Selbst mit Strohhut (alltägliches Zeichnen)

Ein frustriertes Gesicht schaut mich aus dem runden Spiegel an, den ich mal gekauft habe, um mich im Selbstportrait zu üben.

„Ich kann mit dieser Zeit nicht mehr mitgehen.  Mit ihrer Wissenschaftsgläubigkeit. Mit ihrem Obrigkeits-Gehorsam. Mit ihrer Scheinheiligkeit. Mit ihrer Ängstlichkeit. Mit ihrer Impffreudigkeit. Mit ihrer seelischen Genügsamkeit. Ich bin wütend und traurig, ich bin fertig. Ich habe keine Lust mehr. Ich habe es satt. Mein Herz ist ein Klumpen aus Schmerz.“

Doch sie fühlten bald beim Berg-auf-Berge-Türmen

Wie doch schwer man schon an einem Strohhut trug.

(B Brecht, Mutter Courage, Das Lied von der großen Kapitulation)

 

„Hör schon auf, Gerda. Deine Zeit ist um. Du hast sie vergeudet. Wenn du mal glaubtest, die Menschen wären an Freiheit interessiert, vergiss es. Es genügt ihnen durchaus, ihren kleinen Ton zu blasen. Und dir auch. Also beklag dich nicht.“

Und vom Dach der Star

Pfeift: wart paar Jahr!

Und sie marschiern in der Kapell

Im Gleichschritt, langsam oder schnell

Und blasen ihren kleinen Ton:

Jetzt kommt er schon.

Und jetzt

Das Ganze schwenkt!

Der Mensch denkt: Gott lenkt.

Keine Red davon!

Das stimmt: nicht Gott lenkt. Das muss der Mensch schon selbst tun.  Und tust du es nicht, und tu ich es nicht – es finden sich andere, die es für dich tun. Und führen dich, wohin du nicht willst.

„Man muss sich nach der Decke strecken“

Muss man?

 

Und hier noch mal mit dem Text.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Dichtung, Leben, Meine Kunst, Musik, Politik, Psyche, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

30 Antworten zu Selbst mit Strohhut (alltägliches Zeichnen)

  1. afrikafrau schreibt:

    Was für Töne, nein nicht verzagen- hör nicht zu was alle so im Gleichklang sagen- bist gesund und munter – zieh dich nicht selbst runter – du hast doch Traumwelten….. morgen ist ein neuer Tag….

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke. liebe Afrikafrau, für deine aufmunternden Reime! Ja, selbstverständlich ist heute ein neuer Tag. Ich zeichnete mich gestern, und gestern fühlte ich so. Wie ich heute fühle, wird sich zeigen. Es hängt sehr vom input ab.
      Moral: Ich muss den input besser kontrollieren und nur das zulassen, was mir zuträglich ist.. Liebe Grüße an dich! Gerda

      Gefällt 2 Personen

  2. linienspiel schreibt:

    All deine Empfindungen, die du hier kund tust, drückt dein Selbstporträt in ungeheurer Intensität aus!

    Mir geht es ähnlich- Frust, Wut, Fassungslosigkeit, Schmerz.
    Liebe Grüße,
    Beate

    Übrigens: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Obst enthält. 😂😂

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Beate. Einerseits freue ich mich über den Gleichklang zwischen uns, andererseits wünsche ich dir und mir, dass wir unsere Fassung nicht dauerhaft verlieren, und nicht resignieren, sondern jeden Tag neu überlegen, was wir tun können, um gegenzusteuern und in unsere Kraft zu kommen, ggflls in unserer Kraft zu bleiben..Von Herzen, Gerda

      Gefällt 3 Personen

  3. Werner Kastens schreibt:

    Liebe Gerda, kannst Du mir sagen, woher Du die Legitimation nimmst, so über uns zu denken, zu reden und zu urteilen?

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  4. romanfidel schreibt:

    Salut, liebe Gerda. Angemessen, verständlich und ziemlich trist, finde ich, jedenfalls mit deutlich mehr Stil als meine im Koronazirkus entdeckte schlichte Neigung, stroh- bis saudummen Leuten und peinlich kriechenden Untertanen am liebsten einfach und ohne Unterlaß in den Hintern treten oder die Eselsohren langziehen zu wollen, aber wo kämen wir denn hin, wenn wir uns nun alle außer W. so gehen ließen 😉

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    • gkazakou schreibt:

      So empfinde ich wiederum nicht, lieber Roman. Ich bleibe bei mir, meiner eigenen Kleinmütigkeit.

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    • gkazakou schreibt:

      Ich glaube, du hast mich missverstanden, Roman. Mit meinen Mitmenschen zu hadern und sie zu beschimpfen, bringt uns keiner Lösung näher, sondern Zwietracht und Missverständnisse sind Teil des Problems. Wir werden systematisch in solche Zwietracht getrieben, bis wir als Menschen ganz auseinander dividiert sind. Da braucht es dann auch kein social distancing mehr. Denn zwischen uns Menschen klaffen dann Abgründe. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich Momente habe, wo ich mich kleinmütig fühle – und so einen Moment habe ich abgebildet. Es ist nicht mein Dauerzustand.

      Für mich ist das Wesentliche, zu mir selbst zu stehen Und solidarisch mit denen zu sein, die man zwingen will, gegen ihr Wissen und Gewissen zu handeln, Dies letztere ist sogar das allerwichtigste. Ich werde mich schon deshalb nicht impfen lassen.

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  5. Gisela Benseler schreibt:

    Liebe Gerda. Dein Selbstportrait mit Strohhut ist Dir außerordentlich gut gelungen. Den Frust in Deinem Gesicht, im Mund und noch mehr im Ausdruck der Augen, kann ich so gut verstehen angesichts der jetzigen Erkenntnisse. Doch die Verbindung zu Brecht und „Mutter Courage“ ist Deine Sache, nicht meine, und darum mag ich kein „Like“-Zeichen setzen. Es gibt auch maskentragende und geimpfte Menschen, die ich bewundere und die mir wie leuchtende Vorbilder vorkommen.

    Gefällt 1 Person

  6. Arno von Rosen schreibt:

    Oh liebe Gerda, wie lange habe ich über deine Gedanken selber gewacht, um mich deine Sicht anzuschließen und trotzdem, jeder Mensch ist es wert eigens beobachtet und beurteilt zu werden, nur ist es nicht an uns, sondern an jedem selbst. Beste Grüße aus Marburg ❤

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    • gkazakou schreibt:

      Lieber Arno, danke. Ich betone hier gerne noch mal, dass ich über meine eigenen miesen Gefühle zu diesem bestimmten Zeitpunkt rede, die keinesfalls irgendeine Verbindlichkeit für irgendeinen Mitmenschen und nicht mal Allgemeingültigkeit für mich selbst beanspruchen. ICH fühle so, ich sage es zu mir, ich erfasse die Stimmung zu diesem bestimmten Zeitpunkt, an dem ich mich im Spiegel sehe und zeichne.
      Jeder Mensch kann das nur für sich selbst tun.
      Liebe Grüße und einen angenehmen Tag wünsche ich dir! .

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  7. Leela schreibt:

    Ich mag das Portrait, es hat sehr viel Ausdruck, auch wenn es vielleicht Frustration spiegelt. Selbst sehe ich eher eine Art Trotz darin. Und das Lied von der großen Kapitulation: es hat unter anderen meine Jugend getragen. Mit den Kindern fängt es an. Das Ende der Freiheit und der großen Träume und der Beginn notgedrungener Anpassung zumindest in gewissem Ausmaß. Aber auch ein ganz besonderes Glück, das als Lohn aus den Kinderaugen strahlt. Und dann, wieder frei, fehlen Kraft und sprühender Elan. Einer unsrer Deutschlehrer, ein tiefer Brechtverehrer, sagte einmal: „euer Mut und Aufbegehren müsste kombiniert werden mit unserer Erfahrung… „. Ich denke aber, das hätte auch nichts geholfen. Es ist, wie es ist… Ändern und verbessern kann man nur an sich selbst. Alles andere ist verlorene Liebesmüh. Es ändert sich aus sich heraus oder es ändert sich nicht.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke für einen schönen Kommentar, liebe Leela. Du hast mich sehr gut verstanden. Ich spreche über mich selbst, zu einem bestimmten Zeitpunkt – denn … ändern kann man nur sich selbst. Darum geht es mir. Mich selbst zu ändern, oder vielmehr: In meiner Kraft zu bleiben, und nicht an meinem Frust zu ersticken.
      Dir einen möglichst schönen Tag! Gerda

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  8. wildgans schreibt:

    Ich sag jetzt nix, außer dass ich an Brigitte B. und ihren Kampf um Seehunde denken musste…
    Schöne Grüße

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  9. hanneweb schreibt:

    Dein Gesichtsausdruck auf diesem tollen Selbstporträt spricht für sich und so wie du empfinden inzwischen bestimmt viele Menschen. Du bist eine Kämpferin und hast zudem entsprechende Erfahrungen sowie auch das nötige Rückgrat, wie ich ja auch schon bei dir las. Also nicht runterziehen lassen, Dummschwatzerei an dir abprallen lassen und wie bisher du selbst bleiben, dann ist es gut!
    Liebe Grüße von Hanne

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Hanne, für deinen stärkenden Kommentar. Zum „Selbstbleiben“ gehört auch, Frust und Verzagtheit nicht zu verdrängen und einzuordnen im Lebensgang. Und zu versuchen, sich klarer darüber zu werden, worum es in diesem Kampf eigentlich geht.

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  10. lachmitmaren schreibt:

    Ich sah vor einigen Tagen bei jemandem auf dem Blog ein Interview von Erich Fromm aus den 70iger Jahren, wo er befragt wurde, wie es in Deutschland zum Faschismus kommen konnte. Er hat ziemlich genau das gesagt, was du (aus meiner Sicht) oben beschreibst: Einen (er nannte es masochistischen bzw. pathologischen) Drang, die eigene Selbstständigkeit aufzugeben.
    Einen Dienst am „Götzen Wissenschaft“, der die Leute dazu bringe, ihre Gefühle (also auch ihr Mitgefühl) zu ignorieren, weil es vermeintlich der Wissenschaft diene.
    Und ein Abtrainieren kritischen Denkens bereits in der Grundschule. … .
    Wahrscheinlich wäre es gut, wenn man diese Themen nochmal unabhängig von Corona sozusagen objektiv betrachten könnte, aber das ist derzeit kaum möglich.
    Natürlich kann man ohnehin immer nur von der eigenen Wahrnehmung ausgehen. Ich hatte dazu ja auch gerade eine sehr lange, interessante und durchaus auch gute (fand ich) Diskussion auf meinem Blog zu meiner aimer encore Etüde. Weil nach meinem Eindruck die Darstellung der eigenen Wahrnehmung beim Thema C Schranken gesetzt bekommt, die aus meiner Sicht bei so gut wie keinem anderen Thema so auftauchen würden. Was aber wiederum vielleicht nur meine Wahrnehmung ist, die auf MEINER Einseitigkeit beruht bei dem Thema. Ich weiß es nicht …. .

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    • gkazakou schreibt:

      Was du da, Fromm zitierend, sagst, ist tatsächich auch für mich das Zentrum des Problems: Die Bereitschaft des Menschen, die eigene Selbstständigkeit (Freiheit des Willlens) aufzugeben zugunsten der „Wissenschaft“, die, so wie sie betrieben wird, zu einem Götzen wurde, dem man blind gehorchen muss.
      Das geht weit über die jetzige Situation hinaus. Was nottut, ist lebendige Wissenschaft, lebendiges Denken und Fühlen.
      Danke für deinen Kommentar, Maren.

      Gefällt 1 Person

  11. Johanna schreibt:

    Das Bild ist wundernar, stark und traurig. Ich spühr’s Dir nach, denn solche Tage kenne ich. Und Du hast Recht, wenn Du über den Input sprichst, dazu gehören, meine ich, auch die Strömungen, denen man sich innerlich hingibt, und Die einen dann eben durchspühlen und nach draussen drängen.
    Dass dies Dein persönliches Erleben ist, und demnach auch nicht zur Kritik steht, ist eigendlich klar, finde ich.

    Gefällt 2 Personen

  12. Sich seine eigene kleine Freiheit zu bewahren ist nicht einfach, liebe Gerda.
    Ich verstehe Dich nur zu gut und sehe in Deinem Selbstportrait all den Frust,(oder doch eher Trotz?) den Du nicht rausschreien wolltest, aber das Rauszeichnen ist Dir verdammt gut gelungen. Oh ja, selbst ein Strohhut kann schwer drücken…

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