Gegenstand und Grund (Wahrnehmen, Erkennen)

Linien spielen über einen unruhigen grauweißen Grund. Auge und Hirn ordnen die Linien Gegenständen zu, meinen, etwas zu erkennen: Krug, Birnen, Orangen vielleicht, Becher. Eigentlich ist es ein Wieder-Erkennen. Dazu kommen die raumschaffenden Linien und die Spiegelungen oder Schattenwürfe. Ist alles  zugeordnet, ruht das Auge, ruht auch der Verstand. Man hat „erkannt“.

Doch noch verwirrt der grauweiße Grund und fordert heraus. Unruhig irrt das Auge, sucht auch darin Bekanntes, Wiedererkennbares. Ich helfe ein wenig nach, indem ich einen Filter setze, der die Kontaste verstärkt.

Das Ergebnis? Die Unruhe will sich nicht legen. „Was ist das?“ fragt der Verstand. Er kommt nicht zur Ruhe. Ein anderer Filter muss her.

Kehrt nun Ruhe ein? Ja und nein. Ja, denn es gibt keine Unklarheit mehr, alles ist zugeordnet. Andererseits: Nein, denn die Objekte haben nun eine gesteigerte Präsenz, fordern heraus: Betrachte mich! Vergiss das Umfeld, betrachte mich! nur mich! Und so versuche ich es mit einem neutralisierenden Filter: der Hintergrund wirkt nun wie ein einheitliches Gewebe, auf den Linien gestickt sind.  Die Spannung ist hin.

Im Grund funktioniert das Hirn auch bei Nachrichten nicht anders: Ich nehme einzelne Ereignisse, die mir umrisshaft dargeboten werden, wahr und benenne sie (aktuell etwa „Ukrainekrieg“ oder „Affenpocken“), aber es bleibt ein verwirrender kaum beleuchteter Hintergrund, der sich der einfachen Zuordnung entzieht (1). Eine stärkere Beleuchtung führt nicht unbedingt zu gesteigerter Erkennbarkeit der im Hintergrund wirkenden Kräfte (2). Werden die Vordergrund-Phänomene deutlich „ausgemalt“ und benannt (dies ist eine Birne, dies ist ein russischer Angriffskrieg), entsteht eine beruhigende Pseudo-Sicherheit, da der wirkende Hintergrund ausgeblendet ist. „Was geht mich der Hintergrund an“, heißt es dann. „Mir reichen die Ereignisse, die sprechen eine klare Sprache“.  (3). In der gleichgültigen wissenschaftlichen Betrachtung, bei „gleichem Abstand“,  wirken die konkreten Ereignisse wie eingelassen in ein einheitliches Gewebe. Man könnte dies und das ein wenig ausmalen, je nach Gusto, und das Bild entsprechend variieren (4).

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Gegenstand und Grund (Wahrnehmen, Erkennen)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Das sind sehr interessante Studien, Gerda. Zufriedenener sind wir, wenn das Vordergründige sich klar abhebt vom Hintergrund. (3)
    Tut er das nicht, bleiben viele Möglichkeiten einer Deutung(4). Sehen wir mit dem Vordergründigen zugleich das Hintergründige, stehen wir vor einem Problem, das uns herausfordert, und wir müssen uns bemühen, alles zu hinterfragen. (2).

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    • gkazakou schreibt:

      Danke für deinen eingehende Kommentar, dem ich zustimme. Ich würde Ursache-Wirkung allerdings ein wenig anders verteilen: Weil es uns beruhigt, neigen wir dazu, Vorder- und Hintergrund getrennt zu halten. Wir sind oft zufrieden damit, wenn man uns nur den Vordergrund zeigt, so als ob damit alles gesagt wäre (3) Vorder- und Hintergrund auf einander zu beziehen, ist anstrengender. Es ist viel gedankliche Arbeit und Intuition nötig, um das Richtige zu treffen. So wie bei diesem Bild-Beispiel: vielleicht ist der Hintergrund ja auch ganz zufällig und alle Verbindungen, die wir herstellen, sind falsch? Nie können wir sicher sein, ob wir richtig interpretieren (2)

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Das Bild 4 zeigt uns aber auch, daß alles gleichberechtigt ist und sich möglicherweise kaum voneinander unterscheidet. Wie von gleicher Art.
    Allerdings ist das im explosiven Zustand kaum noch möglich.

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  3. Mitzi Irsaj schreibt:

    Interessant vom Betrachten deiner Zeichnung auf die Wahrnehmung und Verarbeitung von Nachrichten zu verweisen. Mein Hirn weigert sich, sich mit Affenpocken auseinander zu setzen. Da stellen wir uns gerade stur 😉

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    • gkazakou schreibt:

      Ich versuche mich auch stur zu stellen, liebe Mitzi, denn es reicht mir, zumal ich die jetzige Affen- und die vorige C-Gefahr ungefähr gleich einschätze: als Affentheater, das öffentliches Interesse an der Gesundheit der Menschen vortäuscht, während die menschenfeindlichsten Aktivitäten im Gang sind und legitimiert werden. Allein die steigende Zahl der Menschen, die verhungern, und die Zahl der Waffen, die verkauft und benutzt werden, die riesigen Gebiete, deren Grundwasser verseucht wird, damit wir an Rohstoffe herankommen…., sollte eigentlich jedem denkenden Menschen klar machen, dass es NICHT um die Gesundheit der Menschen (und nun gar der Alten!) geht.

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      • Mitzi Irsaj schreibt:

        Ich schätze sie zwar nicht unbedingt gleich ein, empfinde die Berichterstattung aber als komplettes Affentheater. Die von dir angesprochenen Themen werden uns vermutlich den Gar aus machen. Und wenn man sieht wie dumm und respektlos wir Menschen sind, dann erscheint mir das an manchen Tagen nur konsequent. Diese Welle wird vergehen, Gerda. An die anderen mag ich heute nicht denken – ich topfe die Blumen am Balkon um, das ist schöner. Liebe Grüße

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  4. Myriade schreibt:

    Die Millionen durch Hunger gefährdeten Menschen wegen der gesperrten Häfen in der Ukraine, über die kein Weizen exportiert werden kann …

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Myriade, es ist wirklich erstaunlich, wie du jede in deinen Überzeugungsrahmen passende propagandistische Meldung unbesehen übernimmst und weiterverbreitest. Die drohende Hungersnot ist also ein weiteres „Putin“ anzulastendes Verbrechen? Lies mal bei Schwab nach (Covid 19 und das Große Reset), da wird die Hungersnot bereits vorausgesagt – als Folge der „Pandemie“ und der verordneten shutdowns.. Im übrigen hat „Putin“ einen Vorschlag gemacht, wie der Export ermöglicht werden kann: Aufhebung der entsprechenden Sanktionen.
      Andere Gründe für Hungersnöte gibt es natürlich auch massenhaft: zB die Umwidmung von landwirtschaftlichen Nutzflächen für die Herstellung von Biogas, das in manchen Weltgebieten extreme Bevölkerungswachstum ohne entsprechende Vermehrung des produktiven Aufkommens, die Landverteilung, die Exportströme Richtung wohlhabender Länder, der ausbleibendee Regen, Hagelschläge, Brände, Kriegsverwüstungen … um nur ein paar zu nennen. Aber „Putin“ ist schuld.

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    • gkazakou schreibt:

      Na, von der, die du hier wiederholt hast: dass „Putin“ die Weizenexporte aus Ukraine-Häfen böswillig sperre und somit am Hungertod von Millionen schuld sei.

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      • Myriade schreibt:

        Dass die Häfen nicht funktionieren ist eine Tatsache. Dass Putins Aggressions krieg dazu geführt hat auch. Die von ihm vorgeschlagene „Lösung“ ist Zynismus pur. Es liegen Unmengen von Getreide in Containern, die nicht befördert werden können und in den Ländern für die das Getreide bestimmt ist hungern und sterben Menschen. Wo siehst du da Propaganda?

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      • gkazakou schreibt:

        Propaganda, liebe Myriade, ist nicht gleich Lügen. Vielmehr stimmen die Fakten oft, aber Framing und Bewertung sorgen für die „richtige“ Interpretation. Die Hungerkrise Afrikas wurde NICHT durch diesen Krieg ausgelöst, aber selbstverständlich tragen Kriege zur Verschärfung des Hungerproblems bei. Daher bin ich gegen die Produktion, den Verkauf und die Lieferung von Waffen an Kriegsparteien überall in der Welt. Mit all diesem Geld, den prduktiven Ressoucen und mit Verschrottung de Waffen ließen sich die Hungerprobleme der Menschheit leicht lösen.

        Einzelheiten zum Hafen von Odessa: (DW, vor ein paar Tagen): Die Hafenausfahrt ist nicht sicher, da vermint. Die Sicherung würde viele Monate dauern (Odessa-Bürgermeister) . Küste und Hafenausfahrt wurden durch „ukrainische Freiwillige“ vermint, da ein Angriff auf die Stadt angeblich unmittelbar bevorstand. (Welt-Nachricht vom März), Die Probleme des Hafens sind seit Kriegsausbruch bekannt, aber erst jetzt „überlegt“ man, wie man die logistischen Probleme von Getreideexport über die Ostseehäfen von Polen und Littauen lösen könnte. – Die Sanktionen gegen Russland treffen vor allem die einfachen russischen Menschen, ihre Abschaffung zu fordern ist menschlich, ihre Beibehaltung zynisch. – Für russische Getreideschiffe gilt seit April ein allgemeines Embargo. Sie können keine europäischen (und viele andere) Häfen anlaufen, / Russland ist seit einigen Jahren der größte Getreideexporteur weltweit. es kkonkurriert direekt mit den urropäischeen und amerikanischen weizenexporteuren. – Der Krieg in der Ukraine hat die Weizenpreise an den Börsen in die Höhe getrieben, das Embargo für russische Frachtschiffe hat sie explodieren lassen. Wer profitiert? …. Das sind so Fragen.

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      • Myriade schreibt:

        Das ist ja genau das Problem. Jede/r kann alles interpretieren. Auf seine/auf ihre Weise. Logisch, emotional, paranoid, esoterisch, vernünftig etc etc und andere können diese Interpretationen verwerfen, kritisieren, gut heißen, in der Luft zerreissen… Und inzwischen sterben Menschen während andere auf der 17. Metaebene mehr oder weniger kluge, philosophische, literarische, historische psychologische Meinungen austauschen….

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  5. Eine schöne grafische Hinführung zu Wahrnehmungsproblemen, die uns alle irgendwie betreffen. Die Hintergründe auszuloten ist uns oft zu anstrengend insbesondere dann, wenn der Vordergrund mit holzschnittartiger Deutlichkeit dominiert.

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