Freisetzung des Blattes (kleine Beobachtungen)

Heute fuhren wir von Athen zurück in die Mani. Doch bevor es losging, musste ich noch das Blatt freisetzen.

Welches Blatt? Nun, dieses goldgelbe Blatt, das ich, um es beim Verwelken zu beobachten, mit einem Stein beschwert und festgelegt hatte.

Ein Wind bewegte das Blatt, das, so schien mir, an seiner Fessel zerrte. Es wollte wohl gern auf und davon fliegen, aber der Stein hielt es fest.

„Jetzt“, so sprach ich zum Blatt, „bist du frei!“  und hob den Stein an. „Du kannst hinfliegen, wohin zu willst!“ Da lag es ganz still, wie erstaunt, so als glaubte es nicht an seine plötzliche Freiheit.

Ich habs schon mal bei einer jungen Ziege gesehen, das war auf der Insel Samothrake. Die Ziege hatte man gebunden an den Straßenrand gelegt, um sie später zum Schlachten abzuholen. Ich nahm ein Messer und durchschnitt die Fessel. Das Tier schaute mich an und rührte sich nicht. „Hopp!“ sagte ich. „Du bist frei. Jedenfalls für den Augenblick. Mach schon! Ich kann hier ja nicht Wache halten, bis du dich besinnst! Jeden Moment kommen die Leute, die dich gebunden haben, ich möchte ihnen nicht gern begegnen!“ Schnell entfernte ich mich, schaute mich um: die Ziege lag noch immer dort neben dem Graben, als sei sie gebunden.

Und das Blatt? Nun, es wird schon ein Wind kommen und es ins Freie tragen.

Wie es bei den Menschen ist, wenn der Zwang oder die Bindung wegfällt und sie plötzlich frei sind  – ich kann es nicht vorhersagen. Werden sie noch wissen, dass sie einen freien Willen haben und geschaffen wurden, um ihn zu benutzen, oder werden sie einen kräftigen Wind brauchen, der sie aufstöbert und ins Freie trägt?

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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19 Antworten zu Freisetzung des Blattes (kleine Beobachtungen)

  1. derdilettant schreibt:

    Betrachtet man deine Frage auf einer historisch-gesellschaftlichen Ebene, dann kann man sicher sagen, dass die Menschen z. B. in (West)Deutschland seit dem Ende des Krieges so frei waren wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Was sie daraus oder damit gemacht haben, kann man sehen. Man könnte auch den Übergang von der DDR in das wiedervereinigte Deutschland im Hinblick auf deine Frage betrachten. Selten wurden wahrscheinlich Menschen so abrupt mit ihrer Freiheit konfrontiert. Um im Bild der Ziegengeschichte zu bleiben: ich vermute mal, du wirst stets dem ganzen Spektrum begegnen. Von Lethargie bis Hyperaktionismus. Dass die Idee einer Menschheit in Freiheit fasziniert, und dass man sich gerne vom Pathos einer Befreiungsideologie a la Beethovens Neunter, zum Beispiel, begeistern lässt, versteht sich. Der Begriff „Freiheit“ ist jedoch heute, entschuldige wenn ich das so direkt sage, nicht mehr unter der Ladentheke zu haben, sondern wird einem in jedem Ramschladen hinterhergeworfen. Ich hoffe, du verstehst was ich meine. Leider reagiere ich auf dieses Wort gerade etwas allergisch. Frohe Weihnachten, liebe Gerda (und an dieser Stelle einmal Dank für deine immer anregenden Beiträge)!

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, lieber Herr Dilettant. Ich hab jetzt extra noch mal nachgelesen, das Wort „Freiheit“ kommt in meinem Eintrag nicht vor, wohl aber die Wörter „frei“ und „ins Freie“, auf die ich keineswegs verzichten mag. Wörter mit der Endung -heit haben wohl immer die Tendenz, ins Abstrakte aufzublasen, was im Konkreten sehr wichtig und richtig ist.
      Ich hatte übrigens bei meiner Schreiberei durchaus auch (wenngleich nicht nur) ganz Konkretes im Sinn. Wie fühlt es sich an, wenn eine Bindung (durch Partner, Kind, Beruf, ein „Klotz am Bein“) wegfällt und man plötzlich „frei“ ist zu tun, was immer einem beliebt. Bleibe ich in der gewohnten Haltung hocken, bis mich ein Windstoß irgendwohin treibt, oder mache ich mich aus eigenem Antrieb auf die Socken?

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  2. Welch kluge Metapher liebe Gerda! Ich bin beeindruckt!

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Was Dir so ein Blatt doch alles sagen kann, Gerda. Übrigens sieht es, nachdem es befreit wurde, doch noch ganz frisch aus.🍂

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  4. Die Bedeutung des Freigeistes kann nur gelebt werden, wenn das Denken und Handeln unabhängig und frei von Zwängen ist!

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  5. nandalya schreibt:

    Auch eine sanfte Brise kann für Veränderung sorgen.

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  6. Eine schöne Geschichte. Zum Glück gibt es auch Ziegen, die über Zäune springen…

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, die gibt es hier, und damit sie es nicht tun, bindet der Bauer ihnen ein Vorder- mit einem Hinterbein zusammen 😦 . Die Ziegen auf Samothrake sind freie Ziegen, sie werden nur zur Schlachtung eingefangen. Ich habe mal beobachtet, wie das geht: da braucht man etliche Männer und Hunde und viel Geduld, um eine einzige Ziege gefangenzusetzen. Ich sah, wie sich eine große Ziege im Schatten eines Felsens vor den Jägern verbarg und unsichtbar blieb, aber eine Jungziege flüchtete auf einen Felsen im Meer, wo man sie einsammelte.

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  7. Dann ist es umso merkwürdiger, dass die von dir befreite Ziegen nicht sofort wieder Reißaus genommen hat. Vielleicht hatte sie vorher aufgegeben.

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  8. Daran dürfen wir uns kein Beispiel nehmen!

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  9. Das Blatt wird fliegen oder fallen, oder aber fallen und wieder fliegen.
    Das Beispiel mit der gebundenen Ziege beeindruckte mich sehr.

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  10. Johanna schreibt:

    Eine starke Metapher…ja ich denke das Tier hatte aufgegeben. Ich habe manchen Vogel aus dem Maul der Katzen gerettet, der dann auch zuerst wie leblos dalag und dann nach einem Schütteln sich wiederbelebte und davon flog. Ich denke es ist ein Schutzmechanismus der Natur, dem sogenannten ‚freeze response‘ welcher uns in Todesbedrohung vor Schmerzen und Qual beschützt. Dieser Zustand ist zunehmend in der (besonders jüngeren) Menschheit zu beobachten……..

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