Tauben (Impulswerkstatt)

Bild 4, von Myriade: Tauben

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2021/09/03/einladung-zur-impulswerkstatt-september-oktober-2021/

Liebe Myriade, dein Foto von zwei Tauben in einer Felswand lockert viele eigene Bilder – vor allem innere. Denn wie oft habe ich ihrem ruckenden zuckenden Gang zugeschaut, habe ihrem Gurren gelauscht, habe versucht, dem plötzlichen Aufflug eines Schwarms mit den Augen zu folgen. Wie Funken und Flammen beleben sie für einen kurzen Moment den Himmel. Und schon beruhigt sich der Schwarm wieder, sammelt sich, lässt sich nieder.

Alles ist gut, um sich niederzulassen. Warum nicht auch eine der summenden surrenden elektischen Leitungen, die sich über die Felder spannen und einen Überblick über das Land gestatten?

Und da ist er wieder, der magische Spiegel, und in ihm werden die Tauben sichtbar.

Schau nur, wie sie sich in der sonnigen Bläue wiegen!  „Und die Tauben und Sonne geben sich Zeichen…“

Max Dauthendey

 

Tauben und Sonne

  

Über den Dorfdächern lebt nur der Rauch gekräuselt,

Und ein Windzug in einer herbstlichen Baumkrone säuselt,

Wenn eine Taubenschar mit rauschendem Flug

An die blendende Nachmittagluft anschlug.

In der Tauben Reich, über die braunen Dachziegel,

Ist die Sonne gesetzt als der Stille Siegel.

Und die Tauben und Sonne geben sich Zeichen,

Schreiben Schatten, die über die Dorfstraße streichen.

Weil alle Dinge sich verstehen müssen,

Wie geheime Verliebte, die sich verstohlen grüßen.

Die sich mit ihren Blicken stärken,

Und kein Mensch kann es sehen, noch merken.

Noch vieles hätte ich über die Tauben zu sagen: über ihre Liebe und Partnertreue und deren Ausbeutung durch die Brieftaubenzüchter, über ihr besonderes Schwarmverhalten,  von dem wir uns einiges abschauen könnten, über die reiche mit der Taube verbundene Symbolik – von der Geburt der Aprodite über die Sintflut und die Christustaufe bis hin zu Picassos Friedenstaube -, über die wechselnden Formen des Zusammenlebens zwischen Mensch und Taube von der Opferung* über die  Fütterung bis hin zur Vergiftung. Vielleicht mache ich ja noch einen Eintrag dazu. Vorerst will ich mich mit einem weiteren Gedicht begnügen.

 

Hoffmann von Fallersleben

Der Täubchen Tod

Vor meinem Fenster saßen sie,

Die lieben Täubchen beide;

Sie flogen aus, sie kehrten heim

Zu meinem Fenster beide.

Ein Iltis schlich zum Schlag hinein

Und würgte mir das eine;

Das andre nun am Fenster sitzt,

Ich seh‘ es an und weine.

Ich hol‘ ihm Wasser, hol‘ ihm Korn,

Das Alles will’s nicht haben.

Es tut, als wollt‘ es sagen mir:

Ich sollt‘ es nur begraben.

Es schloß sein Aug‘, und ich begrub’s

Dort unterm grünen Flieder.

Ich sah’s und seh‘ es immer noch

Und wein‘ auch immer wieder.

 

*Mädchen bringt Taubenopfer -Vravron, Artemistempel

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Tauben (Impulswerkstatt)

  1. Myriade schreibt:

    Ich mag deine von vielen Seiten kommenden Beiträge sehr gerne. Man sieht daran, was sich aus einem Impuls, einem Stichwort alles machen lässt ! Mir fällt zu deinem magischen Spiegel jener Spiegel ein, den Stendhal als Symbol für den Schriftsteller nimmt, den Spiegel, der durch die Welt rollt und alles, was er sieht zurück spiegelt. Die beiden Tauben auf dem Foto wohnen übrigens in geschichtsträchtigem Gemäuer. Im Zistersienserstift Zwettl, das seit seiner Gründung 1138 ununterbrochen genutzt wurde und das drittältestete Zisterzienserkloster weltweit ist. Allerdings haben sie sich nicht den schönsten Ort ausgesucht: sie wohnen in der antiken Latrinenanlage 😉
    Herzlichen Dank für den Beitrag, er hüpft gleich auf die Liste

    Gefällt 6 Personen

  2. Peter Klopp schreibt:

    Vielen Dank für die Taubenbilder und die ergreifenden Gedichte, die du uns heute ausgewählt hast!

    Gefällt 2 Personen

  3. wildgans schreibt:

    Diese eine Taube mit dem Olivenbaumzweiglein im Schnabel, ja, die mag ich. Ansonsten lieber Schwalben, Habichte und Fledermäuse…
    Als Motive der Kunst und auf diesem Tummelplatz in Venedig: Nun ja. Du sagst es.
    Die Gedichte sind gar heftig schön!

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Mir sind auch die Tauben recht, liebe Sonja. Und die Spatzen… Nur mit den Elstern stehe ich ein bisschen auf Kriegsfuß, weil sie überhand genommen haben und andere Vogelarten verdrängen. (Ich tu ihnen aber nix).

      Gefällt mir

  4. und wie oft sind sie nicht gern gesehen…
    Der Täubchen Tod ist ein wundersam schönes inniges Gedicht, aber bei er wunderschönen antiken Gestalt eines Mädchens geht mir der Gedanke im Kopf herum:
    Zuerst wiegt sie es in Sicherheit und dann wird es gemordet…

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  5. Gisela Benseler schreibt:

    Liebe Gerda, zum Lesen kam ich bisher noch nicht, – Du ahnst auch, warum….

    Gefällt 1 Person

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