Die Überlebende (Impuslwerkstatt)

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2021/07/02/einladung-zur-sommer-impulswerkstatt-juli-und-august/

Oft habe ich über dein drittes Bild nachgedacht, Myriade. Ich sah das Gitter in ihre Stirn geprägt – fein ziselierte schmiedeeiserne Gitter, andere als die, die ihre weit offenen Augen sahen, als sie ein Kind war. Und die sie vielleicht immer noch sieht, wenn sie die Augen schließt. Eine Überlebende.  Sollte ich ihre Geschichte erzählen – sie noch einmal ins Gedächtnis rufen?

Ich entschied mich dagegen. Das Thema ist mir zu groß für einen kleinen Beitrag. So erzähle ich diesmal lieber von den Tränen einer überlebenden Tamariske.

Tamarisken – schon öfter sprach ich von ihnen – sind wahre Wunderbäume. Von Sturm und Wellen gepeitscht, vom Meer entwurzelt…

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früheres Foto der Überlebenden, hier vom Meer entwurzelt

zuletzt haben Menschen (?) mit Sägen ihre über die steinige Oberfläche des Strandes wandernden gewaltigen Wurzeln systematisch abgesägt und den Baum fast gänzlich zerstört. Doch sie lebt, die eine der beiden Tamarisken in meiner Bucht, lebt trotz allem. Eine verbliebene Wurzel kriecht über Steine und Sand, bis sie Erde findet, ihre nadelförmigen Blätter saugen Feuchtigkeit aus der salzhaltigen Luft und scheiden das Salz als funkelnde Kristalle an den Spitzen der Blätter aus. Wohltuenden Schatten spendet sie uns. Dass auch die feinen Wurzeln schöne Linien über den Sand zeichnen, habe ich schon mal hier gezeigt:

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Die andere Tamariske hat die Mordlust der Menschen nicht überlebt, sie reckt ihr kahles Geäst blattlos und anklagend gen Himmel. Alle ihre Wurzeln wurden ihr abgesägt, und so hatte sie keine Chance. Ihr Holz wird langsam schwarz und bleich. Ein neues Foto habe ich nicht gemacht.

Hier sind noch beide Bäume intakt: vorne ein Ast des überlebenden Baums, hinten das gelbgrüne Laub des später ermordeten.

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Die überlebene Schwester hat eine einzige ihrer Wurzeln behalten. Die eine Wurzel reichte, damit sie wieder austrieb. Sind die Menschen ihr dankbar? Lassen sie sie jedenfalls jetzt in Frieden? Manche wohl, andere nicht, wie ich traurig feststelle: Ohne Sinn und Verstand werden Äste abgebrochen. Wozu? Um ein Feuerchen für das Kotelett zu nähren? Ich begreife es nicht.

Heute morgen sah ich im Gegenlicht, wie die Salzkristalle am Blattwerk funkelten. Wenn du das  Foto anklickst, wird es größer.

Salzige funkelnde Tränen einer mühsam Überlebenden. Hier und damals und heute, immer wieder.  Lässt man ihr nur die geringste Chance, wird sie wieder ausschlagen und neues Blattwerk treiben, in dessen Schatten wir ruhen dürfen. Auch in Afganistan wachsen Tamarisken.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Fotografie, Impulswerkstatt, Katastrophe, Leben, Natur, schreiben abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Die Überlebende (Impuslwerkstatt)

  1. Johanna schreibt:

    Liebe Gerda, ich mag diese Geschichte sehr, auch wenn sie etwas traurig ist.
    Ich liebe auch Tamarisken, habe ein kleine in meinem Garten und eine riesige bei der Arbeit.
    Dass diese zarten, filigranen, ‚weiblichen‘ Bäume so starkem Wetter standhalten, fiel mir auch hier an der Südküste auf, wo sie auch als Windbrecher angepflanzt werden.
    Dass sie Salz ausscheiden finde ich ganz enorm, und die Schönheit und Bedeutung dieser ‚Tränen‘ ist bewegend.

    Gefällt 3 Personen

  2. Myriade schreibt:

    Einen schwierigen und doch sehr klaren Bogen hast du da geschmiedet, Gerda, von den KZ-Überlebenden über die griechische Tamariske nach Afghanistan und der Schlußstein ist dein letzter Satz „Auch in Afghanistan wachsen Tamarisken“. Ja, mögen vor allem die afghanischen Frauen ihre Wurzeln so weit schieben können, dass sie in der Erde ankommen …
    Vielen Dank für diesen tief gehenden Beitrag.

    Gefällt 5 Personen

  3. Friedrich schreibt:

    Es hat eine Entrfremdung unter den Menschen stattgefunden – oder wird sie erst jetzt sichtbar? – eine Entfremdung untereinander (Vereinzelung?) und zu allem Lebendigen in der Natur. In einer Großstadt wie hier ist es seit Jahren nur zu deutlich zu sehen und es schmerzt mich oft physisch…

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  4. PPawlo schreibt:

    Ein großartiger Beitrag, Gerda! Dieses schwerwiegende Gedankenfutter muss sich erstmal setzen…
    Herzlich, Petra

    Gefällt 2 Personen

  5. Was für eine gedankenvolle wunderbare Geschichte, liebe Gerda.
    Ich kenne hier keine Tamarisken, aber viele Menschen, die gedankenlos zerstören und nicht daran denken, daß es Leben ist, was sie töten. Ist ihnen Leben unwichtig, wurden sie über die Wunder der Natur nie aufgeklärt? Mein letzter Beitrag handelt tatsächlich von der Wichtigkeit der uns umgebenden Natur.

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  6. athenmosaik schreibt:

    Liebe Gerda vielen Dank für diese fein gewebten Gedanken und diese poetischen Bilder dazu.

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