Tägliche Zeichnung: Durch Kopieren lernen (Dürer: „Hl. Hieronymus im Gehäus“)

Heute wollte ich verstehen, wie ein großer Meister beim Schraffieren vorgeht. Und verstehen kann man am besten, indem man es nachmacht.

Tintenstift-Zeichnung nach Dürers „Hieronimus“, 2020-02-01

Diese Zeichnung ist ein winziger Ausschnitt aus Dürers „Der Hl Hieronymus im Gehäus„, und nur eine Annäherung an das Original, das natürlich nicht mit Kuli gezeichnet, sondern mit einer feinen Nadel in Kupfer eingeritzt ist*. Es hat mich einiges gelehrt. Ich weiß nun, dass Dürer in der Regel der Form und Oberflächenstruktur der Dinge folgt und nur selten – und zwar im Schattenbereich – schraffiert und dass ihm keine Unregelmäßigkeit des Holzes und anderer Oberflächen gleichgültig ist, sondern er getreulich ihrer Maserung und Struktur nachspürt, bis in den letzten Winkel des Bildes hinein. Jede Linie ist sorgfältig bedacht, erfüllt eine Funktion, keine ist mechanische Füllung.

Vor allem hat es meiner Bewunderung für die Beobachtungs- und Imaginationskraft, die unendliche Geduld und technische Vollkommenheit des großen Meisters noch einmal  Auftrieb gegeben

Wikipedia: „Beim Kupferstich wird das zu druckende Bild mit einem Grabstichel spanabhebend in eine Kupferplatte „gegraben“. Die dabei entstandenen Linien nehmen dann die Farbe auf, welche mit einer Walzenpresse auf das Papier gedruckt wird“. Die Abbildung ist beim Artikel über Albrecht Dürers Leben und Werk zu finden.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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19 Antworten zu Tägliche Zeichnung: Durch Kopieren lernen (Dürer: „Hl. Hieronymus im Gehäus“)

  1. felsenquell schreibt:

    Mein Gott, solche Vollkommenheit! Und Hut ab, daß Du davor nicht verzagst sondern ihr durch Kopieren nachspürst

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Hella. Wie schon gesagt: es ist ja nicht nötig, sind zu vergleichen, um durchs Kopieren etwas zu gewinnen. Wenn ich ein Gedicht von Hölderlin auswendig lerne, denke ich ja auch nicht, ich könnte es erdichten. Und wer eine Klaviersonate von Beethoven spielt, versteht sie besser, als wenn er sie nur hört, aber ein Komponist ist er deshalb ja noch nicht

      Gefällt 3 Personen

  2. kopfundgestalt schreibt:

    1971 sah ich eine dürerausstellung in Nürnberg. Meine erste Kunstausstellung überhaupt und für sehr lange Zeit die einzige.
    Deine Beobachtung bzgl. Seiner Technik ist zutreffend.

    Ich kann mich erinnern, dass du mein „abzeichnen eines fotografischen portraits“ mal kritisch sahst. Ich meine: dadurch kann man doch studieren, wie es sich wirklich verhält: mit der augenstellung, dem aufbau des auges, der nasenform, dem mind, den Wangen, den Ohren ect.
    Es fällt einem dadurch schwerer, ein Gesicht ohne Berücksichtigung der genannten Parameter zu zeichnen.

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  3. lyrifant schreibt:

    Wahrlich eine gute Übung beim großen Meister! Da gehört wirklich Mut dazu – und Geduld! Aber es lohnt sich, wie man an Deinem Ergebnis und Deiner Reflexion sehen kann.

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  4. Ich bin echt platt, wenn ich sehe, wie Du daß wieder hinbekommen hast! 👏👏👏👌👌👌👍

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  5. gkazakou schreibt:

    ist doch nicht so schwer: hingucken, nachmachen. Manchmal stimmen die Dimensionen nicht genau, dann schummele ich ein bisschen.

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  6. Ule Rolff schreibt:

    Ja, nicht nur du lernst daran; so wie du dein Tun auch noch kommentierst, öffnest du auch mir die Augen dafür, wie Dürer gearbeitet hat. Und gibst mir eine Anregung, wie ich Zeichnen üben kann.
    Eine gelungene Übung, die mich ein wenig anschubst …

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  7. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Von Deiner kleinen Zeichnung schon total begeistert, sah ich dann den ganzen Kupferstich von Dürer und zum ersten Mal sah ich einen Kupferstich so, wie er wirklich ist, liebe Gerda.
    Ich sah endlich auch die Mühe, das geduldige Arbeiten, die Kunstfertigkeit und Ausführung auch der kleinsten Kleinigkeit bis das Kunstwerk tatsächlich gelungen war.

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Buni, genau das ist es, was ich bei diesem Kopieren auch merkte: wie oberflächlich der Bllick oft ist, weil man zu viel sieht und sich nirgends vertieft. Das Bild kannte ich seit langem, aber erstmals hab ich die wunderbare Arbeit, die Dürer da gemacht hat, wirklich begriffen. Ich habe mir ja die relativ einfachen Teile rausgesucht, nur Ausschnitte, und stehe staunend vor der Gesamtleistung. .

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  8. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    *lachel*, genau wie ich. Verrückt ist das.

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  9. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Gerda,
    ich denke auch, dass man beim Kopieren viel lernt! Genauso viel wie beim genauen Hinschauen.
    Eine schöne Woche von Susanne

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, klar, wer genau hinschauen kann, braucht nicht zu kopieren. Aber wer kann heute, bei all der Eile, noch genau schauen? alles geht husch husch 🙂

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      • Susanne Haun schreibt:

        Das ist leider ein Problem.
        Mein Problem ist oft, dass ich zuviel gleichzeitig will. Ich lerne immer noch Achtsamkeit und Prioritäten setzen. Was kann ich streichen? Was macht mich glücklich?
        🙂

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