Dora interviewt die Kandidaten (Neuntes Interview: der Macher)

Vorrede für seltene Besucher (auf Anregung von Petra P):
Doras Jahr geht zu Ende. Daher veranstaltete ich Ende November eine Ausschreibung, um geeignete Kandidaten fürs Jahr 2023 zu finden. Meine Leserinnen und Leser halfen bei der Kandidatenkür: Hier das Ergebnis der Abstimmung. Dora interviewt die Kandidaten seither, da man sich nicht auf die schriftlichen Bewerbungen allein verlassen könne. Bisher hat sie folgende Kandidaten interviewt: den Angstmacher, die Wissenschaft hinter dem Neuen Menschen, die Hilfesuchende, das spielende Kind, den Überlebenskünstler, das Paar (2x), die Fragende.

Seit gestern wieder in Athen, gehe ich heute im Stadtwald spazieren. Da erblicke ich in der Ferne einen Mann, der einen Hund zu dressieren versucht. Jedenfalls ist es das, was ich glaube. Dora springt von meiner Schulter und huscht hinüber, um zu sehen, worum es sich wirklich handelt.

Collage aus Kohlezeichnung-Legefiguren

Beim Näherkommen sehe ich, dass es sich um den „Macher“ handelt. Wie schrieb er doch in seiner Bewerbung?

„Den Stier bei den Hörnern und die Gelegenheit am Schwanz packe ich. Manchmal geht es auch darum, Drachen zu töten und Ungeheuern den Garaus zu machen. Die Welt ändert sich nicht, wenn du träumst. Ich will dich gern im kommenden Jahr lehren, nicht nur zu schwätzen, sondern zur Tat zu schreiten. Auf gehts!“

Damit ist er in guter Gesellschaft. „Der Worte sind genug gewechselt, Laßt mich auch endlich Taten sehn!“ forderte schon der Theaterdirektor im Vorspiel zu Goethes Faust. 

Das war im Jahr 1808. Seither sind 214 Jahre vergangen, und Taten sahen wir reichlich, gute wie schlechte, denke ich. Aber auf das, was ich denke, kommt es hier grad nicht an. Wollen wir lieber hören, was Dora denkt, und was der Macher (Täter?) von sich gibt. 

„Hi“, schreit Dora. „Das ist ja gar kein Hund. Ein Drachen ist es auch nicht, und auch kein Stier. Was ist es dann?“ -„Pst!“ macht der Macher, „sei leise, mach es nicht scheu, sonst verschwindet es noch. Es ist eine Gelegenheit, mich im Machen zu üben.“ – „Und was willst du machen, wenn du sie am Schwanz gepackt hast?“ flüstert nun Dora. „Dann mache ich sie zu meiner Sklavin.“ -„Wie bitte?“ – „Dann muss sie tun, was ich ihr befehle. Schau, so: ‚Sitz!‘ und schon sitzt sie. ‚Steh!‘, ‚Geh!‘, ‚Beiß jeden, der auf die Straße geht! Hol mir meine Schuhe! Erkläre einen Krieg! Mach Frieden! Mach mich zum reichsten Mann der Erde!‘ Egal, sie muss es tun.“

„Das alles kann sie machen?“ wundert sich Dora. „Kann ich ihr auch Befehle geben?“ 

„Im Prinzip kann es jeder, der das Monster gezähmt hat,“ sagt der Macher, nun ganz vertraulich sich zu Dora hinunterneigend. „Worauf es ankommt, ist, es soweit zu kriegen, dass es nur dir gehorcht. Es gibt viele, die es versuchen, aber bisher ist es niemandem gelungen.“ 

Dora legt ihr Köpfchen schief und denkt nach. „Und wenn es dir auch nicht gelingt?“ fragt sie dann. „Legst du dich dann aufs Ohr und bist kein Macher mehr?“ – „Das geht nicht!“ verkündet der Macher im Brustton der Überzeugung. „Ich bin ein Prinzip!“

Während die beiden so schwätzen, hat sich die Gelegenheit heimlich entfernt. Weg ist sie. Doch sicher wird sie sich anderswo erneut bieten. Immer, überall kann sie plötzlich auftauchen, und dann gilt es, sich nicht mit Reden aufzuhalten, sondern sie am Schwanz zu packen. Alles weitere wird sich dann finden. Nur nicht locker lassen!

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Dora interviewt die Kandidaten (Neuntes Interview: der Macher)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Oh da nimmt jemand den Kampf mit dem Drachen auf, fürchtet sich auch nicht vor dem Höllenfeuer. Doch was steckt dahinter? Nur ein Prinzip? Das Prinzip von Herrschen und Beherrschtwerden? Funktioniert das? fragt Dora furchtlos zurück…
    Also, das wird ja spannend – oder auch nicht.
    Es kommt auf uns an: Wollen wir die Herausforderungen, das Wagnis, aber auch den Kampf? Der lâßt sich wohl nicht vermeiden.
    Bleiben wir dabei ruhig und gelassen, freundlich, offenherzig, evtl naiv?
    „Der Dümmling“ in den Märchen war am Ende der Held und Sieger. Aber er hatte kein Prinzip.

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Die Bildaufteilung ist Dir wieder wunderbar gelungen, Gerda! Dein Gemâlde als Hintergrund so machtvoll, darunter der „Macher“ so winzig!

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  3. juergenkuester schreibt:

    Sehr gelungen das Ganze, wirklich toll! Liebe Grüße

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  4. kopfundgestalt schreibt:

    Es gibt Leute, die wollen etwas bewegen. Ob als Intendant auf der Bühne oder in der Politik.
    Wie ich mit einem Freund vor Monaten diskutierte: Es gibt tatsächlich den Politikertyp, der sich als talentiert genug sieht für gute Ideen und dem seine Stellung dabei schnurz ist. (Dieses Schnurzsein gibt es ja auch bei bedeuteten Künstlern. Ich habe mal einen solchen getroffen, der den Begriff „Künstler“ mir gegenüber von sich wies!)

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  5. Pega Mund schreibt:

    so viele tolle ideen, liebe Gerda: die kandidatInnen, die bewerbungen, die interviews, die punktevergabe … hab leider die zeit nicht, tag um tag alles mitzuverfolgen, aber ich mache dafür dann immer mal wieder eine nachlese!

    bin gespannt, wer also im neuen jahr die wackere dora ablösen wird. ich habe mehrere favoritInnen … 😉😊

    herzliche grüße zur nacht aus dem sanfthügeligen westallgäu:
    pega

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  6. Diese Art von Machern, die meinen, mit Dressur geht alles, mag ich gar nicht.
    Vor solchen schrecke ich zurück und werde ziemlich bockig, wenn es mich selbst betrifft.

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    • gkazakou schreibt:

      Sprache ist ein seltsam Ding, liebe Bruni. „Macher“ erinnert mich stark an Grobiane (Macho, Machete, griechisch μαχη (machi) = Kampf, auch jmd „anmachen“ etc), es liegt nahe bei „Täter“,ein Wort, das sogar noch belasteter ist, da man sogleich an die Opfer denken muss. Die Verben „machen“ und „tun“ klingen dagegen ganz unschuldig. Wo kämen wir hin, wenn wir es am Tun, an Taten, am Realisieren des Machbaren fehlen ließen? Wir wollen Taten, aber keine Täter. Ein „Macher“ ist für mich ein Mensch, der bei seinem Tun Gewinn und Verlust für andere nicht abwägt und insofern blind für die Folgen ist. Aber die Hände in den Schoß zu legen, wenn Aktion nötig ist, ist auch nicht das Rechte. Wieder mal stimmt „alles in Maßen“

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      • Tja, das goldene Mittelmaß ist das rechte. Macher bedeutet für mich, daß einer unbedingt etwas will und es durchsetzt, auf Teufel komm raus…,
        einer, der keinerlei Diplomatie einsetzt, sondern nur auf seinem Willen besteht. Keine Widerrede gelten läßt…

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      • gkazakou schreibt:

        Fanatiker sind so. Meistens geht es auch für sie nicht gut aus.

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  7. linienspiel schreibt:

    Oha! So einer ist das. Da muss ich meine Punktevergabe wohl revidieren …

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    • gkazakou schreibt:

      Ich habe ihn (wie auch die anderen „archetypischen“ Gestalten) sehr überzeichnet. Eine Gelegenheit beim Schwanz zu packen, handeln statt reden, tätig sein anstatt zu träumen – das ist ja ein notwendiger Charakterzug, und ich war sehr froh, dass sich ein paar Stimmen bei ihm versammelten. Über deine Stimme freute ich mich besonders.

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      • linienspiel schreibt:

        Ja, Gerda, so wie du es hier beschreibst, das waren meine Kriterien für die Punktevergabe. Die Überzeichnung zeigt, dass Extreme in die eine (oder auch andere Richtung) problematisch sind. Auf jeden Fall ist diese Idee mit all den Bewerbern eine sehr sehr packende, und sie inspiriert zum Reflektieren. Audiatur et altera pars.
        Es bleibt spannend, wie die ganze Sache sich entwickelt.😊

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      • gkazakou schreibt:

        Ich habe ja für jeden Kandidaten jetzt nur eine einzige Szene zur Verfügung, da muss ich überspitzen. Falls sie aber im Team das kommende Jahr begleiten, korrigieren sich die unterschiedlichen Charaktere und gleichen sich aus. So könnte es sein. Wie es wird, weiß ich nicht. Das Szenarium entwickelt sich Schritt für Schritt, genauso wie das Weltgeschehen. 🙂

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