Ein Gedicht für Ursel (abc-Etüden)

 

Halbautobiographische Kata-Strophen für Christianes abc-Etüden, mit Wörtern, die Bernd von https://redskiesoverparadise.wordpress.com/ spendete.

„Tür zur Erinnerung“. Spiegelungen auf verglastem Gemälde

 

Für Ursel

„In den Baracken

Das sind doch Polacken“

So hörte ich sagen

Mir schlugs auf den Magen.

Ich war noch ein Kind

Doch ein Kind ist nicht blind

Es ist auch nicht taub

Und hört, mit Verlaub,

Was ihr hervorbringt an Sätzen

Die schrecklich sind und ätzen.

 

Ich mochte das Lager im Westen

Die Menschen warn mir die besten.

Sie sprachen ganz anders, als die aus dem Städtchen

Und herzlich verliebt war ich in ein Mädchen

Das hatte Rehaugen und bräunliche Locken

Mit der wollt ich immer zusammenhocken

Und ihre Karnickel füttern mit Gras

Und die Murmeln teilen, manche aus Glas.

 

Die Mutter von Ursel, die machte uns Tee

Aus Brennnesselsamen, vielleicht auch aus Klee

Der war meistens lau und schmeckte erbärmlich,

Doch anderes gab΄s nicht, sie waren halt ärmlich.

Arm waren wir auch, jedoch unser Haus

Sah immer gebohnert und proper aus.

Warum sie nicht in Häusern wohnten

Mit Möbeln, die die Leute schonten,

Was ihnen widerfahren war

Das war als Kind mir nicht recht klar.

 

Mir wars egal, ich liebt’  die Leute

Und so erinner’ ich mich heute

An wildes Spiel und manches mehr,

Es ist schon lange lange her.

Ob Ursel lebt, das weiß ich nicht,

Doch widme ich ihr dies Gedicht.

 

Kinderspiele im Barackenlager. Malerei-Legebild-Collage

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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27 Antworten zu Ein Gedicht für Ursel (abc-Etüden)

  1. Werner Kastens schreibt:

    Sehr intim und berührend, wie Du Deine Kindheitserinnerungen schilderst.

    Gefällt 1 Person

  2. felsenquell schreibt:

    Herzlich verliebt bin ich mal wieder in Dein Gedicht, Gerda!

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  3. Christiane schreibt:

    Kinder sind oft am vorurteilslosesten, weil/wenn sie noch nicht den Ballast mit sich herumschleppen, den mensch im Laufe des Lebens meist erwirbt/aufgebürdet bekommt. 🤔
    Mag dein Gedicht, danke dir sehr für deine Erinnerungen. 😉👍
    Herzliche Abendgrüße 😁🌧️🌼🍷🥨🧀👍

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  4. finbarsgift schreibt:

    Ein feines Gedicht, voll menschlich und voller Liebe, schön.
    Hat mich außerdem an einen sehr frühen Post bei mir erinnert.
    Warte, liebe Gerda, ich guck mal nach…

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  5. Leela schreibt:

    wunderschön… alles…

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    • Leela schreibt:

      auch das Zugelaufene wird integriert…

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      • gkazakou schreibt:

        Das Barackenlager war ein Auffanglager für die Kriegsflüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten, die nicht durch Einquartierung bei den Einheimischen untergebracht werden konnten. Auf einen Einheimischen kamen 1945 vier Flüchtlinge, Menschen aus Schlesien, Ost- und Westpreußen vor allem, Akademiker, Handwerker, Arbeiter, Bauern… Viele zogen in den folgenden Jahren weiter ins Ruhrgebiet, wo sie Arbeit fanden. andere konnten sich im Rahmen von Wohnungsbauprogrammen am Stadtrand Eigenheime bauen. In den Baracken blieben die, die sich nicht so gut mit der neuen Situation zurechtfanden, bis dann das Barackenlager endgültig aufgelöst wurde.

        Gefällt 3 Personen

      • lachmitmaren schreibt:

        Meine Eltern gehörten zu solchen, also Flüchtling und Vertriebene. Über meine Mutter habe ich erst nach ihrem Tod von einer Cousine von ihr erfahren, dass sie auch in solch einem Auffanglager waren für eine gewisse Zeit. Sie selbst hat darüber nie gesprochen. Mein Vater ebenfalls nicht, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass auch er in solch einem Lager war, recht hoch ist. Beide waren Teenager zu der Zeit. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb): Den Ausdruck „Polacke“ habe ich in meiner Kindheit Zuhause auch recht oft gehört… .

        Gefällt 2 Personen

      • Leela schreibt:

        mit meinen polnischen Freunden habe ich so viel Spaß gehabt, so viel gelacht und so viel Schönes erlebt… es waren aber echte Polen, keine vertriebenen Deutschen… ein bisschen schlitzohrig und raffiniert waren sie schon, aber gerade das gefiel mir an ihnen… na ja, das ist jetzt am Thema vorbei…

        Gefällt 2 Personen

      • Leela schreibt:

        dass es so viele Flüchtlinge waren, war mir nicht bewusst. Dagegen sind die neuen Flüchtlingszahlen minimal…

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  6. Gisela Benseler schreibt:

    Ein schönes Gedicht, das viel.über Dich verrät und aussagt, Gerda. Und manches kommt mir auch bekannt vor. Was denn z.B.?
    Die Baracken. Die lagen im Westen von H., wo wir damals lebten, in properen Häusern, jedoch schlicht und schön. Und das lag auch mit daran, daß alles – mit viel Arbeit☆ – gut gepflegt wurde…Nun, auch ich war manchmal in den Baracken… Aber das ist ja eine lange Geschichte…

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  7. Gisela Benseler schreibt:

    Über die viele Arbeit hast Du ja gerade auch einiges geschrieben… Ich erinnere an das Wringen der nassen Wäschestücke.

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  8. Gisela Benseler schreibt:

    Das Bild gefällt mir auch sehr gut. Es erinnert mich auch ein wenig an die Baracken.

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  9. An die dunkle, für uns Kinder aber äußerst aufregende Zeit kann ich mich auch noch gut erinnern. Dein Gedicht fängt die Atmosphäre sehr authentisch ein.
    „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ (Degenhardt) hat mich später auch noch mal an die Zeit zurück erinnert.

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  10. Du hast ihr ein liebevolles Gedicht geschrieben, liebe Gerda, und das nach so langer Zeit.
    Heimatvertriebene waren meine Großeltern auch. Sie kamen aber aus Niederschlesien, keine Oberschlesier, und ob sie anfangs in einem Auffanglager waren, glaube ich nicht. Sie müßten bei meinem Onkel und seiner Frau in Delmenhorst gewesen sein, aber genau weiß ich es leider nicht.

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    • gkazakou schreibt:

      Viele kamen bei Verwandten unter oder wurden einquartiert. Aber sehr sehr viele lebten als erstes in Baracken, und zwar jahrelang. Wir wurden auch in Baracken unterrichtet, bis zum 10. Schuljahr, ich selbst bis 1958, dann gings in die Kreisstadt zur Oberstufe des Gymnasiums. Es war schön in unserer Schulbaracke, ganz nah am Segelsteg! Auch wenns im Winter kalt und zugig war und wir uns um den einzigen Ofen scharten 😉 Viel schöner als dann im Backsteingebäude, das preußischen Geist aushauchte.

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  11. OIKOS™-Editorial schreibt:

    Ein sehr schönes und nachdenkliches Gedicht. Auf die heutige Zeit übertragen muss man bedauern, dass man heutzutage nahezu „von Staats wegen“ von Kontakten abgehalten wird. Michael

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  12. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 22.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

  13. Wer ist da?! schreibt:

    Gedichte sind auch Mahnungen. Es gibt Dinge, die Ursel hinter sich gelassen, als sie etwas verstanden hat.

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