ein jedes Kindchen liebt,

wenn es in Nächten ängstlich wacht.

 

Da kannst du lesen von Gespenstern

und Orks und Schurken jeder Art

die steigen rein zu deinen Fenstern

mit Kugelaugen oder Bart.

 

Da gruselts dich, du wirst ganz sicher

auch tags dann um die Ecke schielen

ob Zombies, Trolle, Maskenritter

ihr Stückchen in der Stube spielen.

 

Gelobt die Angst, die sie verbreiten,

die auch euch Kinder ängstlich macht!

Denn welcher Mensch kann schon bestreiten:

Die Angst ist eine Himmelsmacht.

 

Wer dieser Macht dient, der wird immer

gerüstet sein, wenns schlimmer kommt.

Und kommt es einmal doch nicht schlimmer,

So weiß doch jeder, was sich frommt.

Hera, die Göttin:

Pst, Clara, lass dich nicht beschwätzen

und gegen unsereins aufhetzen

wir sind bei dir, wir stehn dir bei

Wer ängstlich ist, der ist nicht frei!

Danai, die Hilfesuchende:

Wahr ist, die Welt ist sehr verroht,

Doch Angst hab nicht, an Gott nur glaub!

Wenn echte Not dich mal bedroht,

Hebt Er dich sicher aus dem Staub.

 

Domna, die blinde Dichterin (in tiefen Gedanken, murmelnd)

„Wenn du aufbrichst nach Ithaka, 

wünsche dir, dass der Weg lang sei,

voller Abenteuer, voller Erkenntnisse.

Die Laistrygonen und die Zyklopen,

den wütenden Poseidon fürchte nicht,

solche wirst du auf deinem Wege niemals finden,

wenn dein Denken hoch, wenn erlesene

Empfindung deinen Geist und Körper anrührt.

Den Laistrygonen und den Zyklopen, 

dem wilden Poseidon wirst du nicht begegnen,

wenn du sie nicht in deiner Seele trägst,

wenn deine Seele sie nicht vor dich hinstellt.“*


*Konstantinos Kavafis, Ithaka. Eigene Übertragung. Das ganze Gedicht findest du unter https://gerdakazakou.com/2015/12/01/griechische-lyrik-konstantinos-kavafis-ithaka/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Welttheater, 2. Akt, 9. Szene: Angstmacherei

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Ganz phantastisch, was sich da alles abspielt und entwickelt, Gerda. Das wird sicher einmal bühnentauglich sein. 💓🌟🖐️

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Und dieses Kind in zweierlei Gestalt und in dieser Gegenüberstellung ist auch sehr eindrucksvoll.💓👍

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  3. Mitzi Irsaj schreibt:

    Wunderbar in Wort und Bild, liebe Gerda. Fast hätte ich meine Haltestelle verpasst. 🙂

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  4. Den Angstmacher mag ich nicht, aber Deine Verse sehr.

    * Ist hold wie nur die Kinder sind! *
    Das sehe ich immer wieder am Minienkelchen von knapp 3 Jährchen.
    So echt und wunderbar ist wirklich nur ein Kind… ganz bezaubernd

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